Deutsche Industrie unter Druck

Melanie Steinbeck,

Industrieverband streicht Wachtumsprognose

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die deutsche Industrie weiterhin unter erheblichem Druck und rechnet mit Stagnation statt Wachstum. Zugleich betont der Verband auf der Hannover Messe die Innovationskraft der Branche.

Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie © BDI/ Jana Legler

Die deutsche Industrie steht nach Einschätzung des Verbands weiterhin unter zunehmendem Druck. Ein leichtes Wachstum, das bislang erwartet worden war, sei nicht mehr realistisch. Zum Start der Messe verschärft der Industrieverband zudem seine Kritik an den politischen Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel.

Rückgang der Industrieproduktion in Deutschland

Seit 2022 ist die Industrieproduktion in Deutschland Jahr für Jahr zurückgegangen. Auch für das laufende Jahr rechnet die Branche nicht mit Erholung und hat ihre Wachstumsprognosen entsprechend nach unten korrigiert. Bestenfalls sei noch mit Stagnation zu rechnen.

Zusätzliche Belastungen ergeben sich aus dem Krieg der USA und Israels gegen den Iran, steigenden Energiepreisen, anhaltenden Störungen in den Lieferketten sowie Beeinträchtigungen des internationalen Schiffsverkehrs – insbesondere in der Straße von Hormus. Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge, dass die Produktion im fünften Jahr in Folge schrumpfen könnte. Die Kapazitätsauslastung der Industrie liegt derzeit bei unter 80 Prozent.

„Die Hannover Messe zeigt jedes Jahr die Leistungsfähigkeit unserer Industrie. Sie zeigt Innovationskraft, Ingenieurskunst und Unternehmergeist. Aber sie zeigte in den vergangenen Jahren regelmäßig, unter welchem Druck diese Industrie steht. Erste Eindrücke aus Gesprächen gestern und heute zeigen: dieser Druck besteht weiter – und wächst“, sagte Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, zum Auftakt der Hannover Messe.

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Geopolitik als zusätzlicher Belastungsfaktor

Besonders die verschärfte geopolitische Lage wirkt sich laut Verband zunehmend auf die Weltwirtschaft aus. „Die geopolitische Lage hat sich zuletzt deutlich verschärft. Der Krieg im Nahen Osten hat die Weltwirtschaft – und damit uns – an einem besonders empfindlichen Punkt getroffen“, so Leibinger. Die Folgen reichten von steigenden Energiepreisen über Lieferkettenrisiken bis hin zu Investitionszurückhaltung.

„Investitionen werden verschoben, Planungen vertagt“, heißt es weiter. Selbst bei einer raschen Beendigung des Konflikts blieben die wirtschaftlichen Folgen erheblich: Das globale Wachstum könne um bis zu 0,3 Prozentpunkte sinken, im Euroraum um rund 0,5 Prozentpunkte. Die Inflation dürfte „weltweit und auch im Euroraum um knapp einen Prozentpunkt zulegen“.

Bei längerer Dauer des Konflikts drohten deutlich stärkere Effekte bis hin zu einer Stagnation im Euroraum.

Industrieproduktion stagniert
Die konjunkturelle Lage der deutschen Industrie bleibt angespannt. „Die Produktion liegt hierzulande weiterhin deutlich unter früheren Niveaus. Wir rechnen für 2026 statt mit einer soliden Erholung vor dem Krieg nun mit einer Stagnation gegenüber dem Vorjahr. Damit bewegen wir uns seitwärts, nicht aufwärts.“

Deutschland falle im internationalen Vergleich weiter zurück. Zwar stützten staatliche Investitionen die Nachfrage, sie reichten jedoch nicht für einen nachhaltigen Aufschwung. „Der Irankrieg sorgt dafür, dass der erhoffte Aufschwung weit in das zweite Halbjahr oder komplett ins Jahr 2027 verschoben wird.“

Für 2025 wird ein Rückgang der Industrieproduktion um 1,5 Prozent ausgewiesen. Zwar habe sich das Exportgeschäft zuletzt leicht belebt, die Entwicklung sei jedoch fragil. Seit 2022 sinke die Produktion jährlich.

Während die globale Industrieproduktion 2025 um über drei Prozent wuchs, blieb Deutschland zurück. Auch die Kapazitätsauslastung sei historisch niedrig: „Die Produktionskapazitäten der Industrie waren zuletzt nur zu gut 78 Prozent ausgelastet – über fünf Prozentpunkte weniger als im langjährigen Durchschnitt“, so Leibinger. Seit elf Quartalen liege sie unter dem Mittelwert.

Auch zu Jahresbeginn 2026 setzte sich der Rückgang fort: „Und auch die Industrieproduktion ist in den ersten beiden Monaten 2026 erneut gesunken – um ein Prozent im Vergleich zu Vorquartal.“ Die Folgen seien deutlich spürbar: „Maschinen stehen still. Kapazitäten bleiben ungenutzt. Unternehmen und ihre Beschäftigten geraten unter Druck, Beschäftigung wird abgebaut und Insolvenzen nehmen zu.“

Einziger Lichtblick seien zuletzt gestiegene Auftragseingänge: „Auch wenn man einige Großaufträge herausrechnet, die das Bild verzerren, beträgt das Plus noch 1,9 Prozent.“

Deutsche Industrie zeigt trotz Krise Innovationskraft

Trotz der wirtschaftlichen Belastungen betont der BDI die Leistungsfähigkeit der Branche. Die Industrie sei „innovativ, leistungsfähig und leistet ihren Teil für einen wettbewerbsfähigen Standort“. Besonders in den Bereichen Automatisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz zeigten sich starke Entwicklungen. „Wir sehen auch die enorme Wichtigkeit des sogenannten Domänenwissens bei der Anwendung der künstlichen Intelligenz.“

Abschließend verweist der Verband auf die Bedeutung der Messe selbst: Sie zeige weiterhin, „was die deutsche Industrie kann“.

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