Zerspanen

Prozesse starten und steuern

Im Internet blitzte bis vor kurzem die Historie noch durch: Beim Anklicken der E-Shop-Bereiche Lineartechnik und Montagetechnik wechselte die Internet-Seite von Bosch Rexroth bis Ende Mai auf die Webadresse www.rexroth-star.com.

Star – Rexroth Star – Bosch Rexroth: Der heutige Geschäftsbereich Linear Motion and Assembly Technologies der Bosch Rexroth AG blickt auf eine bewegte und erfolgreiche Historie zurück (siehe Infobox) – und legt derzeit die Grundlagen für eine ebenso aussichtsreiche Zukunft.

„Low-Cost-Automation, niedrige Gesamtkosten unter Berücksichtigung der indirekten Kosten, Just-in-Time-Lieferung und immer kürzere Produktlebenszyklen sind steigende Herausforderungen von Kundenseite“, erläutert Werner Blaurock, Vorsitzender des Geschäftsbereichs Linear Motion and Assembly Technologies bei Bosch Rexroth. Zudem seien die geplanten Montagestückzahlen heute weniger abgesichert denn je. Das Unternehmen begegnet diesen Anforderungen mit dem Bosch Production System (BPS), das auf der Lean-Manufacturing-Philosophie von Toyota basiert und im gesamten Bosch-Konzern zum Einsatz kommt. In den Lineartechnik-Werken Schweinfurt und Volkach wird das System, das auf Elementen wie TPM, Six-Sigma, Schnellrüsten, Kaizen, Ziehprinzip und Null-Fehler-Strategien aufbaut, derzeit eingeführt. „Wir nutzen einen Großteil dieser Bausteine, um in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen und den Anforderungen entsprechend weiterzuentwickeln,“ so Blaurock.

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Abgeschlossen ist im Werk Volkach bereits die Fertigungsoptimierung im gesamten Kugelgewindebereich, im Werk Schweinfurt werden derzeit die Wagenfertigung und das Schienen-Customizing überarbeitet. In Schweinfurt und Volkach sind die Produktionsstätten für die Lineartechnik angesiedelt, Montagetechnik wird in Stuttgart produziert. Bis Ende dieses Jahres sollen auch die anderen Bereiche re-organisiert sein. „Es macht keinen Sinn, nur die Fertigung zu optimieren“, so die Erfahrungen des Ingenieurs. „Sämtliche Funktionen eines Unternehmens, auch der Vertriebsbereich mit dem gesamten Abwicklungsprozess, müssen in den Prozess eingebunden werden.“

Im Montagetechnik-Werk ist dieser Schritt bereits getan: Dort ist die gesamte Kette von Kunde zu Kunde, vom Auftragseingang bis zur Auslieferung einbezogen worden. Ebenso die Zulieferer: Ihre Anbindung erfolgt über eine Mischung aus bedarfsgesteuerten Abrufen und festen Liefermengen. „Wir bauen auf ein deutlich reduziertes, aber sehr stabiles Zuliefernetz“, erläutert Werner Blaurock. Auch die Logistiker, die die Ware zu- oder abfahren, wurden reduziert, um im gesamten Prozess mehr Ruhe und Transparenz zu erzielen. Insgesamt hat die Einführung des BPS in Stuttgart „eine fantastische Verbesserung der Lieferperformance erbracht“, blickt der Vorsitzende des Geschäftsbereiches auf das bisher erreichte zurück. Blaurock wird zur Mitte des Jahres in den Ruhestand treten. (sh. Infobox)

Neben der Prozessoptimierung kommt im Rahmen des BPS aber auch der Produktoptimierung eine wichtige Rolle zu. So wurde bei Rexroth auf Basis der Lean Production Richtlinien beispielsweise die Produktlinie „Manuelle Produktionssysteme (MPS)“ entwickelt. Sie ermöglicht den Rexroth-Kunden eine einfache und schnelle Planung sowie Realisierung von Produktionssystemen für alle Industriezweige. Die MPS umfassen Arbeitsplätze und Arbeitsplatzzubehör, Materialbereitstellung sowie manuelle Verkettung.

Auch im eigenen Konzern setzt ­Rexroth seine MPS-Systeme ein. „In Gesprächen mit den technischen Verantwortlichen in diesen Bereichen wurden die Anwenderwünsche zu den wesentlichen Merkmalen der zu entwickelnden Bausteine“, beschreibt Blaurock das Vorgehen. „Wir haben also nicht theoretisch etwas entwickelt, was der Kunde vielleicht brauchen könnte, sondern jeden Schritt auf seine Belange und Erfahrungen abgestimmt.“

Ein Beispiel hierfür ist die auf Haushaltsgeräte spezialisierte Firma Koenig aus Bassersdorf in der Schweiz. Deren neues Servicecenter wurde vollständig auf MPS-Basis aufgebaut. Damit gelang es, einen 24-Stunden-Service zu realisieren – das heißt, eine defekte Kaffeemaschine steht bereits am nächsten Tag repariert oder gewartet wieder beim Kunden. Vergleichbar hoch sind auch die Anforderungen bei Bosch Rexroth selbst, etwa im Werk Schweinfurt. „Wir liefern 50 Prozent der eingehenden Aufträge, bis herunter zur Stückzahl 1, innerhalb von zwei Arbeitstagen aus“, formuliert Werner Blaurock die harten Anforderungen. „Das beinhaltet den gesamten Formularaufwand, und gleichzeitig erfüllen wir die wirtschaftliche Forderung nach möglichst wenigen Beständen. Nur mit solchen Elementen und der BPS-Methodik sind wir in der Lage, diese kurzen Termine auch zu garantieren.“

Zwar sind kleine Stückzahlen bei der Lineartechnik normalerweise die Ausnahme, die Mehrzahl der Aufträge wird aus dem Lager heraus erfüllt. Allerdings: bei kundenbezogenen Aufträgen, die vor allem im oberen Preisbereich immer mehr zunehmen, sind kleine Stückzahlen bis Losgröße 1 die Regel.

