Zulieferer
„Alle Großen brauchen kleine Mengen!“
SCOPE: Herr Reichelt, seit nunmehr über 25 Jahren agieren Sie im Markt. Was sind die zentralen Aspekte Ihrer Geschäftspolitik?
Reichelt: Drei Leitlinien bestimmen unser unternehmerisches Handeln. Der ständige Ausbau unseres Produktprogramms, konsequentes Direkt-Marketing und der Vertrieb der kleinen Quantität.
SCOPE: „Vertrieb der kleinen Quantität“? Was meinen Sie damit?
Reichelt: Wir liefern ausnahmslos kleine und kleinste Einheiten unserer Produkte. Ob in der Fluidtechnik zwei Schlauchkupplungen aus Messing gebraucht werden, ob ein Labor ein paar Meter PE-Schlauch benötigt oder ob eine Forschungsabteilung kleine Mengen von Kunststoff-Halbzeugen nachfragt – alle werden bedient. Ganz gleich, welche Branche oder welches Land, es zeigt sich immer wieder: Alle brauchen kleine Mengen – auch die Großunternehmen. Unser Gesamtsortiment zählt derzeit etwa 50.000 Artikel in Standard- und Spezialgrößen. Etwa die Hälfte davon liegen in unserem Lager in Heidelberg auf Abruf bereit.
SCOPE: Wie schaffen Sie es denn, bei dieser Vielzahl der Produkte und Varianten dem Kunden ein transparentes Bild Ihres Angebots zu vermitteln?
Reichelt: Unser Programm ist klar strukturiert in fünf Produktgruppen, die wiederum in derzeit neun Handbüchern ausführlich beschrieben werden. Und zwar nicht nur mit Bildern und Datentabellen, sondern auch mit anwendungsnahen Kommentaren. Verfahrenstechniker, Anlagen- und Apparatebauer, Entwicklungsingenieure, Labortechniker und technische Einkäufer finden dort wichtige Entscheidungshilfen. Eine unserer großen Stärken ist dabei auch die Bereitstellung von Nischenprodukten und Zwischengrößen.
SCOPE: Und wie erreichen Sie ihre Kunden?
Reichelt: Wir haben derzeit etwa 12.000 aktive Kunden und erreichen unsere Zielgruppen über unsere Handbücher, die wir in einer jährlichen Auflage von über drei Millionen Stück zahlreichen technischen Fachzeitschriften beilegen. Dabei liefern wir hauptsächlich in die Prozesstechnik, den Gerätebau, die Mikroelektronik, in die Nahrungsmittelindustrie oder in Maschinenbau und Elektrotechnik. Auch die Firmen der Biotechnologie gehören zu unseren treuen Kunden. Täglich verlassen etwa 100 Sendungen in ganz unterschiedlichen Stückzahlen und Produkten unser Haus.
SCOPE: Sie müssen Heerscharen von Mitarbeitern beschäftigen...
Reichelt: Keineswegs! Wir sind acht hoch motivierte Leute, die über eine schlanke Organisation und eine leistungsfähige Warenwirtschaft verfügen. Die zentralen Punkte unseres Logistikkonzepts sind unser modernes Kleineteilelager und die hohe Lieferbereitschaft.
SCOPE: Und das Internet spielt für Sie sicher inzwischen auch eine große Rolle als Vertriebsinstrument?
Reichelt: Verzeihen Sie, aber da muss ich schmunzeln. Als Vertriebsplattform bietet uns das Internet kaum Vorteile. Es hat bei uns einen direkten Umsatzanteil von allenfalls zwei Prozent. Das liegt an den Strukturen auf Kundenseite. In den meisten Unternehmen dürfen die Anwender selbst ja nach wie vor keine Sofortbestellungen aufgeben. Der Bedarf wird meist gesammelt und dann zentral über den technischen Einkauf abgewickelt. Das geschieht dann meist per Fax, Telefon oder auch Mail. Allerdings nutzen die Anwender die Produktdarstellungen auf unserer Website zur Information.
SCOPE: Viele Ihrer Kunden sehen in Ihren weniger einen technischen Händler als einen produzierenden Zulieferer. Worauf führen Sie diese Imageverschiebung zurück?
