Interview mit Dr. Wilfried Schäfer
„Ein schöner Erstaufschlag“
Die deutschen Werkzeugmaschinenhersteller stehen vor einem herausfordernden Jahr. VDW-Geschäftsführer Dr. Wilfried Schäfer erläutert im Gespräch mit Chefredakteur Hajo Stotz unter anderem, welche Risiken Industrie 4.0 für kleinere Firmen birgt, den Stand der Energieeffizienzregulierung der EU und warum die Metav ein Erfolg werden muss.
SCOPE: Herr Dr. Schäfer, wo liegen 2016 die größten Herausforderungen für die deutschen Werkzeugmaschinenbauer?
Schäfer: Für die Firmen wird es sicher eine große Herausforderung werden, die Märkte in breiter Front zu bearbeiten. Russland, über lange Jahre unser drittstärkster Markt, wird diese Rolle in absehbarer Zeit nicht wieder einnehmen, da die Sanktionen fortgeschrieben wurden. Bei China ist unklar, ob das letztjährige Niveau gehalten wird. Und die USA werden diese fehlenden Volumina nicht wettmachen. Unsere Firmen stehen daher vor der Herausforderung, in anderen Märkten neue Anknüpfungspunkte zu finden. Positive Signale verzeichnen wir dabei aus Europa, speziell Süd- und Westeuropa.
SCOPE: Welche Chancen, welche Risiken bringt das Thema Industrie 4.0 für die Werkzeugmaschinenindustrie?
Schäfer: Chancen bestehen sicherlich darin, mit IT-Unterstützung mehr Funktionalitäten aus einer Maschine herauszuholen, diese Funktionalitäten durch Vernetzung mehr Personen zugänglich zu machen und damit die Produktivität erhöhen und Services schneller, besser und umfangreicher anbieten können. Das sind große Chancen, die dem Hersteller und dem Kunden Mehrwert bieten.
Risiken bestehen bei der Datensicherheit. Auch die Harmonisierung von Schnittstellen ist gerade für den Mittelstand ein ganz wichtiges Thema. Wir können nicht mit zahllosen proprietären Schnittstellen in einer Kommunikationskette arbeiten. Das wird viel zu teuer.

Neupositionierung der Metav kommt gut an
Die METAV 2016 kommt mit ihrer Neukonzeptionierung bei den internationalen Herstellern von Produktionstechnik gut an. „Insbesondere die Quality Area und die Moulding Area übertreffen unsere Erwartungen“, resümierte Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer beim METAV-Veranstalter VDW, anlässlich des Internationalen METAV-Presseforums in Düsseldorf und Mönchengladbach.
Außerdem müssen sich aus Industrie 4.0 Geschäftsmodelle entwickeln lassen, von denen auch kleine und mittelständische Unternehmen profitieren können. Für unsere Firmen dürfen sich keine neuen Abhängigkeiten entwickeln.
SCOPE: In welcher Form?
Schäfer: Es geht ja im Großen und Ganzen um Daten, die bei den Kunden entstehen. Die Geschäftsmodelle dürfen sich nicht dahin entwickeln, dass von den Maschinen nur noch die Daten abfließen und andere daraus die Produktionsoptimierung ableiten. Hier müssen sich die Maschinenhersteller positionieren.
SCOPE: Und welche Hilfestellung bietet der VDW seinen Mitgliedern bei dem Thema?
Schäfer: Wir haben einen eigenen Arbeitskreis gegründet und diskutieren das Thema mit unseren Firmen. Es geht darum, was für unsere Industrie die sinnvollen operativen Lösungsmodelle unter Einbindung der Kunden und Zulieferer sind. Wir arbeiten an den genannten Themen und führen im Einzelfall auch vorwettbewerbliche Projekte mit unseren Mitgliedern durch.
SCOPE: Beim Thema 3D-Druck hat man den Eindruck, dass die traditionellen Werkzeugmaschinenhersteller erst allmählich den Markt wahrnehmen und vor allem junge Firmen die Trends setzen. Nutzt die Werkzeugmaschinenindustrie diese neuen Chancen genügend?
Schäfer: Ich hab da eine etwas andere Sicht. Rapid Prototyping oder heute Additive Manufacturing wird nicht die konventionellen Verfahren der Metall- oder Kunststoffbearbeitung ablösen. Es ist ein weiteres Fertigungsfahren. Alle Metallteile, die mittels generativer Verfahren produziert werden, benötigen eine Nachbearbeitung. Von daher sind sie eine Ergänzung in der Wertschöpfungskette für spezifische Anwendungen und kleine bis mittlere Stückzahlen.
Additive Manufacturing dringt jedoch immer stärker in die industrielle Fertigung ein – und die großen Maschinenhersteller nehmen sich zunehmend des Themas an. Firmen wie etwa DMG Mori, Hermle, Matsuura oder Mazak positionieren sich mit Hybridmaschinen. Trumpf ist wieder in die Produktion von 3D-Maschinen eingestiegen. Viele andere kooperieren, wie etwa Georg Fischer mit EOS. Ich sehe nicht, dass die Maschinenhersteller dem Thema hinterherhinken.
SCOPE: Um die Blue Competence-Initiative ist es recht ruhig geworden – gibt es da 2016 neue Entwicklungen?
