Autonome Fertigung

Melanie Steinbeck,

Anwenderbericht: Vernetzte Fertigungsplattform für den Werkzeugbau

Längere autonome Laufzeiten, höhere Prozesssicherheit und eine durchgängige digitale Auftragssteuerung: Mit einer vernetzten Fertigungsplattform hat die Escha GmbH & Co. KG, Hersteller industrieller Verbindungstechnik, ihren Werkzeugbau umfassend modernisiert. Nach Unternehmensangaben stiegen die produktiven Maschinenlaufzeiten um mehr als 70 Prozent, die Bearbeitungszeiten verkürzten sich um rund 30 Prozent und die Termintreue verbesserte sich von 55 auf 88 Prozent.

Vor der Versa 945 bei Escha: Alain Strebel (Fehlmann), Benjamin Unruh (Escha), Enrico Akkerman (Gibas) und Peter Potjans (Fehlmann). © Escha GmbH & Co. KG

Ausgangspunkt des Projekts waren technische und organisatorische Grenzen der bestehenden Fertigung. Zwei ältere HSC-Fräsmaschinen mussten ein breites Werkstoffspektrum von Graphit und technischen Kunststoffen bis hin zu Werkzeugstahl und Edelstahl bearbeiten. Während sie sich für Schlichtbearbeitungen eigneten, fehlte es bei anspruchsvolleren Zerspanaufgaben an Leistung. Hinzu kamen häufige Störungen durch unzureichende Spanabfuhr, lange Werkzeugwechselzeiten sowie begrenzte Magazin- und Palettenkapazitäten, die längere mannlose Laufzeiten erschwerten.

Die Versa 945 von Fehlmann kombiniert mit einer angepassten Automationslösung von Gibas das maschinelle Herzstück der neuen Fertigungsplattform bei Escha. © Escha GmbH & Co. KG

Auch die Fertigungsorganisation entsprach nicht mehr den Anforderungen. „Werkzeugverwaltung und Fertigungsplanung basierten weitgehend auf manuellen Prozessen. Wir hatten eine regelrechte Excel-Landschaft“, erinnert sich Benjamin Unruh, Projektmanager bei ESCHA. „Werkzeugdifferenzen wurden einmal am Tag berechnet und wenn danach noch etwas reinkam, musste der Auftrag eben warten.“

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Digitalisierung als Ausgangspunkt

Anstatt lediglich eine Fräsmaschine zu ersetzen, entwickelte Escha zunächst eine Digitalisierungsstrategie für den Werkzeugbau. Ende 2021 führte das Unternehmen ein MES- und Leitsystem mit Tool- und Jobmanagement ein. Parallel entstand ein Lastenheft, das sämtliche Anforderungen an Maschine, Automation und digitale Integration definierte.

Im Werkzeugbau bei Escha entstehen Spritzgusswerkzeuge, Vorrichtungen und Formeinsätze, die später die Grundlage für die Produktion der Steckverbinder bilden. © Escha GmbH & Co. KG

Die Ziele waren klar formuliert: Die Reparaturkosten sollten sinken, die Prozesssicherheit steigen, Bearbeitungszeiten um rund 30 Prozent reduziert und längere unbeaufsichtigte Laufzeiten ermöglicht werden. Voraussetzung war außerdem die vollständige Einbindung der neuen Fertigungszelle in das Leitsystem.

Bearbeitungszentrum für unterschiedliche Werkstoffe

Nach einer Marktanalyse entschied sich Escha für das Bearbeitungszentrum VersaVersa 945 von Fehlmann.

Die Versa 945 bearbeitet stabil und präzise das breite Werkstoffspektrum bei Escha. © Escha GmbH & Co. KG

„Die Fehlmann-Lösung hatte mit 94 Prozent den höchsten Erfüllungsgrad unserer Anforderungen“, erklärt Benjamin Unruh. „Zudem wussten wir bereits aus der Vergangenheit, dass wir uns bei Fehlmann sowohl auf die Technik als auch den Service verlassen können.“

Die Maschine kombiniert eine Spindeldrehzahl von 24.000 min⁻¹ mit einem Drehmoment von 74 Nm und deckt damit das gesamte Werkstoffspektrum im Werkzeugbau ab. Ein Abrasiv-Paket schützt die Führungen bei der Bearbeitung abrasiver Kunststoffe. Für den automatisierten Betrieb verfügt die Anlage über ein Werkzeugmagazin mit 256 Plätzen, eine 80-bar-Innenkühlung sowie einen separaten Zugang für die Automation.

