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WSM: Zulieferer fordern wettbewerbsfähige Rohstoff- und Energiepreise
"Das Umsatzwachstum 2010 hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen", sagt Theodor L. Tutmann, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie. Der Umsatz der Zulieferindustrie lag 2010 mit 191,5 Mrd. Euro 16,5 Prozent über dem Niveau von 2009. Der Umsatzeinbruch des Krisenjahres 2009 (minus 23,3 Prozent) konnte somit teilweise wieder aufgeholt werden. Die Kapazitätsauslastung, die 2009 in der Zulieferindustrie nur 71 Prozent betrug, lag im ersten Quartal 2011 bereits wieder bei 86 Prozent, hat aber noch nicht in der Breite Vollauslastungsniveau erreicht. Viele Unternehmen haben im Verlauf des Jahres 2010 wieder Personal eingestellt. In der Stahl- und Metallverarbeitung und in der Kautschukindustrie erhöhte sich die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter um 15.000 auf 480.000 Mitarbeiter. Die Anzahl der Betriebe ging über alle Zulieferbranchen um 4 Prozent zurück.
Auslandsnachfrage ist Wachstumstreiber
Die positive Entwicklung wurde - in geringem Maß - von Binnennachfrage und Lageraufbau, überwiegend aber von der kräftigen Auslandsnachfrage getragen. Wichtige inländische Kunden, insbesondere die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Elektroindustrie, sind exportorientiert. 75 Prozent der Teile und Produkte der deutschen Zulieferer kommen in Anwendungen zum Einsatz, die für ausländische Kunden bestimmt sind. So fiel die Erholung bei denjenigen Unternehmen, die überwiegend Automobilhersteller zu ihren Kunden zählen, besonders kräftig aus. Die Zulieferer des Maschinenbaus, den die wirtschaftliche Erholung erst später erfasst hat, müssen dagegen teilweise immer noch Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Die stärker der inländischen Nachfrage zugewandten Hersteller hatten sowohl in der Krise als auch in der Erholungsphase einen flacheren Konjunkturverlauf.
Künftige Entwicklung
Die Folgen der Ereignisse in Japan und in Nordafrika für die Entwicklung der Weltwirtschaft und die deutsche Wirtschaft sind derzeit schwer zu beurteilen. Japan leistet bereits jetzt erhebliche Anstrengungen zum Wiederaufbau. "Derzeit sind unsere Lieferketten weitestgehend sichergestellt. Wir beobachten die Situation jedoch sehr aufmerksam", sagt ArGeZ-Sprecher Tutmann. Positiv wirken nach wie vor die Entwicklung in den USA und die bislang unvermindert starke Dynamik der Märkte in Asien. "Wir erwarten 2011 ein Umsatzwachstum von 7 Prozent, viele Unternehmen rechnen damit, 2012 wieder das Vorkrisenniveau zu erreichen." Neben der Automobilbranche kommen in diesem Jahr zunehmend Impulse aus dem Maschinenbau. Einige Firmen signalisieren bereits Lieferengpässe. "In der zweiten Jahreshälfte rechnen wir mit einer Normalisierung der Dynamik, da der Lageraufbau bereits maßgeblich betrieben wurde." Der erwartete Investitionszuwachs von bis zu 20 Prozent in 2011 dürfte in hohem Maß durch Rationalisierungs- und Automatisierungseffekte gekennzeichnet sein. Auch 2011 werden wieder Neueinstellungen vorgenommen. Die Zulieferbranche rechnet mit weiteren 7.000 neuen Arbeitsplätzen, das entspricht einer Steigerung von 0,7 Prozent gegenüber 2010.
Finanzierungsbedarf der Unternehmen steigt
Während die Marktentwicklung positiv ist, bietet die Entwicklung der betriebswirtschaftlichen Kennzahlen Anlass zur Sorge. Kosten und Wettbewerbsdruck steigen stetig. Hinzu kommt: der Finanzierungsbedarf wird im weiteren Verlauf des Aufschwungs größer werden und die Weltautomobilproduktion verlagert sich immer weiter nach China. Somit müssen auch die Zulieferer immer globaler agieren und benötigen hierfür Liquidität. Die Großkunden erhöhen den Preisdruck und wälzen immer mehr finanzielle Risiken auf die mittelständischen Zulieferer ab. So werden den Zulieferern der Fahrzeugindustrie neue Gewährleistungs- und Qualitätsvereinbarungen oder Werksnormen zur Unterzeichnung vorgelegt, die ihren Versicherungsschutz gefährden. In Einzelfällen kann zum Beispiel durch die Art der Abrechnung von Schadensfällen der Versicherungsschutz des Zulieferers komplett entfallen. "Wir können aber nur solche Risiken übernehmen, die wir zu wirtschaftlichen Konditionen versichern können", sagt ArGeZ-Sprecher Tutmann.