Schäfer: Nachhaltigkeit steht als wichtiger Punkt auf der politischen Agenda, nicht nur bei der alternativen Stromerzeugung, sondern auch bei der effizienten Energienutzung. Blue Competence ist deshalb für den gesamten Maschinenbau wichtig, nicht nur für die Werkzeugmaschinen. Die Initiative Blue Competence läuft kontinuierlich weiter. Die Hersteller nutzen sie für ihr Marketing.
SCOPE: Ist der Ansatz der EU, die Energieeffizienz von Werkzeugmaschinen nach dem Top-Runner-Prinzip festzulegen - nach dem sich die Maschinen an den Energieeffizientesten ihrer Klasse orientieren müssen - damit vom Tisch?
Schäfer: Die Blue Competence-Initiative ist nicht die Antwort auf die Richtlinien-Anforderung der EU. Sie ist vielmehr eine Positionierung gegenüber dem Markt, der Öffentlichkeit und der Politik, mit der die Industrie demonstriert, dass sie an nachhaltigeren Maschinen und Prozessen arbeitet und bereits viele Lösungen bietet.
Werkzeugmaschinen stehen jedoch immer noch im Fokus der Regulierungsbemühungen der EU. Die Industrie versucht gemeinsam mit dem europäischen Verband eine Selbstregulierung umzusetzen. Die EU hat richtig erkannt, dass solche komplexen Systeme nicht so einfach wie Kühlschränke oder Staubsauger zu evaluieren sind. Deshalb hat sie eine Studie ausgeschrieben, die ein Punktesystem für komplexe Energieverbraucher untersuchen soll. Ihr Titel lautet „Technical Assistance study for the assessment of the feasibility of using „points system“ methods in the implementation of Ecodesign Directive“. Nach allem was wir wissen, wird sie von einem Konsortium mit fünf Institutionen unter Leitung des belgischen Forschungsinstituts Vito bearbeitet. Ein Ergebnis wird frühestens Ende des Jahres zu erwarten sein.
SCOPE: Spielt das Thema Energieeffizienz beim Kaufverhalten der Anwender überhaupt eine Rolle?
Schäfer: Das spielt durchaus eine Rolle. Die Automobilindustrie beispielsweise hat das Thema stark im Blick. Gemeinsam haben wir eine Messvorschrift zur Bestimmung des Energie- und Medienverbrauchs erarbeitet. Sie ist als VDMA-Einheitsblatt erschienen. Die meisten großen Abnehmer haben entsprechende Anforderungen in ihren Einkaufsbedingungen festgeschrieben. Die Frage ist natürlich, ob der ganze Aufwand honoriert wird. Das ist leider oftmals nicht der Fall.
SCOPE: Der VDW ist Veranstalter der Metav. Deren Besucherzahlen sind seit Jahren rückgängig – mit einem neuen Konzept soll die Messe 2016 neu belebt werden. Was sind die Kernpunkte des Konzepts?
Schäfer: Im Kern sind das zwei Punkte: Zum einen die Erweiterung der Themen, Technologien und Produkte, zum anderen als Reaktion auf den Markt die Nord-Süd-Perspektive. Wenn man die Besucherstrukturen in Stuttgart und Düsseldorf anschaut, stellt man fest, dass der durchschnittliche Besucher 1,1 Tage auf der Messe verweilt und aus einem Umkreis von 250 km kommt. Der Trend geht eindeutig zum Tagesbesucher. Das spiegelt sich auch in den Messestrukturdaten wider. Die Messe Stuttgart zieht zu 90 Prozent Bayern und Baden-Württemberger als Besucher an und erreicht den Norden und Westen nicht. Auf der Metav ist es genau umgekehrt. Gemeinsam decken die beiden Standorte Deutschland ideal ab.
Dann gibt es Themen, wie zum Beispiel Messtechnik, die zwar in der Control abgebildet ist, aber im Norden kein entsprechendes Adäquat Pendant hat. Deswegen haben uns die Hersteller gebeten, die Metav im Bereich Messtechnik und Qualitätssicherung zu erweitern. Das haben wir bereits 2014 getan und jetzt in das neue Area-Konzept integriert. Das Konzept wird sehr gut angenommen. Wir haben gegenüber 2014 50 % Wachstum in der Ausstellerzahl.
In gleicher Weise haben wir die Themen Moulding, also Werkzeug- und Formenbau, Medical und additive Fertigung als Areas in die Metav integriert.
SCOPE: Und welche Erwartungen bezüglich der Besucherzahl haben Sie an die Metav?
Schäfer: Wir erwarten natürlich eine Steigerung der Besucherzahlen. Zum einen wegen des neuen Konzepts, mit dem wir neue Zielgruppen ansprechen. Auch werben die Aussteller für die Metav und laden ihre Kunden ein. Und zum anderen ist die Metav die erste vollständige Veranstaltung nach der EMO 2015. Nach Mailand reisen bekanntermaßen nicht so viele deutsche Fachbesucher wie zur EMO Hannover. Sie wollen auf der Metav natürlich die Neuheiten sehen - was ja auch der Fall ist. Mit dieser Konstellation werden wir einen schönen Erstaufschlag machen.
SCOPE: Herr Dr. Schäfer, vielen Dank für das Gespräch.









