Wirtschaft + Unternehmen
Schwarze Zahlen im Maschinenbau
Alle wissen, daß es jetzt darauf ankommt. Die Rahmenbedingungen sind so günstig, wie schon lange Jahre nicht mehr. Unternehmen haben ihre Strukturen verändert, Rationalisierungspotentiale ausgeschöpft, Personaldecken gestrafft, neue Produkt- und Produktionskonzepte erdacht ¿ sind also vorbereitet auf einen gelungenen Start ins neue Jahr. Wer jetzt noch am Markt ist, sollte spätestens in diesem Jahr die schwarzen Zahlen erreichen.
Wenn einer Branche Gutes zu wünschen ist, dann dem von der Konjunkturflaute gebeutelten Maschinenbau und ganz besonders dem Werkzeugmaschinenbau, der eine bisher noch nie erlebte Talfahrt hinter sich gebracht hat. Ja, hinter sich gebracht hat! Denn die ¿Zeichen¿ des Marktes lassen berechtigte Hoffnungen zu. So rechnet der VDMA für 1998 mit einem Produktionswachstum, das sich zwischen fünf und sechs Prozent bewegt. Wichtig ist die Erkenntnis, daß dieses Wachstum nicht allein aus Exporten kommt, sondern auch aus einer gesteigerten Binnenmarkt-Nachfrage. Zwar arbeitet der deutsche Maschinenbau seit Jahrzehnten europa- und weltweit, doch der Binnenmarkt ist der wichtigste Umsatzträger.
Schon die EMO in Hannover zeigte die Trendwende in der Metallbearbeitung: Weit über 2000 Aussteller konnten noch mehr Fachbesucher begrüßen, angestiegene Investitionsbereitschaft registrieren, die Kaufabschlüsse während der Messe gegenüber 1993 verdoppeln und von guter bis sehr guter wirtschaftlicher Situation berichten. Ein Trend, der sich europaweit abzeichnet und auch den italienischen Werkzeugmaschinen ein Produktionsplus brachte, sogar eine Steigerung im Export um 14,8 Prozent. Auch die Schweiz hat beeindruckende Zahlen parat. Ihre Werkzeugmaschinen machen immerhin 5 Prozent der Weltproduktion aus und der Exportanteil liegt bei fast 90 Prozent. Und in Österreich zeichnet sich ebenfalls ¿ein positives Stimmungsbild¿ ab.
Für den deutschen Maschinenbau werden sich zum Jahresende 1997 (auf Basis der VDMA-Zahlen) die folgenden (geschätzten!) Änderungen gegenüber 1996 ergeben: Umsatz plus 4 bis 5 Prozent; Auslandsumsatz plus fast 10 Prozent; Produktion plus 5 Prozent; Auftragseingang: Inland plus 5 bis 6 Prozent, Ausland plus 13 Prozent, insgesamt plus 9 bis 10 Prozent; Auftragsbestand 5 bis 6 Monate; Beschäftigte minus 3 Prozent; Produktivität plus 9 Prozent; Lohnstückkosten minus 6 bis 7 Prozent; Inlandspreise (Erzeugerpreise auf dem deutschen Markt) plus 0,5 Prozent; Ausfuhrpreise plus 1 Prozent; Einfuhrpreise plus 1 Prozent.
Die Daten des VDW geben ebenfalls Grund zur Hoffnung für die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie. Ende des ersten Halbjahres 1997 steht für die Produktion ein Plus von 2 Prozent in der Statistik. Und dieses Plus hält sich bis zum Jahresende in der Schätzung. Wobei allerdings die Haupt-Wachstumsimpulse aus dem Ausland kommen. Für den Export sind immerhin plus 4 Prozent genannt.
In diesem Zahlen-Umfeld bewegen sich auch die Werkzeughersteller, die vom Maschinen- und Bearbeitungs-Aufschwung natürlich profitieren. Wenn man bedenkt, daß für diese Branche das Jahr 1996 sehr positiv verlaufen ist, so leuchtet ein, daß auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen: Der Umsatzzuwachs wird sich zum Jahresende 1997 etwa auf 3 Prozent belaufen, wobei die Inlandsnachfrage ebenfalls um diesen Wert ansteigen wird. Nach wie vor sind deutsche Präzisionswerkzeuge im Ausland hoch geschätzt, was sich in einem Exportanteil von immerhin 43 Prozent niederschlägt.
Unaufhaltsam vorwärts
Wer meint, nun habe man die Metallbearbeitungs-Technologie auf sehr hohem Niveau sicher im Griff, der hat bestimmt recht. Doch wer daraus schließt, daß keine großen Neuigkeiten mehr zu erwarten sind, der liegt völlig daneben. Wirklich Neues kommt unter den Begriffen Tripoden, Hexapoden, Rapid Product Development, Ultrapräzisionstechnologie, Mikrotechnologie und offene Steuerungssysteme auf uns zu.
