Wirtschaft + Unternehmen
Schicksal Binnenmarkt?
Die internationale Drehteile-Industrie steht vor einem Konjunkturaufschwung. Auch die deutschen Zulieferer und Lohnfertiger freuen sich über ein deutliches Auftragsplus gegenüber 1996. Also alles in Butter? Mitnichten! Der genaue Blick in die Branche und vor allem der Vergleich mit dem Ausland hinterlassen ein eher durchwachsenes Bild.
¿Tief beeindruckt¿ zeigte sich Werner Liebmann, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen = Drehteile-Industrie auf dem Stockholmer Drehteile-Kongreß im Juni dieses Jahres. Vor Augen hatte er dabei freilich den ¿freundlichen Umgang der Teilnehmer untereinander, die ja letztlich Konkurrenten sind, und die offene Atmosphäre beim Austausch der Wirtschaftsdaten.¿ Jene Wirtschaftsdaten mögen Liebmann ebenfalls beeindruckt haben, erfreut wohl kaum. Denn während sich die Geschäftserwartungen der ausländischen Konkurrenz ¿ allen voran der USA ¿ offenbar ¿besonders positiv gestalten¿, weckt die Situation der deutschen Drehteile-Hersteller eher gemischte Gefühle. Zwar sei die Lage ¿entspannt¿ und die Branche mit dem Geschäftsverlauf ¿mit Einschränkungen zufrieden¿; doch der auch hierzulande steigende Auftragseingang vermag allenfalls die Auftragseinbrüche (¿ 15,7 Prozent) und den Umsatzrückgang (¿ 6,6 Prozent) des düsteren Jahres 1996 zu kompensieren. Er verschafft den Betrieben derzeit zwar eine bessere Auslastung, kaum aber höhere Erträge. ¿Bestenfalls¿, so war im Vorfeld von Stockholm zu hören, werde ¿das Niveau von 1995 erreicht¿.
Die Branche schrumpft. Allein im Bergischen Land, einem regionalen Schwerpunkt der deutschen Drehteile-Industrie, mußten in den vergangenen Monaten fünf Betriebe das Handtuch werfen. Viele andere stellen sich heute nach Angaben des Düsseldorfer Verbandes ¿deutlich kleiner dar als 1995¿. Und der internationale Vergleich? ¿In allen Ländern investieren die Drehereien zur Zeit auch in Personal ¿ außer in Deutschland.¿ Wen wundert¿s? Die hiesigen Drehereien zahlen ¿die mit Abstand höchsten Löhne und Lohnnebenkosten¿.
Gleichzeitig wächst der Druck von Kundenseite. Die Betriebe sehen sich mit der ständigen Forderung nach niedrigeren Preisen konfrontiert ¿ vor allem aus der Automobil-Industrie. Verständlich also die Zukunfts-Wünsche von Ingo Hell, dem Vorsitzenden der Gemeinnützigen Vereinigung der Drehteile-Hersteller (GVD): ¿Bessere Preise, mehr Fairneß und echte Partnerschaft¿ von und mit den Abnehmern. Zumal sich bereits jetzt herauskristallisiert, daß die Qualitätsansprüche der Kunden und damit der Leistungsdruck auf die Drehereien weiter steigen werden. Ein Trend, den beispielsweise die VDA-Richtlinie 6.1 oder die US-Qualitätsnorm QS 9000 markieren. All das erfordert Investitionen, und dafür braucht man auch Erträge. Drehautomaten und Werkzeugmaschinen kosten eben Geld.
Erträge aber bedingen Wachstum, und das kommt in der deutschen Industrie traditionell und derzeit vor allem aus dem Export. Die bundesrepublikanischen Dreher jedoch rangieren mit einer Exportquote von 13 Prozent im internationalen Wettbewerb am Tabellenende! Und wer die Branche kennt, weiß, daß viele Betriebe Exportanteile von gerade mal fünf bis zehn Prozent haben, manche sogar noch weniger.
Wo also soll das Wachstum herkommen, wenn die deutschen Drehteile-Konkurrenten auf internationalem Parkett nur eine Nebenrolle spielen? Schicksal Binnenmarkt? Das stimmt nicht gerade euphorisch. Denn selbst wenn beispielsweise Fahrzeug-Industrie und Maschinenbau ¿ zwei Hauptabnehmer von Drehteilen ¿ derzeit gute Exportgeschäfte machen, muß = das nicht gleichzeitig bessere Aussichten für die hiesigen Zulieferer bedeuten. Denn abgesehen von Preisdruck und Verdrängungswettbewerb, ¿vergeben immer mehr Abnehmer Aufträge ins Ausland¿, so Ingo Hell. Spanien freut¿s und Schweden auch: Die dortigen Drehteile-Hersteller exportieren doppelt soviel wie die deutschen. Die Schweizer Dreher erreichen gar einen Exportanteil von 60 Prozent! Das ist europäische Spitze. Und bei einfachen Teilen minderer Qualität ist die Billigkonkurrenz aus Osteuropa (Polen, Tschechien, Ungarn) und Asien ohnehin unschlagbar. Eine Erfahrung, die schon andere Zulieferbranchen ¿ etwa die Gießereien und Schmieden ¿ machen mußten.
