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Zwischenräume
Der Bau im Bau: Moderne Gruppenarbeit oder neue Organisationsstrukturen in der Produktion erzwingen dezentrale Raumkonzepte. Hier technische Büros direkt in der Fertigung, dort Treffpunkte für QM-Meetings und dazwischen Pausenkabinen und temperaturkonstante Meßwarten. Das verlangt intelligente und variable Raumsysteme. Wir waren vor Ort und haben uns die Raumlösungen bei einem großen Fahrzeug- und Maschinenbauer zeigen lassen.
¿Jeder Gruppe ihren Raum¿, so definiert Projektleiter und Produktionslogistiker Lothar Fischer den Denkansatz für die dezentralen Raumlösungen in den Produktionshallen der Mannheimer John Deere Werke. Seitdem der renommierte Hersteller der grüngelben Traktoren und Gartenbau-Maschinen im Rahmen der Umstrukturierung seiner Montage die Gruppenarbeit eingeführt hat, setzt er auf flexible Raumsysteme.
Denn wer mehr Verantwortung in die Hände der Gruppe legt, muß ihr auch die Räume dafür geben. Und das können heute maßangefertigte Mehrzweckräume sein, die sich in die betriebliche Produktions- und Organisationslandschaft nahtlos einfügen. Mit starren Fertigsystemen von der Stange kommt man nicht weit. Anpassungsfähige Konstruktionen mit multifunktionalem Charakter sind gefragt. Sie müssen sich dem wechselhaften Diktat von Platzangebot und Zweckmäßigkeit fügen. Ganz abgesehen davon, daß sie den heutigen ergonomischen und sicherheitstechnischen Auflagen zu entsprechen haben.
Eine Gruppe, das sind bei John Deere jeweils 20 bis 25 Männer und Frauen. Für dreizehn solcher Gruppen gestaltete der Fernwalder Raumsystem-Spezialist Lehnert in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Einrichter Plansystem zeitgemäße Funktionsräume. Der Einsatzzweck der zwischen 40 und 50 Quadratmeter großen Räume ist dabei ebenso unterschiedlich wie ihre Architektur: ¿Eigentlich ist jeder Raum eine individuelle Lösung. Das beginnt bei der Grundrißplanung, führt über die Konstruktion des Einbaus und seine farbliche Gestaltung und endet beim Lieferumfang¿, so Lehnert-Vertriebsleiter Otfried Myny.
Was er damit meint, sehe ich in aller Deutlichkeit bei unserem Betriebsrundgang: Obwohl zum Großteil aus den Standard- und Normteilen eines Baukastensystems zusammengestellt, gleicht kein Raumtyp dem anderen. Jeder ¿Bau im Bau¿ ist auf seinen speziellen Einsatzfall zugeschnitten und paßt sich ¿ teilweise mit ausgefallenen Formen ¿ den Platzverhältnissen von Produktionshalle und Montagelayout an.
Fertigungsnah und dezentral
Besonderes Augenmerk fiel während der Planungsphase der Positionierung der einzelnen Raummodule zu. Denn nur fertigungsnah, gruppenbezogen und gleichzeitig dezentral angeordnet erfüllen sie ihren Zweck. Konkret bedeutet das: Einerseits müssen die Pausenkabinen und Besprechungsräume der Gruppen beispielsweise in direkter Nähe der Arbeitsplätze liegen und ohne lange und zeitraubende Laufwege erreichbar sein. Andererseits dürfen sie den Produktionsablauf nicht stören oder als Sicherheitsrisiko im Weg stehen. Das sagt sich so leicht! Lothar Fischer erinnert sich noch gut daran, wie schwierig es mitunter war, für manchen Raum die erforderliche Grundfläche in der Produktion ¿freizuschlagen¿: ¿Es ist nicht einfach, für dreizehn Räume dieser Größenordnung überhaupt Platz zu finden. Da muß dann an anderer Stelle, etwa bei der Materialdisposition, umorganisiert werden. Doch das war es uns wert, und wir sind sehr zufrieden mit den gefundenen Lösungen.¿
In der Praxis sieht das dann so aus: Die Pausenräume befinden sich meist an den Seitenwänden der Halle (Integration der Außenfenster erleichert die Frischluftzufuhr!) und gleichzeitig im unmittelbaren Aktionsradius der Arbeitsgruppen: Sie rahmen die Produktionsanlagen der Endmontage sozusagen ein. Fahrwege und Montagebänder, Sicherheitszonen und Fluchtwege bleiben unberührt. Gemeinsam mit der ohnehin sehr sauber und gepflegt erscheinenden Fertigung hinterläßt das einen überaus wohlgeordneten und überschaubaren Eindruck.
