Konstruktion und Betrieb
Vom ERP-System zur KI-Plattform
RNA aus Aachen fertigt jährlich bis zu 2.000 maßgeschneiderte Zuführsysteme und wickelt die gesamte Auftragsabwicklung über eine zentrale ERP-Plattform ab. Von variablen Stücklisten bis hin zu digitalen Zwillingen ermöglicht die Lösung transparente, datenbasierte Prozesse von der Angebotsphase bis zum After Sales.
Rhein-Nadel Automation (RNA) ist Spezialist für lagerichtige Zuführtechnik im Montageprozess. Jährlich verlassen bis zu 2.000 individuelle Systeme das Unternehmen – von einfachen Einstiegslösungen bis hin zu volldigitalisierten Anlagen, bei denen künstliche Intelligenz und 3D-Deep-Learning für digitale Zwillinge und geometrische Simulationen sorgen. Kunden kommen aus dem Automotive-Bereich, der Pharma- und Medizintechnik sowie aus der Konsumgüter-, Elektro- und Lebensmittelindustrie.
Die softwareseitige Grundlage dafür bildet seit 2013 die Multiprojektmanagement-Lösung ams.erp. Sie bündelt seither alle technischen und kaufmännischen Daten aus dem gesamten Auftragsabwicklungsprozess – von Vertrieb und Konstruktion über Arbeitsvorbereitung, Einkauf und Produktion bis hin zu Montage und After Sales. Die durchgängige Informationsversorgung sorgt für effiziente Arbeitsabläufe und hohe Transparenz in den komplexen Kundenprojekten.
Konstruktionsbegleitende Fertigung
Eine der für RNA nach wie vor essenziellen ERP-Standardfunktionalitäten ist der Umgang mit dynamischen Produktstrukturen. Denn oftmals sind die Werkstücke, die in den Produktions- oder Montageprozessen zugeführt werden sollen, bei Auftragseingang noch gar nicht fertig entwickelt. Gegenüber anderen Systemen besitzt ams.erp den Vorteil, dass mit der Bearbeitung der Aufträge trotzdem unmittelbar nach Bestelleingang begonnen werden kann.
Möglich wird dies durch sogenannte wachsende Stücklisten. Sie bilden alle Änderungen im Zuge der fortlaufenden Konstruktionsarbeit versionssicher ab und gewährt den Verantwortlichen zudem einen Überblick über den aktuellen Projektstatus.
Ebenfalls relevant für ein Unternehmen in der Unikatfertigung: die Möglichkeit der Verwendung von O-Teilen, also Teile ohne Artikelnummern im System zu führen. Patrick Pirnay, Bereichsleiter IT bei RNA, schätzt diese Flexibilität: "In der Unikatfertigung", so der ERP-Projektverantwortliche, "ergibt sich aus der Pflege des Artikelstamms so gut wie kein Nutzen, da viele kundenindividuell ausgelegte Bauteile nur einmal verwendet werden. Es entlastet unsere Entwickler, wenn sie die Teile auch ohne Artikelnummern im System führen können."
Nach dem ERP-Echtstart Anfang 2013 gelang es, die Abläufe nahezu vollständig im Softwarestandard abzubilden. Damit war der Grundstein dafür gelegt, dass ams.erp in den Folgejahren zur zentralen Datendrehscheibe ausgebaut werden konnte, die heute im Mittelpunkt sämtlicher Digitalisierungsmaßnahmen bei RNA steht.
So nahm RNA parallel zur ERP-Einführung einen integrierten Variantenkonfigurator in Betrieb, in dem die gesamte Produktlogik und Preisstruktur hinterlegt ist. Damit lassen sich Angebote nicht nur schnell und valide erstellen, sondern bereits im Vertriebsprozess eine Grundstruktur der zu bauenden Anlage definieren, auf der alle nachgelagerten Abteilungen aufsetzen können.
Im Vertrieb werden neue Maschinen über den Konfigurator komplett in einem fertig formatierten, lesbaren Angebot inklusive aller technischen und kaufmännischen Parameter beschrieben. Zusätzlich werden bereits die mit der Angebotsauslegung korrespondierenden Stücklisten erstellt. Nach Auftragsgewinn wandelt ams.erp die Angebots- automatisch in Auftragsstücklisten, die danach von der Konstruktion und der Disposition projektspezifisch weiterentwickelt werden. Zudem werden die Arbeits- und Budgetpläne aus den Angeboten abgeleitet. Die mitlaufende Kalkulation zeigt dabei in Echtzeit, wie eng tatsächliche Kostenentwicklung und ursprüngliche Kalkulation noch beieinanderliegen – inklusive prognostizierter Abweichungen.
Startschuss für weitere Projekte
Diese Transparenz war der Ausgangspunkt für weitere Digitalisierungsschritte. 2020 ergänzte RNA die Plattform um das Business-Intelligence-Modul ams.bi, das Kennzahlen für Geschäftsleitung und Controlling verdichtet ohne zusätzlichen technischen Aufwand für die Anwender. Neben Finanz- und Liquiditätskennzahlen nutzt das Unternehmen die Lösung auch für Materialbedarfsanalysen und zur Auswertung von Auftragseingang und Beständen; visualisiert wird über Microsoft Power BI. Den nächsten Schub brachte die Übernahme eines Spin-offs aus dem Umfeld der TU München, das KI-basierte Planungs- und Simulationswerkzeuge für Zuführanlagen entwickelt hatte. Im Zentrum steht der sogenannte SolutionFinder: Kunden übermitteln 3D-Modelle ihrer Werkstücke, die anschließend gegen die in der ams-Datenbank gespeicherten Maschinen abgeglichen werden. Auf Basis visueller Merkmale identifiziert die KI, auf welchen Anlagen bereits geometrisch ähnliche Werkstücke verarbeitet wurden.
Findet das System passende Treffer, können Projektingenieure und technische Verkäufer direkt auf die relevanten Informationen zugreifen – Material, Gewicht, Auftraggeber, Aufwandsdaten – und darauf aufbauend belastbare Angebote erstellen. Ergänzend sind die ERP-Daten mit Fotos und Videos aus dem DMS verknüpft, die verschiedene Bauabschnitte dokumentieren. Reichen die Informationen noch nicht aus, führt ein direkter Link aus dem SolutionFinder in den jeweiligen Auftrag im ERP-System.
Über die internen Prozesse hinaus liefert ams.erp auch das Datenfundament für die digitale Abbildung der Anlagen selbst. Betreiber können digitale Zwillinge bereits vor Abschluss der Produktentwicklung für Simulationen nutzen und Services wie Predictive Maintenance in Anspruch nehmen.