Doch im Gegensatz zu vielen deutschen Herstellern, die dem globalen Wettbewerbsdruck durch den Rückzug in das High-End-Segment begegnen, sieht Werner Blaurock auch den Low-Price-Bereich als interessanten Markt: „Das Thema Over-Engineering müssen wir Europäer uns schon lange vorwerfen lassen, es wurde nur nicht wahrgenommen. Wir müssen uns dieser Aufgabe stellen und – ohne die High-End-Technologie zu vernachlässigen – auch das Feld der einfacheren Technik betreten. Sonst überlassen wir das dem Wettbewerb.“

Um dies zu verhindern, trieb Blaurock die Entwicklung der Lineartechnikfamilie E-Line voran, die seit Anfang 2005 auf dem Markt ist. Mittlerweile umfasst die Produktfamilie Kugelschienenführungen, Kugelbüchsenführungen und Kugelgewindetriebe.

„Wir stoßen damit in neue Bereiche, die den Maschinenbau überhaupt nicht betreffen, und unsere Erwartungen, was die Kundennachfrage betrifft, sind weit übertroffen worden“, erläutert der studierte Maschinenbauer die Innovation. „Ich bin der Meinung, dass 30 bis 40 Prozent aller Anwendungen, die heute einer Linearbewegung zugrunde liegen, mit solchen Produkten abgedeckt werden können. Viele Anwendungsmöglichkeiten kennen wir noch gar nicht.“

Mit der Lösung wurde zudem ein weiterer Vorteil erzielt: Die Masse der bewegten Teile und damit die Antriebsleistungen können reduziert werden. Bei handbetätigten Einrichtungen, etwa im MPS-Bereich, kommt diese reduzierte Masse sowohl beim Anschieben wie auch beim Bremsen zugute. Blaurock: „Diese Argumente kommen bei den Kunden sehr gut an.“

Beispielsweise beim fränkischen Küchenhersteller Zeiler Möbelwerke. Der setzt für seine Allmilmö-Küchen ein neues Küchenkonzept mit E-Line-Schienenführungen ein, bei dem die verschiedenen Küchenelemente nach Benutzung in einem zentralen Block wieder „weggeräumt“ werden. Nach der Benutzung wird so die Küche wieder zum Ess- oder Wohnzimmer. Die Küchenelemente, die die verschiedenen Geräte beinhalten und damit teilweise sehr schwer sind, lassen sich von Hand leicht bewegen. „Das war bis dahin kein Markt für uns“, so Blaurock. „Aber wir sehen da weitere unerschlossene Bereiche.“ Substituiert werden mit der E-Line im Wesentlichen einfachste Lösungen, die noch weit verbreitet sind, wie Gleitführungen, aber bisher aus Kostengründen nicht auf moderne, wälzgelagerte Führungen umgestellt wurden.

Weiterer Aspekt dieser Strategie: Bei solchen einfachen Lösungen benötigt der Kunde im Normalfall keine technische Beratung bei der Produktauswahl. „Damit gehen wir zukünftig diesen Markt auch ganz anders an“, kündigt Werner Blaurock an.

Bisher werden die Lineartechnik-Produkte überwiegend direkt vertrieben, ergänzt durch Händler und Vertriebspartner. Umgekehrt ist es im Bereich Montagetechnik, wo der Vertrieb im Wesentlichen über Händler und Vertriebspartner erfolgt und der Direktvertrieb einen kleinen Anteil ausmacht. „Allerdings sind die Kundenstrukturen andere: Bei der Lineartechnik haben wir sehr viele Endkunden, bei der Montagetechnik nur wenige Großkunden, die die Endkunden bedienen“, erläutert Blaurock. Für beide Produktsparten wird zukünftig die Kaufmöglichkeit über das Internet wesentlich verbessert. Zwar gibt es für die verschiedenen Bereiche bereits seit Jahren die so genannten E-Shops. „Die wurden bisher allerdings noch nicht so perfektioniert, dass sie schon einen größeren Umsatzanteil tragen. Doch das optimieren wir“, verspricht Blaurock. Dabei setzt er vor allem auf Konstrukteure und Entwickler, die heute bereits vielfach in der Konstruktionsphase mit Informationen und Daten aus dem Internet arbeiten. Ziel ist es, zukünftig den Konstrukteur bereits in einer sehr frühen Phase seiner Entwicklung auf die Rexroth-Produkte aufmerksam zu machen und ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. „Das ist die beste Kundenbindung“, ist der scheidende Vorsitzende des Geschäftsbereichs überzeugt. „Und der Verkaufsanteil über den E-Shop ist bereits heute stark wachsend.“ Hajo Stotz stotz@hopp.de

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