Raum-Alternativen erblicke ich in anderen Hallen, wo größere Büros von zentraler Bedeutung sehr harmonisch in die Produktionslandschaft eingepflanzt wurden. Besonders auffallend ist ein bis zum Hallendach hinaufragender Raum ohne Zwischendecke. Dabei handelt es sich um einen staubfreien Spezialeinbau mit konstanter Innentemperatur, der mächtigen Meßapparaturen ausreichend Stellplatz bietet. Nicht ohne Stolz betont Lehnert-Vertriebsleiter Myny, daß damit längst nicht die gesamte Palette der machbaren Lösungen erfaßt ist: ¿In anderen Unternehmen, etwa bei Heidelberger Druckmaschinen oder bei Audi, realisieren wir auch aufgeständerte, abgehängte oder mehrgeschoßige Varianten sowie technische Reinräume für hochsensible Produktionsumgebungen.¿
Die meisten Raumlösungen bei John Deere sind eingeschossige, ebenerdige Konstruktionen. Manche stehen auf Bühnen unter dem Hallendach und sind über Stahltreppen zugänglich. In einigen entdecke ich komplett ausgestattete Mehrpersonenbüros mit Bildschirm-Arbeitsplätzen für die Materialdisposition. Andere dienen als Meisterbüros, als Treffpunkte für die Arbeitsvorbereitung, als Schulungsräume oder eben als Ruhezonen mit Garderoben, Schließfächern und edelstählernen Waschgelegenheiten.
Produktionsnähe und architektonische Zwänge einerseits sowie unterschiedliche Raumfunktionen andererseits strapazierten die grauen Zellen von Systemhersteller und Planer. Denn einfach nur ein paar graue ¿Schuhkartons¿ aufstellen, damit war es bei John Deere nicht getan. Neben der kompletten Elektrifizierung mußten Sanitär- und Haustechnik installiert werden. Wo nötig, war die umfassende datentechnische Integration in das EDV-Netzwerk des Unternehmens sicherzustellen.
Licht, Luft, Lärm
Jeder Raum hat seine eigene Deckenbeleuchtung und je nach Position in der Halle eine Lüftungsanlage oder gar eine Vollklimatisierung. Die Mehrpersonenbüros verfügen teilweise über eindrucksvolle Lichtkuppeln und lassen daher viel Hallen- und Tageslicht einfallen. Dort wo die Stapler fahren, schützen auffällig lackierte Leitplanken die Gebäude im Gebäude vor mechanischer Beschädigung.
Ein unbedingtes Muß für solche fertigungsnahen Räume ist die Schalldämmung. Denn die Arbeitspausen sollen der Entspannung dienen und Besprechungen, Schulungen oder Bildschirmarbeit in konzentrierter Atmosphäre stattfinden können. Zweischalige Wandelemente (vinylbeschichteter Gipskarton oder melaminharzbeschichtete Spanplatten) mit einer dicken Akustikfüllung, wandbündige Doppelglas-Fenster und ein mehrlagiger, trittschallgedämmter Fußboden sorgen deshalb dafür, daß der Lärm draußen bleibt. Auch die aufwendige Deckenkonstruktion und die dicht schließenden Türen leisten ihren Beitrag zur Schalldämmung. Von der Wirksamkeit dieser Maßnahmen konnte ich mich mit eigenen Ohren überzeugen. Bei geschlossener Tür sind die Systemräume wahre Inseln der Ruhe mitten im Getöse der Produktion. Wohlgemerkt: Hier werden gewaltige Traktoren am Fließband gefertigt.
