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In sicherer Nähe

Das Cockpit folgt den neusten Erkenntnissen der Ergonomie, die Breitreifen kleben am Boden, ein mächtiger Stahlrahmen schützt den Fahrer und beim Anblick der knallroten Lackierung dürfte es manch eingefleischten ¿Ferraristi¿ fiebern. Kein Zweifel: Die Stapler von Linde gehören zur Formel 1 der Flurförderzeuge. So zählte denn auch die Enthüllung des neusten 2,5-Tonnen-Modells zu den Highlights der letzten Hannovermesse. Obenliegende Neigezylinder, verbrauchsarmer Hydrostatik-Direktantrieb, elektronische Hubmast-Steuerung und sportliches Design ¿ zu staunen gab es genug. Welch kurvenreicher Weg die Geburt eines neuen Gabelstaplers jedoch bisweilen ist, davon ahnte freilich keiner der Zuschauer etwas. Das wissen nur die verantwortlichen Entwickler und Konstrukteure.

Und die Fabrikplaner von Linde Material Handling. Unter ihrer Regie nämlich entstand im letzten Jahr die neue Werkshalle am Linde-Standort Weilbach: ¿Anlässlich der Entwicklung unserer neuen Stapler-Baureihe wurden die Fertigungsstrukturen modernisiert. Um der Montage im Stammwerk Aschaffenburg mehr Freiraum zu geben und gleichzeitig den Materialfluss zu verbessern, entschieden wir uns für den Ausbau von Werk 4¿. Neben der mechanischen Bearbeitung beheimatet die neue Halle die komplette Nass-Lackierstraße (mit schneller Infrarot-Trocknung!) für die Gegengewichte der Stapler. Hier erhält auch der gusseiserne Hinterleib des neuesten Modells sein markantes Rot.

Nun gelten lösemittelhaltige Lackfarben, Spachtelmassen, Grundierungen und Härter freilich als umweltschädliche Gefahrstoffe, die aus Gründen der Sicherheit üblicherweise fernab der Produktionsstätten gelagert werden. Da sie bei Linde aber unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Fertigungsprozesse sind, kam das nicht in Frage. Im Gegenteil, von Anfang an sahen die Planungen vor, den Aufbewahrungsort für die Farben so nah wie möglich an die Lackiererei heranzuführen. Schließlich wollte man ja Abläufe verbessern und Durchlaufzeiten verkürzen ¿ mit dem Ziel, die Montage im Stammwerk Aschaffenburg täglich mit bis zu 130 einbaufertigen Gegengewichten beliefern zu können.

Ganz nah dran

Die Fabrikplaner integrierten daher das Gefahrstofflager in den Materialfluss, in dem sie es in unmittelbarer Nähe der Lackieranlage an die neue Halle anbauen ließ. Dabei galt es, allerhand Sicherheitsauflagen zu beachten. Denn wer ein Gefahrstofflager baut, der steht vor einem Dschungel von Richtlinien und Verordnungen aus Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Baurecht. Bei Linde berührt das Aufstellen des Gefahrstofflagers beispielsweise die Verordnungen des Wasserhaushaltsgesetzes, die Technischen Regeln zum Umgang mit brennbaren Flüssigkeiten (Reihe 100) sowie die VDE-Richtlinie 0185 (Blitzschutz). Dazu kommen dann noch die entsprechenden Bau- und Brandschutz-Verordnungen. Die Erfahrung lehrt, dass es ratsam ist, die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Lagerbauer aus der Umwelttechnik zu suchen, der eine fachübergreifende Beratungskompetenz vorweisen kann und als Fachbetrieb nach dem Wasserhaushaltsgesetz (§ 19) zugelassen ist.

Nach Prüfung verschiedener Alternativen fiel die Entscheidung auf einen abschließbaren F90-Stahlcontainer aus dem Hause Denios. Dabei handelt es sich um ein Sicherheitslager für die Unterbringung brennbarer Stoffe aller Wassergefährdungs- (WGK 1 bis 3) und VbF-Klassen AI, AII und AIII (Verordnung zur Lagerung brennbarer Flüssigkeiten). Das als Komplettlösung ausgelegte System hat den Vorteil der bundesweit gültigen Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (BIBt), Berlin, was die behördliche Genehmigungsprozedur erheblich vereinfacht.

Fast zehn Meter lang und drei Meter breit ist der Container, der innerhalb des gesamten Neubau-Komplexes einen eigenen Brandabschnitt bildet. Er beinhaltet drei Schwerlastregale für bis zu zwölf Vorratstanks, die von außen eingestellt werden. Eine Längsseite lässt sich zu diesem Zweck mit drei doppelflügeligen Brandschutz-Toren fast vollständig öffnen. Deren großzügige Aufstellwinkel von 140 Grad ermöglichen es den Gabelstaplern, ohne Behinderung vor den Regalen zu rangieren. Alle Türen und Tore entsprechen den Anforderungen der Feuerwiderstandsklasse T90, haben eine Torfeststellanlage, schließen automatisch und verfügen über eine Anti-Panik-Funktion.

Gleiches Niveau

Der begehbare Sicherheitscontainer ist sowohl von der Halle aus als auch von außen zugänglich und lässt sich durch einen breiten Mittelgang durchqueren. Beim Eintreten fällt auf, dass er auf einem Niveau steht mit dem Hallenboden. Es ist keine Stufe oder Schwelle zu überwinden, da er in ein abgesenktes Fundament eingelassen ist. Diese bauliche Maßnahme erhöht nicht nur die Sicherheit, sie erleichtert auch das Materialhandling. Hubwagen oder Fasskarren lassen sich problemlos einfahren.