„Der Kunde braucht nicht immer das Rennpferd“, beschreibt Alain Strebel, Vertriebsleiter Deutschland/Nord-Europa bei der Fehlmann AG, die Maschinenphilosophie. „Oft braucht er eher den Galopper – also eine Maschine, die viele unterschiedliche Disziplinen zuverlässig beherrscht.“

Flexible Automation

Die Automatisierung realisierte Fehlmann gemeinsam mit Gibas. Die Fertigungszelle verarbeitet die Spannsysteme 'ITS50', 'ITS148' und 'UPC320' und ist mit einem Fanuc-Roboter ausgestattet. Ein optisches 2D-Code-System überprüft vor jedem Werkstücktransfer die Identität und Position der Paletten.

Herzstück der Automation ist eine Roboterzelle mit einem Fanuc-Roboter, der unterschiedliche Bauteilgrößen problemlos handeln kann– von kleinen Elektroden bis hin zu großen Formplatten. © Escha GmbH & Co. KG

„Der Roboter ist hierfür mit einem spezialisierten Barcode-Scanner sowie einem Lasersensor zur Anwesenheitsüberprüfung ausgestattet. Dieses System fungiert als kritisches Sicherheitsfeature. Vor jedem Transfer in die Versa 945 scannt der Roboter die Palette in der Übergabestation ab und verifiziert die Identität sowie die korrekte Lage“, erklärt Enrico Akkerman, CCO bei Gibas.

Ergänzt wird die Anlage durch eine Waschstation, die Werkzeugbauteile bei Umgebungstemperatur reinigt und über das MES- und Leitsystem automatisch das passende Reinigungsprogramm auswählt.

Digitale Prozesssteuerung

Das MES- und Leitsystem 'Evomecs' übernimmt die Auftragssteuerung, Werkzeugverwaltung und Maschinenbelegung. Werkzeuge werden per 2D-Code identifiziert und anhand ihrer Standzeiten überwacht.

„Um Werkzeugbruch zu vermeiden, gingen wir früher auf Nummer sicher und haben Werkzeuge frühzeitig gewechselt. Heute treffen wir Entscheidungen auf Grundlage realer Maschinendaten. Wir wissen jederzeit, welches Werkzeug wie lange gelaufen ist und welche Reststandzeit noch zur Verfügung steht. Das gibt uns deutlich mehr Sicherheit und Transparenz im gesamten Fertigungsprozess“, erklärt Benjamin Unruh.

Nach Unternehmensangaben stieg die produktive Maschinenlaufzeit von durchschnittlich 8,75 auf rund 15 Stunden pro Tag.

„Das entspricht einer Steigerung von über 70 Prozent“, freut sich Benjamin Unruh. „Und dabei sind die Laufzeiten heute viel stabiler und planbarer.“

Gleichzeitig gingen Werkzeugbrüche und Ausschuss zurück. Die Termintreue erhöhte sich von rund 55 auf 88 Prozent.

„Die Prozesse sind heute wesentlich transparenter und besser planbar“, sagt Unruh. „Dadurch können wir flexibler auf kurzfristige Änderungen reagieren. Und so haben wir auch begonnen, Aufträge von externen Kunden zu bearbeiten.“

Die Einführung der Fertigungsplattform wurde von einem mehrstufigen Schulungskonzept begleitet.

„Wir wollten die Mitarbeiter komplett mitnehmen“, betont Benjamin Unruh. „Die hohe Akzeptanz der neuen Systeme ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Projekts. Denn erst das Zusammenspiel aus moderner Technologie und qualifizierten Mitarbeitern ermöglicht die stabile und weitgehend autonome Fertigung, die wir mit dem Projekt erreichen wollten.“

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