Drehteile-Industrie quo vadis? Ingo Hell vom GVD sieht vier Möglichkeiten, die die Zukunft der Branche sichern können: = Mehr Offenheit und Transparenz; eine hohe, vor allem kontinuierliche Qualität bei starker Spezialisierung der Angebote; Kooperationen wie sie bereits andere Zuliefer-Branchen praktizieren sowie weitergehende Beratungs- und Engineering-Leistungen.
Mehr Offenheit und Transparenz, das heißt auch ein offensiveres, ja selbstbewußteres Auftreten im Markt. Eine erste Initiative hat der GVD mit einem großen Gemeinschaftsstand auf der letzten Hannover Messe Industrie zwar unternommen, doch weder in puncto öffentlichkeitsarbeit noch bei Werbekampagnen glänzt die Branche durch nachhaltige Präzenz. Auch die intensive Marktforschung scheint bei vielen Drehteile-Herstellern eher ein Schattendasein zu fristen (oder ist ob magerer Erträge nicht zu finanzieren).
Den Weg der Spezialisierung hingegen sind in der Vergangenheit bereits viele Drehereien gegangen. Während sich Kümmerle in Rheinfelden beispielsweise auf winzige Feindrehteile mit Durchmessern von 0,4 bis 20 Millimeter konzentriert, verstehen sich andere wie Webotech in Gosheim besonders auf Langdrehteile und Verzahnungen oder wie Jaegg in Hilzingen auf gedrehte Verbindungselemente. Alles einbaufertig, versteht sich. Auch bezüglich der Werkstoffe finden sich Spezialisten. Mauch in Rottweil fertigt schon seit Jahren ausnahmslos Edelstahl-Drehteile und Haller-Eggert in Aldingen nimmt es gar mit dem schwer zerspanbaren Titan auf.
Der Trend der ¿gezielten Investitionen¿ in die weitere Spezialisierung wird sich nach Ansicht des Düsseldorfer Verbands-Geschäftsführer Werner Liebmann auch in Zukunft fortsetzen. Nach wie vor gibt es jedoch ein großes Angebot an gleichen Teilen. Ein Umstand, der viele Drehereien angreifbar macht für die ¿Tricks der Einkäufer¿. Sie = drücken die Preise, indem sie die Drehteile-Anbieter gegeneinander ausspielen.
Der Weg in die Kooperation schützt davor zwar nur wenig, bietet aber andere Sicherheiten. Das zeigt das Beispiel des Dreigespanns der Dreherei Grün (Gevelsberg), des Preß- und Stanzteile-Herstellers Gut (Ennepetal) und der Dörken Metallwarenfabrik (Gevelsberg). Der Firmenverbund präsentiert sich nicht nur auf Messen gemeinsam, sondern koordiniert auch seinen Ein- und Verkauf. In der Summe kann er auf einen stattlichen Maschinenpark zugreifen und Leistungen bündeln, wenn Systeme oder Baugruppen gefragt sind. Nicht nur aus Sicht des Dreherei-Betriebs ist das ein Stück Zukunftssicherung.
Und wie steht es um zusätzliche Entwicklungs- und Engineering-Leistungen, die mehr Verantwortung in die Hände des Drehteile-Herstellers legen und so eine technologische Partnerschaft zwischen Zulieferer und Abnehmer festigen können? In die Rolle des Komponenten-Lieferanten zu schlüpfen, ist für die Branche nach Einschätzung von Werner Liebmann ¿in Grenzen¿ eine Alternative: ¿Traditionell produzieren Drehereien zwar Massenteile. Zunehmend werden sie aber auch mit Entwicklungs- und vor allem Montageaufgaben betraut. In einigen Fällen sind Drehteile-Hersteller bereits zu Komponenten-Lieferanten geworden.¿ Der Weg dorthin erfordert freilich Investitionen. Er dürfte daher allenfalls für die größeren und kapitalkräftigeren Unternehmen der Branche infrage kommen.
Allerdings repräsentieren heute fast alle Drehteile-Hersteller deutlich mehr als nur die verlängerte Werkbank der Abnehmer. Die meisten bieten einbaufertige Serienteile in allen gängigen Werkststoffen an. Unterm Strich heißt das ohnehin, daß sie weitaus mehr leisten als nur = Drehen: Bohren, Gewinde schneiden, Oberflächen bearbeiten und veredeln. Und viele montieren eben auch kleinere Baugruppen. Zu diesen Unternehmen zählen etwa die Fassondreherei Brill in Lennestadt sowie Webotech, Zetec oder Schuler, in Gosheim.
Nicht zu fürchten brauchen die Drehteile-Hersteller offenbar die Konkurrenz anderer Verarbeitungsmethoden. In der Vergangenheit mußte man zwar Marktanteile gegen das Fließpressen verteidigen, derzeit aber drohen kaum Verluste durch Verfahrens-Substitution. Die Präzision, wie sie mit dem Zerspanen erzielt wird, läßt sich mit spanlosen Verfahren, = etwa dem Gießen, schwerlich erreichen. Für Werner Liebmann ist die Sache klar: ¿Das Drehteil an sich wird auch in Zukunft Bestand haben¿. Auf daß die Späne munter fliegen.
Michael Stöcker / September 1997