Reichelt: Das hängt sicher mit der kompetenten Darstellung unserer Produkte zusammen. Viele sehen uns auch als eine Art „Spezialitätenhaus“, was sicher nicht ganz falsch ist. Zudem sichert uns das Prinzip der kleinen Quantität eine gewisse Alleinstellung im Markt. Wir liefern schlichtweg keine großen Mengen, sind aber bei der Produktvielfalt sehr breit aufgestellt. Dabei nehmen wir jeden Kundenwunsch ernst, selbst den ausgefallensten. Und nicht zuletzt verlässt jeder unserer Artikel unser Haus als Reichelt-Produkt.
SCOPE: Manch einer bezeichnet Ihr Produktportfolio auch als „Bauchladen“. Ärgert Sie das?
Reichelt: Aber nein! Das verstehe ich als Kompliment. Es stimmt ja auch. Wir können mit allem dienen, aber eben in kleinen Mengen.
SCOPE: Und Sie treffen damit den Bedarf Ihrer Kunden?
Reichelt: Auf jeden Fall. Das sehen Sie auch daran, dass unser Umsatz seit der Firmengründung Jahr für Jahr überdurchschnittlich steigt – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
SCOPE: Nach welchen Prinzipien führen Sie denn Ihre Mitarbeiter?
Reichelt: Ich definiere ein Unternehmen nicht als Arbeitsmaschine, sondern als einen Raum, in dem sich die Mitarbeiter entfalten und persönlich weiter entwickeln dürfen und sollen. Als Geschäftsführer sehe ich mich dabei als Gleicher unter Gleichen. Das Unternehmen muss Beständigkeit ausstrahlen und Perspektiven vermitteln. Wir sind ein Team mit eigenverantwortlichen Mitarbeitern, die sich aufeinander verlassen können und sich gegenseitig vertrauen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es gelungen ist, in meinem Unternehmen eine nahezu familiäre Atmosphäre aufzubauen. Inzwischen ist auch mein Sohn Thomas in die Firma eingestiegen.
SCOPE: Er wird Sie an der Unternehmenspitze ablösen?
Reichelt: Langsam, langsam, bis dahin ist es noch ein langer Weg. Mein Sohn ist 28 Jahre jung. Er durchläuft die Firma von unten nach oben. Im Laufe der nächsten Jahre wird es dann einen fließenden Übergang geben. Meiner Überzeugung nach sollten Unternehmensöhne nicht gleich einen Chefposten bekleiden, sondern schrittweise in einen Betrieb hinein wachsen. Dazu gehört es auch, alle Funktionsbereiche und Abläufe von der Pike auf kennen zu lernen.
SCOPE: Das klingt sehr streng...
Reichelt: So ist es nicht gemeint. In einem Unternehmen sammelt sich im Laufe der Jahre ungeheures Wissen an. Dieses Wissen muss erlernt werden. Erst dann kann die nachfolgende Generation ihre zukünftige Verantwortung bewusst wahrnehmen.
SCOPE: Was dürfen Ihre Kunden denn in Zukunft von Ihnen erwarten?
Reichelt: Unser Hauptaugenmerk liegt derzeit auf dem weiteren Ausbau unseres Angebots. Wir werden unser Sortiment vor allem im Bereich der Kunststoff-Halbzeuge massiv erweitern. Mit Blick auf 2005 und 2006 visieren wir dann den Aufbau eines Programms aus metallenen Antriebselementen für den Maschinenbau an.
Kastentext: ((= Muss))
Die fünf Produktgruppen
von Reichelt Chemietechnik decken eine enorme Bandbreite von Produkten für Chemie-Labor-, Verfahrens- und Fluidtechnik, Medizin-, Pharma- und Biotechnik sowie Mikroelektronik, Sensotechnik, Apparatebau und Messtechnik ab. Größtenteils handelt es sich dabei um hochwertige Produkte aus technischen Kunststoffen wie etwa Schläuche, Rohre, Verbinder, Ventile, Durchflussmesser, Kugelhähne, Schnellverschlusskupplungen oder auch Profile, Platten, Folien sowie Rundschnüre und unterschiedliche Mossgummitypen. Auch komplette Geräte wie etwa Pumpen unterschiedlicher Bauart oder Systeme für die Labor- und Prozessfiltration finden sich im Portfolio des Heidelberger Unternehmens. Einen nahezu kompletten Überblick bietet die Website unter www.rct-online.de.ms