Tripoden und Hexapoden können die ganze Welt des Werkzeugmaschinenbaus auf den Kopf stellen. Das, woran wir uns gewöhnt haben ¿ drei senkrecht aufeinander stehende Achsen im kartesischen Koordinatensystem (X,Y,Z) und lineare geradlinige Bewegungen ¿ sind nicht der Weisheit letzter Schluß. Das Prinzip der Parallelkinematiken beruht auf einem grundlegend anderen Ansatz: So kann zum Beispiel ein Maschinen-Bearbeitungskopf mit drei Teleskoparmen frei im Raum bewegt werden (Tripod) oder eine ganze Bearbeitungsspindel bekommt, an sechs Teleskoparmen befestigt, so viel Bewegungsfreiheit, wie es bisher niemand für möglich gehalten hätte. Zwei gewaltige Probleme mußten vor dem Realisieren der Idee gelöst werden. Notwendig wurden verdrehsichere, spielfreie Teleskoparme für höchste Zug- und Druckbelastungen und Gelenke, die spielfrei, steif und tragfähig größte Schwenkwinkel bieten. Das zweite Problem bestand in der benötigten gewaltigen Rechnerleistung, die diese Bewegungsvielfalt schnell, sicher und präzise in den Griff bekommt. Noch vor wenigen Jahren wäre solch eine Steuerung aus Gründen der Baugröße (Rechnerabmessungen) und des finanziellen Aufwandes völlig undenkbar gewesen.
Ein anderes Stichwort für neues Denken ist das Rapid Product Development. Dabei geht es im Grunde um den schnellsten Weg zum Serienteil. Durchgängig kann der Konstrukteur sein CAD-Modell über standardisierte Schnittstellen direkt in Prototypen, Vorserienteile oder Vorserienwerkzeuge verwandeln lassen. Zeit wird zum Wettbewerbsfaktor. Was der Rechner einmal begriffen hat, kann er weiterentwickeln und an die Steuerungen von Werkzeugmaschinen weiterleiten. Natürlich gehören zum Zeitgewinn auch Verfahren wie Laser-Sintern, Stereolithographie, Laser-Caving und alle nur denkbaren Möglichkeiten der Vermessungstechnik.
Und bei den ¿offenen Steuerungen¿, die meist doch nicht so offen sind, wie moderne Produktionsverfahren es wünschen ließen, tut sich Gravierendes. Zur Zeit laufen Bestrebungen, die Funktionen von verschiedenen Werkzeugmaschinen-Steuerungen in Modulen zusammenzufassen. Wenn das gelingt, so darf wirklich von durchgehender Offenheit die Rede sein. Schon in diesem Jahr werden wir dazu Neues vom OSACA-Verein hören.
Eindeutige Trends
Natürlich gibt es in der Branche nicht nur das absolut Neue. Vielleicht sind sogar die Weiterentwicklungen noch wichtiger: Zeigen sie doch, daß Werkzeugmaschinenhersteller, Werkzeuganbieter, Steuerungstechniker, Automatisierer, Meßtechniker und Verfahrensoptimierer mit ihren Kunden im Dialog stehen und die Wünsche der Metallbearbeiter in Konzepte umsetzen. So geht mit Blick auf die Werkzeugmaschinen der Trend zu höheren Schnittgeschwindigkeiten, zu größerer Dynamik in der Werkzeugbewegung, zu Maschinen mit Linear-Direktantrieben, zur Komplettbearbeitung, zur Minimalmengen-Schmierung, zur Trockenbearbeitung und natürlich, wie bisher schon fast durchgängig, zu Modularität, Flexibilität und Automatisierung.
Auch um den Service macht man sich Gedanken. Per ISDN oder Internet besteht die Möglichkeit zur Ferndiagnose oder Fernüberwachung von Produktionsmaschinen. Ziel ist es, auftretende Störungen direkt im Prozeß schnell und gezielt zu beseitigen: Des Produktionsleiters schönste Träume könnten wahr werden.
Mit den hochgeschraubten Ansprüchen der Maschinentechnik können die Werkzeuge sehr gut mithalten. Die hochharten Schneidstoffe CBN oder PKD sind auf dem Weg vom Speziellen zur Normalität. Das System der Beschichtungen erweitert sich ständig, die Suche nach der ¿noch höheren¿ Standzeit läuft auf vollen Touren. Wünsche in Richtung Hochgeschwindigkeitsbearbeitung, Hartbearbeitung und Trockenbearbeitung nehmen die Werkzeughersteller als Herausforderung an. Auch der besondere Kundenwunsch, zum Beispiel nach Komplettwerkzeugen, die mehrere Bearbeitungsoperationen in einem Schritt vornehmen, fällt auf fruchtbaren Boden: Vor- und Fertigfräsen in einem Schritt; Bohren und Reiben mit nur einem Werkzeug; Bohren, Senken und Fasen auf einen Rutsch ¿ das hat schon was! Und außerdem ist das Fassungsvermögen der Werkzeugmagazine trotz immer weiteren Ausbaus letztendlich doch begrenzt.
Die Weichen zum Erfolg sind gestellt
Wer so zahlreiche Technologieangebote wirklich nutzt und umsetzt, der hat sich den Erfolg erarbeitet und damit redlich verdient. Es ist dem Maschinenbau von ganzem Herzen zu gönnen, daß nun die Konjunktur etwas mithilft. Unverhofft kam 1992 der Sturz ins Dilemma, ein Tauchen in ungeahnte Tiefen, die noch im Jahr zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Nun, nach einer Lehr- und Lernphase, geht es seit 1995 wieder langsam bergauf. Die Weichen sind gestellt, schwarze Zahlen rücken in den Bereich der realistischen Möglichkeiten. Hoffentlich geht alles gut . . .
Dieter Capelle / Januar 1998
Links: http://www.vdma.org, http://www.metalworking-globe.com, http://www.ina.de








