Interview mit Steffen Roos

Andreas Mühlbauer,

„Es geht um ein Gesamtkonzept“

Cloud und Edge Computing: Wo stehen wir und welche Rolle spielen diese Komponenten im Digitalisierungskonzept? Steffen Roos, Managing Partner bei der Telekom-Tochter Detecon International, beantwortet diese Fragen im Gespräch mit Andreas Mühlbauer.

Steffen Roos, Managing Partner bei der Telekom-Tochter Detecon International. © Detecon

Welche Rolle spielt die Cloud heute in der Industrie? Und wo sehen Sie in diesem Bereich Potenzial für die Zukunft?
Die Cloud steht bei den Industrie-CIOs schon lange ganz oben auf der Agenda, allerdings mit sehr unterschiedlichen Reifegraden bei der Nutzung. Während einige sich bereits tief in die Materie eingearbeitet haben, konnten andere bisher nur die Oberfläche des Themas ankratzen. Natürlich hängt es ganz von der jeweiligen Geschäftsstrategie und der daraus abgeleiteten IT-Strategie ab, inwiefern Unternehmen sich mit der Cloud auseinandersetzen. Denn die Cloud ist - mit all ihren Vorteilen - nicht immer die kostengünstigere Alternative im Vergleich zur bestehenden Infrastruktur. Dennoch gibt es im Bereich der Cloudifizierung noch viel ungenutztes Potenzial.

Doch bevor man sich Gedanken darüber macht, wohin die Reise mit der Cloud geht, sollte man sich fragen, worin der tatsächliche Mehrwert der Cloud für das eigene Unternehmen liegt. Konkret müssen Unternehmen prüfen, inwieweit Cloud-Lösungen einen BusinessImpact für die eigene Organisation generieren können. Soll die Lösung als Treiber für die Optimierung bestehender Geschäftsprozesse, etwa durch datengetriebene Automatisierung, Entscheidungsfindung und Steuerung, oder als Enabler für neue Geschäftsfelder, beispielsweise durch ein neues digitales Produktportfolio oder durch strategische Partnernetzwerke und vernetzte Lieferketten genutzt werden? Die zentrale Frage sollte daher sein: "Welche Herausforderungen will ich mit Hilfe der Cloud bewältigen und was sind die Champion Use Cases für mein Unternehmen?" Keine zwei Unternehmen haben die gleiche Antwort auf diese Frage, denn aus den unterschiedlichen Gegebenheiten eines Unternehmens - sei es das zugrundeliegende Geschäftsmodell oder die vorhandenen Assets und Legacy-Systeme - ergeben sich für jedes Unternehmen unterschiedliche Potenziale und Chancen. Das Spektrum ist breit und reicht von der Produktentwicklung über ERP-Systeme bis hin zur Logistik und der eigentlichen Produktion. Cloudification ist überall denkbar, aber nicht immer sinnvoll. Man kann und muss ja auch nicht in jeden Föhn ein iPhone einbauen.

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Eine weitere zunehmend wichtige Technologie ist das Edge Computing. Reduziert sich dies auf zeitkritische Prozesse oder wo liegen die künftigen Einsatzbereiche?
Mit der fortlaufenden Digitalisierung von Unternehmen steigen die Anforderungen an den Datenfluss- und die Datenanalyse, insbesondere in Bezug auf die Latenzzeiten. Durch die Realisierung konkreter IoT Solutions - wie z.B. prädiktive Wartung, digitale Mitarbeiterführung oder kollaborative Roboter - müssen immer größere Datenmengen in kurzer Zeit analysiert und als Entscheidungsimpulse zurückgespielt werden. Das Edge Computing ist hierfür die perfekte Lösung und sichert die weitere Vernetzung des Unternehmens. Während die Cloud in der Regel weit entfernt liegt, habe ich „kleine Rechenzentren“ direkt vor Ort – unmittelbar an der Edge, der Außenkante meiner Infrastruktur. Daten können hier dezentral verarbeitet werden, direkt dort wo sie anfallen. Die Daten werden also schneller verarbeitet und können entsprechend zügig in die Prozesse übersetzt werden. So werden Antwortzeiten reduziert. Ein Beispiel: Bei einer Maschine, die anfällig für Temperaturschwankungen ist, würden wir das Thermometer an die Edge knüpfen und die Daten dort analysieren, statt den Umweg über die Cloud zu gehen. Die Edge erfüllt hier eine Filterfunktion für hochwertige Echtzeit-Analysen.

Mit Hilfe von Edge Computing kann ein Unternehmen darüber hinaus eine hohe Ausfallsicherheit durch dezentrale Datenverarbeitung gewährleisten und eignet sich daher beispielsweise sehr gut für Einsätze mit einer hohen Anzahl von Geräten in einem kleinen Versorgungsgebiet. Auch im Bereich der Sicherheit und des Datenschutzes bietet Edge enorme Vorteile für Unternehmen, indem Daten gefiltert und verschlüsselt werden können, bevor diese an die Cloud gesendet werden.

Wie lassen sich diese beiden Technologien sinnvoll in ein umfassendes Digitalisierungskonzept integrieren?
Edge- und Cloud-Computing sind in erster Linie Technologiebausteine innerhalb einer Unternehmensarchitektur. Wie diese Architektur aussieht, hängt von den Herausforderungen ab, die sie adressieren soll. Ist zum Beispiel eine Echtzeitverarbeitung von Daten erforderlich, dann lohnt es sich, diese vor Ort in der Edge durchzuführen. Andererseits lassen sich langfristige Wartungsanalysen besser in der Cloud abbilden. Je nachdem, ob der Fokus auf Performance, Verfügbarkeit, Sicherheit, Schnittstellen oder vor allem auf der Kritikalität der Anwendungen liegt, muss abgewogen werden, welche Daten wo liegen. Hinzu kommen Fragen danach, welche Systeme bereits vorhanden sind, welche angebunden werden müssen, wie die Schnittstellen und Datenmodelle aussehen und welche Systeme transformiert werden müssen. Letztlich geht es um ein sinnvolles Gesamtkonzept, das auch aus einer Kombination von Cloud-, Edge- und On-Premise-Lösungen bestehen kann. Keiner der Bausteine sollte isoliert voneinander betrachtet werden, sondern als Teil einer langfristigen und nachhaltigen Geschäftsstrategie, die die Herausforderungen der Zukunft abbilden kann.

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