Rohstoffe: große Preissprünge erschweren Planungen
Die Preisentwicklungen der Vormaterialien belasten die Unternehmen erheblich: aufgrund der anziehenden Preise bei vielen Rohstoffen zeigen die Umsatzrenditen wieder eine rückläufige Entwicklung. In der Stahl- und Metallverarbeitung wurden die 2010 ausgelaufenen Jahresverträge durch Kontrakte ersetzt, die feste Preise nur noch für drei oder sechs Monate vorsehen. Die Preisausschläge werden in kürzeren Zyklen immer stärker und sind immer weniger vorhersehbar. Die Kontraktpreise für Kokskohle und Erz werden im 2. Quartal 2011 einen historischen Höchststand erreichen. In Folge sind die Preise für Stahl (Warmbreitband) auf dem Spotmarkt auf circa 650 Euro pro Tonne gestiegen. Viele Erzeugnisse erreichten das nach Höchstwerten von 2008 zweithöchste Niveau. Für das zweite Quartal 2011 sind bereits Stahlpreiserhöhungen von bis zu 150 ¿/t angekündigt. Für ein Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von 50.000 Tonnen Stahl können so Mehrkosten für das Vormaterial von 10 bis 15 Mio. Euro alleine in diesem Jahr entstehen. "Die marktmächtigen Kunden unserer Unternehmen - vor allem aus der Automobilindustrie - beharren auf längeren Preisbindungen. Es kann nicht sein, dass die Zulieferer das Preisrisiko alleine tragen. Unsere Vorlieferanten sind aufgrund ihrer Marktmacht eher in der Lage, für langfristig stabile Preise zu sorgen." Sehr volatil gestalten sich auch die Börsennotierungen für NE-Metalle, die unter dem Einfluss von Finanzinvestoren neue Höchststände anpeilen. Die Börsennotierungen für Naturkautschuk haben sich seit dem 1. Quartal 2009 verdreifacht. 2010 mussten die Kautschukverarbeiter Materialmehrkosten von 587 Mio. Euro verkraften. Zudem wird die Beschaffung der Materialien immer schwieriger, so dass die Hersteller kaum auf die kurzfristig erhöhte Nachfrage der Kunden reagieren können.
Energie: steigende Kosten gefährden Wettbewerbsfähigkeit
Weiter verschärft wird die Lage durch die stetig steigenden Preise für Energie. So beträgt der Energiekostenanteil an der Bruttowertschöpfung bei den Betrieben rund 10 Prozent. Alleine durch die Umlage für erneuerbare Energien (EEG-Umlage) wird die Zulieferindustrie 2011 mit rund 1 Mrd. Euro belastet. "Wir sind für einen Dreiklang in der Energiepolitik: sicher, klimaverträglich, bezahlbar. Das schließt auch den Ausbau erneuerbarer Energien ein. Aber die Steuerungsinstrumente müssen angepasst werden. Die Energiepreise dürfen sich nicht zu einem Standortnachteil für unsere mittelständische Industrie entwickeln." An dieser Stelle muss die Politik dringend kurzfristig handeln. Die ArGeZ fordert eine Begrenzung der EEG-Kosten für die Industrie. Diese Kosten müssen neu verteilt werden. So muss die Härtefallregelung auf den stromintensiven Mittelstand ausgeweitet werden und die Umlage auf 2 Cent pro Kilowattstunde begrenzt werden. Ab 2013 dürfte auch der Emissionsrechtehandel die Branche durch weiter steigende Strom- und möglicherweise auch Vormaterialkosten belasten. Eine Verschärfung des EU-Emissionsminderungsziels von 20 Prozent auf 30 Prozent bis 2020 würde diese Belastungen noch verstärken. lg









