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Artikel und Hintergründe zum Thema

Barbara Frei im Interview

Ein kritischer Blick auf die letzten 10 Jahre

Vor zehn Jahren gab die Acatech eine Abschlusserklärung ab, mit klaren Umsetzungsempfehlungen für Industrie 4.0. Auf der diesjährigen Hannover Messe hat Barbara Frei, Executive Vice President für den Bereich Industrial Automation bei Schneider Electric, einen reflektierten Blick zurück auf das vergangene Jahrzehnt geworfen.

Barbara Frei, Executive Vice President für den Bereich Industrial Automation bei Schneider Electric © Schneider Electric

Frau Frei, in der Abschlusserklärung der Acatech vor 10 Jahren hieß es: "Wie kein anderes Land ist Deutschland befähigt, das Potenzial einer neuen Form der Industrialisierung zu erschließen: Industrie 4.0." Inwieweit konnte Deutschland das Potenzial erschließen?
Sicher nicht in dem Maß, wie wir es alle gerne hätten – die Corona-Pandemie und insbesondere die aktuelle Energiekrise haben uns das schmerzhaft bewusst gemacht. Denn gerade die Eigenschaften von Industrie 4.0 – mehr Vernetzung, Flexibilität und Ressourceneffizienz – hätten viele negative Folgen dieser unvorhersehbaren Krisen deutlich abmildern können. Und haben es bei den Unternehmen, die entsprechend weit mit ihrer digitalen Transformation waren, auch getan. Laut einer Studie von IDC hatten 2022 allerdings erst 29 % der Industrieunternehmen IIoT-Projekte tatsächlich umgesetzt. Zudem hat nur gut jedes 10. Unternehmen bereits eine ganzheitliche Daten- und Analytics-Strategie definiert, eine kritische Voraussetzung für die gesamte industrielle Digitalisierung. Und das deckt sich auch mit meiner persönlichen Erfahrung. Oft wird übersehen, dass so etwas Tiefgreifendes wie eine digitale Transformation nicht nur eine technologische Frage ist. Die Transformation muss sich in der Unternehmenskultur, dem Managementstil und in den Köpfen sämtlicher Mitarbeitenden vollziehen.

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Gerade in Bezug auf die Forderung nach einer "flächendeckenden Breitbandinfrastruktur" hinkt Deutschland hinterher. Inwieweit wird die mangelhafte Infrastruktur zum Problem?
Mangelhafte Infrastruktur verhindert klimafreundliches Wirtschaften. Ohne einen Breitband-Internetzugang kann ich von dem enormen Mehrwert, die das Internet der Dinge in Sachen energieeffizientes, flexibles und nachhaltiges Wirtschaften bietet, schlicht nicht profitieren. Die ganze Idee von Ökosystemen, in denen zusammengearbeitet und virtuell gehandelt wird, ist auf hohe Datenübertragungsraten angewiesen. Gleiches gilt für alle cloudbasierten Lösungen. Wenn Sie mehrere Standorte überwachen und vergleichen möchten, wenn Sie ihre Wartungsarbeiten mit Augmented- oder Virtual Reality optimieren möchten oder wenn es um neue Geschäftsmodelle wie Machine- oder Software-as-a-Service geht, brauchen Sie schnelles Internet. Ganz zu schweigen vom Industrial Metaverse. Übrigens: Nicht nur die Breitbandinfrastruktur ist eine entscheidende Voraussetzung für klimafreundliches Wirtschaften. Wie der ZVEI in einer aktuellen Studie vehement fordert, braucht es auch Stromnetze, die den wachsenden Anforderungen gewachsen sind.

In Bezug auf Industrie 4.0 und IoT – wie wettbewerbsfähig ist Deutschland im internationalen Vergleich?
Auch wenn die Rahmenbedingungen wie Breitbandinternet, Stromnetze oder Datenschutzrichtlinien in Teilen noch ausbaufähig sind: Deutschland ist und bleibt wettbewerbsfähig – auch bei Themen wie Industrie 4.0 und IoT. Gar keine Frage! Die Innovationskultur, gerade im Mittelstand, ist absolut beeindruckend. Für mich ist ganz klar, dass es in Deutschland, aber auch in der EU mehr firmenübergreifende Kollaboration und Technologie-Transfer braucht – im Sinne einer langfristig wettbewerbsfähigen Position auf den globalen Märkten, aber vor allem auch, um in Sachen einer nachhaltigen und klimafreundlichen Produktion voranzukommen. Das kann keiner alleine schaffen.

Rückblickend auf die letzten 10 Jahre: Welche Punkte hätten Sie mit dem Wissen von heute gerne noch in den Umsetzungsempfehlungen gesehen?
Dass wir mit Industrie 4.0 noch nicht so weit sind, wie wir sein könnten, hat nichts mit den Inhalten der Acatech-Umsetzungsempfehlungen zu tun. Auch heute noch liest sich der berühmte Abschlussbericht, als sei er erst gestern formuliert worden. Zum Beispiel gibt es darin einen eindringlichen Appell für offene Standards und die Notwendigkeit einer firmenübergreifenden Vernetzung. Von der Problematik proprietärer Steuerungssysteme ist zwar nicht explizit die Rede, aber eine generell offene Grundhaltung sowie eine Einigung auf gemeinsame Begrifflichkeiten werden mit klaren Worten eingefordert. Auch Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz oder soziale Aspekte der digitalen Transformation werden behandelt. Das ist bewundernswert visionär. Was ich mir rückblickend gewünscht hätte – gerade vor dem Hintergrund der Krisen, die wir gegenwärtig erleben –, wäre schlicht und ergreifend mehr Konsequenz bei der Umsetzung dieser weitsichtigen Umsetzungsempfehlungen gewesen.

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