Keine Trendwende für die Chemieindustrie
Verband der Chemischen Industrie warnt vor anhaltender Investitionsschwäche
Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat ihre Talfahrt im ersten Halbjahr 2026 zwar verlangsamt, eine Erholung ist nach Einschätzung des Verbands der Chemischen Industrie e.V. (VCI) jedoch nicht in Sicht. Die Produktion lag rund 3,0 Prozent unter dem Vorjahresniveau, der Umsatz sank um 1,0 Prozent auf 106 Milliarden Euro. Gleichzeitig gehen die Investitionen bereits das dritte Jahr in Folge zurück - aus Sicht des Branchenverbands das eigentliche Warnsignal.
„Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende“, so VCI-Präsident Markus Steilemann bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz. Zwar habe sich das erste Halbjahr besser entwickelt als die zweite Hälfte des Vorjahres, für eine nachhaltige Erholung reiche dies jedoch nicht aus.
Geopolitische Sondereffekte stützen das Inlandsgeschäft
Die leichte Stabilisierung führt der VCI vor allem auf geopolitische Sondereffekte zurück. Unternehmen hätten infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten ihre Lagerbestände erhöht, um möglichen Lieferunterbrechungen vorzubeugen. Gleichzeitig habe die zeitweise Sperrung der Straße von Hormus den Wettbewerbsdruck durch asiatische Anbieter vorübergehend abgeschwächt.
Davon profitierte vor allem das Inlandsgeschäft. Der Inlandsumsatz stieg im ersten Halbjahr um 2,0 Prozent auf 40 Milliarden Euro. Das Exportgeschäft entwickelte sich dagegen weiterhin schwach. Der Auslandsumsatz sank um 2,5 Prozent auf 66 Milliarden Euro. Nach Angaben des VCI arbeiten viele Produktionsanlagen weiterhin unter ihrer Kapazitätsgrenze. Produktion und Absatz liegen nach wie vor deutlich unter dem Niveau des Jahres 2021.
Chemie stärker betroffen als Pharma
Die wirtschaftliche Entwicklung verlief innerhalb der Branche unterschiedlich. In der Chemie sank die Produktion um 3,0 Prozent, in der Pharmaindustrie um 1,5 Prozent. Auch beim Umsatz fiel das Minus in der Pharmaindustrie mit 0,5 Prozent geringer aus als in der Chemie. Gleichzeitig verweist der VCI darauf, dass sich die Rahmenbedingungen inzwischen auch für Pharmaunternehmen verschlechtern.
Besonders deutlich fiel der Produktionsrückgang bei Petrochemikalien und deren Derivaten mit minus 5,5 Prozent aus. Polymere lagen 4,0 Prozent unter Vorjahr. Rückgänge verzeichneten außerdem Wasch- und Körperpflegemittel sowie Kosmetika (-3,5 Prozent), Fein- und Spezialchemikalien (-1,5 Prozent) sowie Pharmazeutika (-1,5 Prozent). Vergleichsweise stabil entwickelte sich die Herstellung anorganischer Grundchemikalien (-0,5 Prozent).
Die Zahl der Beschäftigten verringerte sich im ersten Halbjahr um 1,0 Prozent auf rund 471.500.
Ertragslage bleibt angespannt
Die schwachen Produktionszahlen schlagen sich auch in den Erwartungen der Unternehmen nieder. Nach einer VCI-Mitgliederbefragung rechnen 47 Prozent der Unternehmen für 2026 mit sinkenden Erträgen. Weitere 22 Prozent erwarten keine Veränderung. Lediglich 31 Prozent gehen von einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage aus.
Steigende Kosten, geringe Absatzmengen und der intensive internationale Wettbewerb dürften den Margendruck damit auch in den kommenden Monaten hoch halten. Für das Gesamtjahr erwartet der Verband weiterhin einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Auf weitergehende Prognosen verzichtet der VCI angesichts der anhaltend volatilen geopolitischen Lage.
Investitionen werden zum eigentlichen Standortproblem
Größere Sorgen als die aktuelle Konjunktur bereitet dem Verband die Investitionsentwicklung. Nach Angaben des VCI liegen die Sachanlageinvestitionen inzwischen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. Damit setzt sich der Rückgang bereits im dritten Jahr in Folge fort.
Auch internationale Vergleiche zeichnen ein ernüchterndes Bild. Laut einer vom VCI zitierten McKinsey-Analyse erreichen die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland lediglich rund 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich am Ende der betrachteten Industriestandorte. Gleichzeitig werden auch in Europa Produktionskapazitäten abgebaut, ohne dass ausreichend in neue Anlagen oder Zukunftstechnologien investiert wird.
Die Investitionspläne der Unternehmen spiegeln diese Entwicklung wider. 45 Prozent der befragten Unternehmen wollen ihre Investitionen in Deutschland reduzieren. Im Ausland überwiegen dagegen Expansionspläne. Auch bei Forschung und Entwicklung gewinnt der Auslandsstandort an Attraktivität.
Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei Forschung und Entwicklung aus. Während in Deutschland lediglich 19 Prozent der Unternehmen einen Ausbau ihrer FuE-Aktivitäten planen und 29 Prozent mit einem Rückgang rechnen, verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend ins Ausland. Dort wollen 41 Prozent ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ausweiten, lediglich 11 Prozent erwarten einen Rückgang. Die Umfrage deutet damit darauf hin, dass sich nicht nur Investitionen, sondern auch Innovationsaktivitäten zunehmend außerhalb Deutschlands konzentrieren.
Unternehmen sehen Standortnachteile
Als größte Investitionshemmnisse nennen die Unternehmen die hohen Standortkosten. 86 Prozent der Befragten bewerten sie als entscheidenden Nachteil. Es folgen die Energie- und Klimapolitik (81 Prozent), eine aus ihrer Sicht mangelnde Verlässlichkeit der Industriepolitik (61 Prozent), zunehmender Importdruck (53 Prozent) sowie ausbleibende Reformen (51 Prozent).
Entsprechend kritisch fällt die Bewertung der politischen Rahmenbedingungen aus. Mehr als 80 Prozent der Unternehmen sehen die Risiken einer Deindustrialisierung politisch nicht ausreichend berücksichtigt. Der VCI fordert deshalb unter anderem wettbewerbsfähigere Unternehmenssteuern, geringere Arbeitskosten, schnellere Genehmigungsverfahren und einen weiteren Bürokratieabbau.
Nach Einschätzung von VCI-Präsident Markus Steilemann sei das Reformpaket der Bundesregierung zwar „der erste ernsthafte Versuch seit Jahren“, den Industriestandort zu stärken. Entscheidend werde jedoch sein, ob daraus langfristige Strukturreformen entstünden und zusätzliche Belastungen für die Industrie ausblieben.
Was die Chemiezahlen für die Industrie bedeuten
Die Entwicklung der Chemieindustrie gilt traditionell als Frühindikator für die industrielle Konjunktur. Reichen die aktuellen Signale also über die Branche hinaus? Die anhaltende Investitionszurückhaltung und der hohe Kostendruck verdeutlichen, vor welchen Herausforderungen viele Industrieunternehmen derzeit stehen. Gleichzeitig wächst der Bedarf, bestehende Produktionskapazitäten effizienter zu nutzen. Automatisierung, Digitalisierung und datenbasierte Prozessoptimierung gewinnen damit weiter an Bedeutung. Nicht nur in der Chemie, sondern entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette.










