Wirtschaft + Unternehmen

Mit Hochdruck in die Zukunft

Die Druckluft hat die Industrialisierung auf Schritt und Tritt begleitet. Sei es in ihren Anfängen bei der Eisenverhüttung oder heute bei der immer weiter fortschreitenden Automatisierung. Doch die Industriegesellschaft wandelt sich zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft. Bleibt die Drucklufterzeugung davon unberührt? Zwei Geschäftsführer aus der Kompressorbranche stellten sich den Fragen von SCOPE-Redakteur Matthias Meier zur kommenden Technik, zusätzlichen Dienstleistungen und der starken Konkurrenzsituation am Markt.

SCOPE: Erste Anbieter steigen ins Druckluftcontracting, der Druckluft aus der Steckdose, ein. Ist das die Zukunft der Kompressorenhersteller? Werden Sie in zehn Jahren überhaupt noch einzelne Kompressoren verkaufen oder nur noch Druckluft?
W. Meier-Scheuven, Boge: Das Druckluft-Contracting erweitert schon seit längerem unser Produkt-Portfolio und das Interesse der Kunden ist ansteigend. Dabei kommt es jedoch immer auf die spezifische Situation des Betreibers an. Es gibt Großverbraucher mit zentraler und dezentraler Druckluft-Versorgung, mit unterschiedlichen Druckluftnetzen für unterschiedliche Applikationen, für die Druckluft aus der Steckdose nicht rentabel ist. Zumal man dort über eigene Ingenieur- und Service-Abteilungen verfügt, die auch andere Versorgungseinheiten ¿ wie Wasser, Heizung, Klima, Lüftung und Produktionstechnik ¿ betreuen. Einige Automobilhersteller lehnen das Contracting generell ab, da sie unabhängig bleiben und die eigene Fachkompetenz pflegen wollen. Wie weit sich das Druckluft-Contracting durchsetzen wird, ist nur ansatzweise vorhersehbar. Aus heutiger Sicht wird das Druckluft-Contracting wohl einen gewissen Marktanteil erreichen. Nach wie vor aber werden Einzelkompressoren wie auch Druckluft-Stationen mehrheitlich direkt verkauft werden. Vergleichbar ist die Situation mit dem Automarkt: je nach Situation nehmen Kunden unterschiedliche Angebote wie Leasing, Miete oder Kauf wahr.
T. Kaeser, Kaeser: Druckluft-Contracting ist für Kaeser Kompressoren nicht neu! Wir haben die ersten größeren Installationen bereits seit 12 Jahren erfolgreich bei Kunden im Betrieb. Neu ist jedoch, dass immer mehr Anwender darin die wirtschaftlichere und sicherere Alternative der Druckluftversorgung erkennen. Überall dort, wo es auf höchstmögliche Gesamtwirtschaftlichkeit und Verfügbarkeit der Druckluft ankommt, wird sich Druckluft-Contracting durchsetzen.
SCOPE: Druckluft ist einer der teuersten Energieträger und die elektrische Konkurrenz bei Antrieben und Automatisierungskomponenten ist groß. Wann wird das Druckluftnetz im Betrieb, heute noch Standard, wegrationalisiert?
T. Kaeser, Kaeser: Ich bin überzeugt, dass auch in Zukunft Druckluft gebraucht werden wird. Das, was an Bedarf durch den Einsatz des elektrischen Stroms wegfällt, wird durch neue Anwendungen sogar überkompensiert. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nenne ich dafür nur einige Beispiele wie den Drucklufteinsatz in Gesteinsmühlen, Luftdüsenwebmaschinen, Stickstoffgeneratoren oder beim Trockeneisstrahlen. Über den künftigen Bedarf an Druckluft mache ich mir wirklich keine Sorgen!
W. Meier-Scheuven, Boge: Ob und wann das Druckluftnetz im Betrieb wegrationalisiert wird, steht in den Sternen. Jedenfalls auf absehbare Zeit nicht durch elektrische oder hydraulische Alternativen! Druckluft ist zwar kein billiger Energieträger, hat jedoch durch seine spezifischen Eigenschaften viele Vorteile gegenüber der elektrischen oder hydraulischen Konkurrenz. Druckluft steht gerade in sensiblen Produktionsbereichen (explosionsgefährdete oder Hygienebereiche) ¿ bei richtiger Erzeugung und Anwendung ¿ sicher und sauber zur Verfügung. Zum einen gibt es also Anwendungsfälle, bei denen Druckluft gar nicht ersetzt werden kann. Zum anderen setzt man Druckluft ¿ in Konkurrenz zu Elektrik oder Hydraulik ¿ auch heute und in der Zukunft nur dann ein, wenn die Gesamtwirtschaftlichkeit ¿ und dazu gehören nicht nur Energiekosten, sondern auch Investitions-, Wartungs- und Handhabungskosten ¿ für die Druckluft sprechen. Grundsätzlich setzt sich immer das durch, was dem Kunden einen höheren Nutzen bietet.