Vielleicht ist es ein bißchen gemein, doch insgeheim vergleiche ich bei unserem Rundgang diese modernen Raumlösungen ständig mit jenen schmuddeligen, verschrammten Blechgaragen, die ich von vielen anderen Betriebsbesichtigungen her kenne. Was ich in Mannheim zu sehen bekomme, hinterläßt dagegen einen ungemein erfrischenden und motivierenden Eindruck. Besonders augenfällig ist dabei die zwar zweckmäßige, dennoch aber modern und freundlich gestaltete Ausstattung der Räume und ihre angenehme Farbgebung. Nützlicher Nebeneffekt dabei: Die unterschiedlichen Farben der Räume werden als Ordnungskriterium für die Funktionstrennung genutzt. Pausenkabinen und Schulungsräume türkis und hellgrau, Meßwarten und Büros vorwiegend schwarzweiß. Und wo immer die Plazierung des Raums keinen Blick ins Freie gestattet, ermöglichen großzügige Fensterflächen den ungehinderten Rundumblick auf Geschehen und Kollegen in der Halle.
Schlüsselfaktor Akzeptanz
All diese Maßnahmen sorgen letztlich auch für eine hohe Akzeptanz der Räume bei den Mitarbeitern. Ein Thema, das man bei John Deere schon früh während der Planungsphase ins Zentrum rückte. Projektleiter Fischer war klar: Das Raumkonzept gilt nur dann als gelungen, wenn es die Mitarbeiter bewußt annehmen. Wo machbar, wurde die Belegschaft deshalb schon in die Planungen miteinbezogen. ¿Die Praktiker wissen oft am besten, was zweckmäßig ist und was nicht. Jede Gruppe erhielt deshalb die Möglichkeit, ihren Raum mitzugestalten und wurde bei Bedarfsanalyse und Produktauswahl miteingebunden¿, so Fischer. Und das scheint nur konsequent. Denn aktive Gruppenarbeit, das heißt auch, die Mitarbeiter von Anfang an an Organisation und Gestaltung der Rahmenbedingungen ihres Arbeitsplatzes mitwirken zu lassen.
Natürlich klappt das nicht immer und überall, doch bei John Deere ging die Rechnung auf. Die Gruppen reinigen ihre Räume selbst und nutzen sie nicht nur intensiv in den Pausenzeiten, sondern auch aktiv für spontan einberufene Besprechungen über Probleme in der Fertigung und für ihre wöchentlichen Meetings im Rahmen des Qualitätsmanagements. Lothar Fischer erinnert sich noch gut an den Motivationsschub, der die Belegschaft erfaßte als die neuen Raumsysteme montiert wurden: ¿Zu Beginn waren einige skeptisch. Als es jedoch an die Realisierung ging und die Ergebnisse sichtbar wurden, waren alle sehr angetan und positiv berührt¿.
99 Prozent wiederverwendbar
Soweit so gut. Ich blicke in zufriedene Gesichter. Was aber passiert, wenn die Fertigung wieder mal umstrukturiert wird und der eine oder andere Raum dann plötzlich im Weg steht? ¿Muß ein Raum umgebaut oder versetzt werden, weil die Fläche zum Lagern oder für Montageanlagen gebraucht wird, dann lassen sich die Bauteile zu 99 Prozent wiederverwenden. Diese Flexibilität bei Montage und Demontage ist ein Grundgedanke des Lehnert-Systems¿, versichert Otfried Myny. Und das ist gut so, denn damit sind die Kosten von durchschnittlich 2500 Mark pro Raumquadratmeter auch langfristig gut angelegt. Bei späteren Umbauten fällt dann lediglich der Lohnanteil ins Gewicht, der laut Myny deutlich unter den Materialkosten der Erstmontage liegt. Außerdem spart man die Kosten für die Entsorgung der Altteile. Für die Verantwortlichen bei John Deere war diese Flexibilität eine der Grundvoraussetzungen, warum man sich für das System des Fernwalder Herstellers entschied: ¿Wir wollten hier keine unverrückbaren Monumente bauen, sondern variable, anpassungsfähige und zukunftsfähige Raumlösungen realisieren¿, so Lothar Fischer.
