Vakuumsysteme
von Guerickes Erben
Als Otto von Guericke 1649 die erste Kolbenvakuumluftpumpe erfand, hätte er sich nicht träumen lassen, was mit dem leeren Raum rund 360 Jahre später alles möglich sein kann: Innovative Vakuumlösungen sorgen zum Beispiel bei der Stahl-Nachbehandlung für Energie- und Betriebskosteneinsparungen. Ein Unternehmen, das mehr als 160 Jahre lang die Entwicklung der Vakuumtechnik mit geprägt hat, ist Oerlikon Leybold. SCOPE-Redakteurin Evelin Eitelmann umreißt die Anfänge der Unternehmensgeschichte.
Rothenburg ob der Tauber war nicht immer und für jeden das idyllische Städtchen, als das ich es auf den ersten Blick empfunden habe. Dem 22-jährigen Kaufmann Ernst Leybold erschien der Ort Mitte des 19. Jahrhunderts zu eng, das Kleinstadtmilieu unerträglich. Im Jahr 1846 schulterte er sein Bündel und zog nach Köln, wo er eine Kommis-Stelle in dem Speditionsgeschäft Böcker annahm. Schon 1850 konnte er sich mit einer Agentur für Kaffee-Importe selbständig machen. Als 1851 sein Wohnungsvermieter Martin Kothe, Kommissionär und Spediteur in ausländischen Weinen und diversem Apothekenbedarf, plötzlich verstarb und eine Ehefrau hinterließ, die in dem Geschäft keine Erfahrung hatte, sprang Leybold hilfreich ein. Zunächst führte er einfach die Geschäfte weiter, beteiligte sich alsbald jedoch auch finanziell. Im Jahr 1863 übernahm er das kleine Unternehmen schließlich ganz - unter dem Namen E. Leybold (vorher Leybold & Kothe).
Das Geschäft mit physikalischen und pharmazeutischen Apparaten nebst Zubehör nahm einen solchen Aufschwung, dass Leybold bald eigenen Haus- und Grundbesitz erwerben konnte. 1864 eröffnete er sein Hauptgeschäft in einem Neubau in der Schildergasse/Brüderstraße; zu dieser Zeit begann er auch mit einer bescheidenen Eigenfertigung. Leybolds guter Instinkt für vakuumtechnische Anwendungen, sein stets offenes Ohr für Kundenwünsche ließen neue innovative Produkte entstehen, etwa die zweistiefelige Luftpumpe (Bild oben).
Trotz wirtschaftlicher Erfolge entschied sich Leybold im Jahr 1870 für den Verkauf des Unternehmens an Emil Schmidt und Otto Ladendorff, die es in E. Leybold’s Nachfolger umbenennen. Er selbst hatte eine ganz andere Passion: Grundstücksspekulationen. Seiner glücklichen Hand verdankt Köln seine Kolonie Marienburg, und unter uns gesagt, auch die von ihm im Jahr 1880 gegründete Immobiliengesellschaft existiert noch heute.
Kreative Köpfe
Ein anderer, der die Geschicke des Unternehmens zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte, war Prof. Dr. Wolfgang Gaede. Untersuchungen über den Voltaeffekt führten ihn zu seiner Lebensaufgabe, der Schaffung gänzlich neuer, wirksamer Apparate zur Erzeugung und Messung des Hochvakuums. 1905 stellte er die rotierende Quecksilberluftpumpe vor der Naturforscherversammlung in Meran vor. Er erregte großes Aufsehen, obwohl diese Pumpe sowie seine Ölkapselpumpe nur technische Verbesserungen bekannter Prinzipien waren. Im Jahr 1906 nahm das Unternehmen E. Leybold’s Nachfolger seine Zusammenarbeit mit ihm auf. Der Beratervertrag ermöglichte Gaede, in seinem Privatlabor weiter zu forschen.
Der kreative Kopf stellte die bisher gängigen Meinungen auf den Prüfstand: Der Gedanke zum Beispiel, die in der kinetischen Gastheorie enthaltenen Bewegungsgesetze der Gasmoleküle selbst zur Vakuumerzeugung heranzuziehen. Nach eingehenden Untersuchungen der Grundlagen hierzu kam 1912 die Molekularpumpe heraus und 1915 folgte die Diffusionspumpe, großartige Schöpfungen von ungekannter Wirksamkeit. Und wie das so ist bei bahnbrechenden Erfindungen: Gaede musste bei der Ausarbeitung dieses Prinzips mit irrigen älteren Vorstellungen aufräumen. Mit Erfolg. Die Diffusionspumpe beherrscht heute die Laboratorien und Fabriken aller Länder.
Nach nunmehr fast 165-jähriger Firmengeschichte werden Entwicklung und Fertigung von Vakuumpumpen immer noch in der Tradition von Ernst Leybold und Wolfgang Gaede fortgeführt. Mit der Produktserie Dryvac hat das Unternehmen eine kompakte trocken verdichtende Schraubenvakuumpumpe für industrielle Anwendungen auf den Markt gebracht. Die Integration eines Frequenzumrichters direkt an der Pumpe hilft, bei der Anbindung an die elektrische Peripherie Kosten zu sparen.
Breites Portfolio
Um bestehende Vakuumprozesse möglichst optimal zu fahren, können die vielseitigen Funktionen der Frequenz-umrichter der Vakuumpumpen individuell angepasst werden, wie in Indien beim Stahlerzeuger Jailaxmi Casting & Alloys. Dort ist ein kompaktes mechanisches Vakuumsystem für einen 35-Tonnen-Tankentgaser installiert. Es besteht aus der neuesten Reihe Wälzkolbenpumpen vom Typ Ruvac WH7000 sowie der trockenen Schraubenpumpe Dryvac DV1200. Die robusten Pumpen sind in der Lage, an Applikationen mit starker Staub- und Dampfentwicklung zu bestehen. Ein nahezu wartungsfreier Betrieb sorgt zudem für niedrige Betriebskosten.
Doch zurück zur Historie: Im Jahr 1967 fusionieren E. Leybold´s Nachfolger und die Heraeus Hochvakuum GmbH. Bis zu diesem Zeitpunkt war Dr. Manfred Dunkel 36 Jahre lang dem Unternehmen als Leiter vorgestanden und hatte durch eine Erweiterung des Produktsortiments einen entscheidenden Beitrag zur weltweiten Anerkennung des Unternehmens geleistet. Mit Wirkung zum 1. Oktober 1987 wird Leybold Heraeus in Leybold Aktiengesellschaft umbenannt. Der Hauptsitz des Unternehmens wird von Köln nach Hanau verlegt. Im Jahr 2006 wird das Handelszeichen nur für Leybold Vacuum verwendet. Das Unternehmen, Teil der in der Schweiz ansässigen OC Oerlikon Management AG, ist heute einer der weltweit führenden Anbieter von Vakuumtechnologie- und Systemlösungen. Mit 32 eigenen Niederlassungen und 48 Händlern und Repräsentanten bietet das Unternehmen seinen Kunden eines der dichtesten Service-Netze der Vakuumtechnologiebranche. Sein Sortiment umfasst Vorvakuumpumpen, Hoch- und Ultrahochvakuumpumpen, Vakuumsysteme, Vakuummessgeräte, Leckdetektoren, Bauteile und Ventile, sowie die Beratung und das Engineering für Vakuumkomplettlösungen für spezifische Kundenanwendungen.
Evelin Eitelmann