SCOPE: Der Wettbewerb im Kompressorenmarkt ist eng. Ölfreiheit, Design und Regelungen in immer kleineren Kompressoren sind heute keine Alleinstellungsmerkmale mehr. Womit können sich die immer ähnlicher werdende Produkte in Zukunft voneinander abgrenzen?
W. Meier-Scheuven, Boge: Hardware ist heute nicht mehr alles. Der Produktbegriff muss erweitert werden. Zusatzleistungen wurden in den vergangenen Jahren zu produktbegleitenden Dienstleistungen und sind heute immer mehr fester Bestandteil des Produktes Druckluftversorgung selbst. Wir sehen uns in einer neuen Rolle, entwickeln uns vom Hersteller und Lieferanten zum Wertschöpfungspartner ¿ und gehen den Weg in Richtung Dienstleister mit Erfolg. Neue, integrierte technische Lösungen rücken ebenso ins Zentrum effektiver Druckluftversorgung wie mehrwertstiftende Add-On-Leistungen, die die Planung und den Betrieb von Druckluftanlagen optimieren: zum Beispiel das komplette Engineering individueller Anlagenkonfigurationen oder betriebsoptimierende (Tele-)Service-Tools, die weltweit rund um die Uhr die Druckluftversorgung sicherer machen. Druckluft ist flexibel ¿ als Medium, bei der Erzeugung, wie als ¿Produkt¿. Deswegen verstehen wir uns schon lange nicht mehr als reiner Kompressorenhersteller, sondern als Anbieter von Druckluft-Systemlösungen.
T. Kaeser, Kaeser: Ähnlichkeit ist grundsätzlich nichts Schlechtes, sorgt sie doch für Standardisierung und für eine wirtschaftliche, qualitativ hochwertige Erzeugung der Produkte. Aber Ähnlichkeit ist nur gut, wenn es dadurch im technischen Fortschritt keinen Stillstand gibt. Wir werden daher kontinuierlich dafür sorgen, dass unsere Produkte wieder anders, das heißt, noch leiser, wirtschaftlicher und wartungsfreundlicher, werden. Wenn dann der Wettbewerb nachzieht und wieder alles ähnlicher wird, beginnt das Spiel von neuem. Letztlich profitiert davon der Anwender in hohem Maße.
SCOPE: Der Kompressor ist, ähnlich wie das Auto, im Prinzip durchentwickelt. Sind echte technische Innovationen überhaupt noch denkbar oder ist nur noch Detailarbeit möglich? Wann kommt der Kompressor mit Dosenhalter?
T. Kaeser, Kaeser: Auch ein durchentwickeltes Produkt kann sich kontinuierlich weiterentwickeln, nicht zuletzt durch das Einbeziehen anderer Technikbereiche. Innovative Quantensprünge sind meiner Meinung nach insbesondere in der steuerungs- und kommunikationstechnischen Vernetzung und in der Softwareentwicklung möglich. Wir haben hier bereits mit unserer internen Kompressorsteuerung einen großen Schritt getan. Ebenso werden übergeordnete Steuerungen, Leittechnik und Teleservice die Zukunft der Druckluftversorgung stark verändern. Mit immer weniger personellem Einsatz, weniger Energie- und weniger Wartungsaufwand wird die Gesamtverfügbarkeit der Druckluft immer höher. Das bringt dem industriellen Anwender sicher mehr als der sprichwörtliche Dosenhalter!
W. Meier-Scheuven, Boge: Wie kommen Sie darauf, dass Autos im Prinzip durchentwickelt sind? Denken Sie doch bitte einmal an Projekte, die das Auto in der näheren oder weiteren Zukunft revolutionieren können: der Wasserstoffmotor, Brennstoffzellen, Sonnenenergie, Aufladetechnik, an automatische Verkehrslenkung etc. Dasselbe trifft auch für Kompressoren zu. Der schlechteste Versuch ist auch hier immer der, den man nicht macht! Es gibt laufend neue Ideen. Manchmal sind es kleine Entwicklungen, die ein Produkt verbessern ¿ wie beispielsweise unsere Ölabscheidung durch den liegenden Ölbehälter ¿ manchmal sind es größere Entwicklungen ¿ wie zum Beispiel Ölfreiheit ¿ oder aber die Fortschritte der letzten Jahre im Bereich der Energieoptimierung und der Steuerungen. Auch in Zukunft wird es Innovationen geben. Wenn uns die Ingenieure nicht ausgehen, werden wir auch in Zukunft innovative Drucklufttechnik entwickeln. Übrigens haben wir die Grundidee des Kompressors ¿mit Dosenhalter¿ bereits 1994 produktrelevant ¿übersetzt¿ und realisiert: Unsere Schraubenkompressoren gibt es auch mit Wandhalterung!

Matthias Meier

Links: http://www.boge.de, http://www.kaeser.de

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