Kein Korsett
Der Aspekt der nachträglichen Umbaumöglichkeiten ist nicht zu vernachlässigen. Wie oft muß schließlich ein Raum kurzfristig versetzt, erweitert und verkleinert werden, weil sich die Infrastruktur der Produktion wieder mal ändert? Die Produkte von Lehnert zeigen sich diesbezüglich sehr aufgeschlossen. ¿Wir fertigen prinzipiell maßungebunden. Für den Kunden gibt es kein starres Korsett. Unsere Lösungen sind immer Sonderanfertigungen. Allerdings ohne, daß wir dafür die Preise von Sonderanfertigungen veranschlagen. Unser sehr flexibles Baukastensystem gibt das einfach her. Damit können wir beinahe jeden Kundenwunsch erfüllen und vorhandene Raumangebote optimal nutzen¿, sagt Otfried Myny. Zahlreiche schräge Winkel, Einbuchtungen oder Aussparungen bei Dächern und Grundrissen zeugen in Mannheim von der praktischen Umsetzung dieser Produkt-Philosophie.
Die Lehnert-Konstruktionen basieren auf einem flexiblen Stahlprofilsystem, das als Tragwerk dient. In das Profilsystem setzen die Monteure die weitgehend vorgefertigten zweischaligen Wände, die Fensterelemente sowie die Decken- und Bodenkonstruktion ein. Dabei orientiert sich die endgültige Wandform auch an räumlichen Unwägbarkeiten wie Dachschrägen, Trägern oder Rohrdurchlässen (und nicht umgekehrt!). Anpassungen werden maßgenau vor Ort vorgenommen. Die Höhe der Wände ist nahezu unbegrenzt. So eine Wand kann man daher auch als einfachen Raumteiler einziehen, um verschiedene Betriebsbereiche voneinander zu trennen.
Die großen Doppelfenster sind in jeder Glasart bis maximal sieben Millimeter Dicke pro Scheibe zu haben. Bei den Türen stehen ein- oder zweiflügelige Ausführungen zur Wahl, die sich farblich auf die Wandfarben abstimmen lassen. Sie können mit Fenstern aus Einscheiben-Sicherheitsglas bestückt werden. Ganzglas-Türen sind eine schicke Alternative für Verwaltungsbereiche.
Die Decke läßt sich begehbar oder nicht begehbar ausführen. Sie besteht aus einer oberen Abdeckung und einer abgehängten Mineralfaserdecke, in die Licht- und Klimatechnik integriert werden. Die Grundlage des Fußbodens ist eine Korkschrottmatte mit einer dicken wärme- und schalldämmenden Styroporschicht. Darauf liegen 22 Millimeter starke Verlegeplatten, die der Oberschicht aus fugenverschweißten Kunststoffplatten als stabile Unterlage dienen. Der Boden kann aber auch als Doppelboden ausgeführt werden, in dem dann von außen unsichtbar Energiekabel und Datenleitungen verlegt werden.
Alles aus einer Hand
Für John Deere arbeitete Lehnert zusammen mit den Einrichtern von Plansystem. In vielen anderen Fällen tritt das Fernwalder Unternehmen allerdings als Generalunternehmer auf, der sämtliche Gewerke von der Planung bis zur Endabnahme liefert. Dazu zählen neben blendfreien Deckeneinbau-Leuchten und Klimaanlagen auch die Installation von Heizungen, der Zu- und Ableitungen für die Sanitärtechnik und der Elektro- und EDV-Anschlüsse. Außerdem zeichnet man verantwortlich für die Statik, die beispielsweise bei Bühnen- und Hängekonstruktionen, begehbaren Dachsystemen oder doppelstöckigen Gebäuden von besonderer Bedeutung ist. Geplant und ausgeführt wird selbstverständlich unter Berücksichtigung der Arbeitsstätten-Verordnung und des Brandschutzes. Selbst Raumsysteme, die der hohen Brandschutzklasse F90 entsprechen, traut man sich zu.
Vier bis fünf Tage Realisationszeit veranschlagen die Planer von Lehnert für einen eingeschossigen Raum mit 50 Quadratmetern Grundfläche ¿ Beratung und Planung nicht mitgerechnet. Otfried Myny betont, daß man während der Montage penibel darauf achtet, den laufenden Produktionsbetrieb möglichst nicht zu stören. Neben der gemeinschaftlichen Planung und den akzeptablen Preisvorstellungen ist das sicher mit ein Grund dafür, warum man sich auch bei John Deere recht zufrieden mit der Zusammenarbeit zeigt. Lothar Fischers Fazit bringt es auf den Punkt: ¿Wir wollten schlüsselfertige Lösungen nach unseren Vorstellungen. Die haben wir bekommen.¿
Michael Stöcker / Mai 1999








