Antriebstechnik
Rettet Venedig!
Die Gondeln auf dem Canale Grande, der Markusplatz und die prachtvollen Dogenpaläste: Venedig ist eine der weltweit größten Touristenattraktionen und beherrschte nahezu ein Jahrtausend den Ost-West-Handel im Mittelmeer. Aber die 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Lagunenstadt droht zu versinken. Mehr als fünfzig Springfluten allein seit 1993 zerstören nach und nach die gesamte Bausubstanz und gefährden die Zukunft dieser historisch einmaligen Stadt. Darum soll ab 2012 ein mobiles Sperrwerk, das Modulo Sperimentale Elettromeccanico, kurz Mose, die Lagune von Venedig vor dem hereinströmenden Mittelmeer schützen.
Mose basiert auf dem Prinzip des Luftauftriebs. In einer Betonkonstruktion auf dem Grund der Lagunenöffnungen zwischen den Inseln vor Venedig ruhen dicht nebeneinander 79 hohle Fluttore aus Stahl. Sie sind über ein Gelenk mit dem Fundament verbunden. Im Ruhezustand liegen sie flach auf dem Boden. Bei drohendem Hochwasser presst Druckluft das Wasser aus den 20 Meter breiten und fünf Meter dicken Stahlkörpern, und sie richten sich innerhalb von 30 Minuten auf. Das mobile Sperrwerk schottet die Lagune gegen Springfluten bis zu drei Meter Höhe ab; die höchste Springflut erreichte bisher 1,94 Meter.
Nach den Vorbereitungen des Meeresbodens begann im Sommer 2009 das Legen des rund 1.600 Meter langen Betonfundaments, das die Fluttore aufnimmt. Es besteht aus bis zu 23.000 Tonnen schweren Betonfertigteilen in den Ausmaßen eines Fußballfelds. Für diese Fundamente der XXL-Größe hat die norwegische TTS Handling Systems, Ausrüster rund um Transfersysteme und Stahlblech-Produktionslinien für Werften, ein Schwerlast-Transportsystem errichtet. Es verbindet die Gießstation an Land mit der Verladeeinrichtung für den Seetransport. Rexroth zeichnet als Systempartner für die Projektierung, Lieferung und Inbetriebnahme der hydraulischen Hebe- und Fahreinrichtung verantwortlich.
Das Hydrauliksystem hebt die Betonfertigteile an 84 Punkten gleichmäßig an. Zwei Axialkolbenverstellpumpen-Kombinationen erzeugen einen Förderstrom von zwei mal 400 Liter pro Minute, der vier hydraulische Kreisläufe speist. Die hydraulische Synchronisierung hält die Fundamente absolut waagerecht und verhindert unkontrollierbare Schräglagen: Das Anheben erfolgt so gleichmäßig, dass keine Spannungen im Material auftreten. Ein Turbodieselmotor mit 290 PS Leistung versorgt das Hydraulikaggregat mit Energie. Die Druckregelung der Pumpenkombination sorgt dabei für Energieeffizienz: Das Aggregat erzeugt immer nur so viel Druck, wie die Verbraucher aktuell benötigen. Vorteil der Hydraulik: Zum Halten der immensen Last verbraucht sie keine Energie, da die Ventile nach Erreichen der Transporthöhe einfach schließen.
Zwei weitere von einem 62 PS starken Turbodieselmotor angetriebene Hydraulikaggregate übernehmen die Vorwärtsbewegung der Betonteile auf einem Schienensystem, das zu einer Absenkstation führt. Von dort aus werden die Senkkästen zu Ihrem Bestimmungsort transportiert und am Meeresboden positionsgenau abgelegt. Das Transfersystem ist auf eine maximale Last von 28.000 Tonnen ausgelegt. Damit kann es bei Bedarf auch größere Bauteile als bisher geplant transportieren.
Rexroth arbeitete bereits seit Beginn der Konzeptphase eng mit TTS Handling Systems zusammen. Als Systempartner übernahm der Hersteller aller Antriebs- und Steuerungstechnologien die Systemverantwortung für die Hydraulik und errechnete die Dimensionierung der Aggregate. Beide Unternehmen verbindet eine lange Erfolgshistorie rund um Hafentechnik und maritime Anwendungen. pb








