Editorial
4.0 = For Nobody?
In wenigen Tagen ist es wieder soweit: Die Cebit öffnet ihre Tore unter dem Motto "Shareconomy". Noch nie gehört? Da sind Sie nicht alleine. Google kennt den Begriff auch nur im Zusammenhang mit der Cebit. Rund vier Wochen später folgt die Hannover Messe, die sich als Leitthema den Begriff "Integrated Industry" gegeben hat. Was beide Messen damit fokussieren ist die sogenannte vierte Industrielle Revolution: Industrie 4.0 Dahinter verbirgt sich ein Projekt, gefördert von Bundesregierung und EU, mit dem die Informatisierung der produzierenden Industrie vorangetrieben werden soll. Ziel ist die Smart Factory, die sich durch Flexibilität, Ressourceneffizienz und Ergonomie sowie die Integration von Kunden und Partnern in die Prozesse auszeichnet. Bereits heute gibt es ja Fabriken, da weiß die Kunststoffflasche selbst, mit welchem Verschluss sie versehen werden möchte, und gibt der Maschine das Kommando: den weißen aufschrauben! Über den RFID-Tag an der Flasche verständigen sich Produkt und Produktionsanlage über den anstehenden Bearbeitungsschritt selbst. Diese Kommunikation der Dinge ist Rückgrat von ´Industrie 4.0` und soll den Unternehmen am Standort Deutschland die Chance geben, kundenorientierter und kostengünstiger zu produzieren und dem globalen Wettbewerbsdruck besser standzuhalten. Theoretisch. Denn bis sich Produkte überall selbständig durch die Fertigungslinien lotsen, ist es noch ein weiter Weg.Vor allem dann, wenn die Firma nicht das Glück hat, in einer der wenigen Breitband-Regionen Deutschlands angesiedelt zu sein. So wie ich bisher. Aber nun wollen wir umziehen - aus der Großstadt raus, 10 km vor die Tore von München. In der Landeshauptstadt gibt es ein Breitbandnetz mit Internet-Verbindung von 50 Mbit/s, alternativ bietet das Fernsehkabel eine schnelle Anbindung. Und die benötigen wir zum Arbeiten auch am neuen Wohnort. Kein Problem, denken Sie? In vielen Regionen, und das nicht nur in Bayern sondern bundesweit, ist das schnelle Internet noch nicht angekommen. Bei maximal 16 Mbit/s ist vielerorts Schluss. "Das ist in meinen Augen nicht die Aufgabe einer Kommune", so der Bürgermeister einer Gemeinde, die in den letzten zehn Jahren durch Zuzug um 25 Prozent bevölkerungs- und wirtschaftsseitig gewachsen ist - aber den Breitbandausbau aus Kostengründen ablehnt. Shareconomy? Integrated Industry? Industrie 4.0? Da wird in einigen Regionen "4.0" offenbar als "For Nobody" verstanden: Schnelles Internet für Niemanden. Während es in "Entwicklungsländern" wie China, Thailand oder Vietnam an jeder Ecke kostenlose WLAN-Hotspots gibt, muss man im Hightech-Land Deutschland dem Bürgermeister einer 25.000 Einwohner-Gemeinde noch erklären, wozu Breitbandtechnik für Büros und Industrie gut sein soll. Da haben nicht nur Cebit und Hannover Messe mit ihren Themen noch sehr viel Aufklärungsbedarf.
Hajo Stotz, Chefredakteur
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