Im Inneren befinden sich neben den Schwerlastregalen und einem Regal für Kleingebinde auch jene Misch- und Dosierbehälter, aus denen die Lackiererei ihre frische Farbe bezieht. Anlagentechnisch eingebunden über mehrere Pumpen und allerlei Rohrleitungen verkörpert der Sicherheitscontainer sozusagen den ¿Futtertrog¿ der Lackierstraße. Damit wird deutlich: Dieses Gefahrstofflager ist weitaus mehr als nur Aufbewahrungsort für umweltschädliche Betriebsmittel; es ist integrierter Bestandteil der Produktionslogistik.

Das hat freilich seinen Preis. Denn wo brennbare Flüssigkeiten nicht nur gelagert, sondern auch umgefüllt werden, schreibt der Gesetzgeber die Ausführung des Sicherheitscontainers für Ex-Schutzzone 1 vor. Das wiederum bedingt eine technische Lüftung mit Ventilator in ex-geschützter Bauweise, die stündlich einen fünffachen Luftwechsel sicher stellt. Würde nur gelagert, käme man mit einem 0,4-fachen Luftwechsel aus.

Selbstverständlich verfügt das Gefahrstofflager über eine nach dem WHG zugelassene stählerne Auffangwanne. Außerdem ist es mit Branddetektoren und einem Potentialausgleich (Blitzschutz) ausgerüstet. Und eine ex-geschützte Innenbeleuchtung gehört ebenso zur Ausstattung wie der außen angebrachte Schaltschrank.

Wohltemperierte Lösung

Eine wichtige Voraussetzung für die produktionstechnische Einbindung war, dass die Lacke und Farben schon im Lager auf Betriebstemperatur gebracht werden. Deshalb rüstete Denios den Container mit einer explosionsgeschützten Elektroheizung aus, die die Raumluft konstant auf 20 Grad Celsius hält. Um Energie und Kosten zu sparen, wird die bereits erwärmte Abluft aus der Halle zugeführt.

Man mag sich die Frage stellen, warum das Gefahrstofflager nicht gleich als Sicherheitszelle in die neue Halle eingebaut wurde. ¿Das käme einer Lagerung und Bereitstellung direkt am Arbeitplatz gleich und ist bei größeren Mengen nicht ganz unproblematisch. Außerdem bietet der Stahlcontainer den Vorteil, dass er sich bei Bedarf mit geringem Aufwand umsetzen lässt¿, erläutert Denios-Vertriebsmann Thomas Laubenstein. Und die Fabrikplaner von Linde Material Handling ergänzen: ¿Da unsere Halle kein F90-Umfeld bietet, wollten wir ein schlüsselfertiges Komplettsystem, das einerseits möglichst wenig zusätzlichen Aufwand mit sich bringt und andererseits ein einfaches Beschicken von außen erlaubt. Da erschien uns diese Lösung als die beste.¿

Beton statt Stahl?

Zwar dachten man bei Linde anfangs auch an ein Betonlager, ¿doch wie schon gesagt ¿ wir strebten eine platzsparende Fertigkonstruktion an, die sich als komplette Einheit unter dem Vordach der Halle aufstellen lässt. Die Betonkonstruktion wäre in unserem Fall zu groß geworden, was auch zu Problemen bei der Einbringung mit dem Kran geführt hätte¿, so die Planer. Wäre aber Beton hinsichtlich des Brandschutzes nicht die sicherere Alternative? Thomas Laubenstein widerspricht: ¿Das gilt so nicht! Als vom DIBt zugelassenes Komplettsystem mit feuerbeständiger Verkleidung erfüllt der F90-Stahlcontainer die gleichen Anforderungen an den Brandschutz wie die Komponenten, die für ein Betonlager verwendet würden.¿

Zwar gilt Hersteller Denios im Bereich der Gefahrstofflagerung als Marktführer. Sein Leistungsspektrum ist umfassend und sein Produktkatalog enthält eine Fülle einsatzfertiger Modullösungen. Im Fall Linde allerdings realisierten die Ingenieure eine maßgeschneiderte Sonderausführung, da ¿die Variante eines Lagers mit Mittelgang und fest installierten Farbmischbehältern eher die Ausnahme¿ bildet, wie Thomas Laubenstein betont. Wie angedeutet wurde das Lager als ¿Turn-Key-Produkt¿, also als schlüsselfertige Komplettlösung, projektiert. Im Lieferumfang enthalten waren daher auch die Genehmigungszeichnungen, eine Technische Dokumentation sowie Transport, Aufstellung und Montage des Containers. Das Investitionsvolumen betrug etwa 50.000 Euro.

Die Aufgaben der Wartung und Instandhaltung deckt Linde mit eigenem Personal ab. Auch die Genehmigungsprozedur für das Gefahrstofflager führte man im Rahmen der übergeordneten Behördenverfahren für den Hallen-Neubau in Eigenregie durch. Eine Vorgehensweise, die in der Regel nur bei größeren Unternehmen funktioniert, die bereits über langjährige Behördenkontakte verfügen und die sowohl das nötige Knowhow als auch ausreichend Manpower mitbringen. Denn das alles bindet erheblich Kräfte. ¿Viele Kleinbetriebe oder Mittelständler hingegen können sich um diese zusätzlichen Arbeiten nicht kümmern und zeigen sich dankbar, wenn wir Ihnen den Aufwand abnehmen¿, weiß Thomas Laubenstein aus eigener Erfahrung.

Der Realisierung eines Gefahrstofflagers ist Vertrauenssache. Dieses Vertrauen gilt es schon im Vorfeld aufzubauen ¿ auch mit den Behörden. Konsultiert man diese zu spät, muss oft für viel Geld nachgebessert werden, weil wichtige Details des Gesetzgebers übersehen oder falsch ausgelegt wurden. Obgleich ein Allround-Anbieter wie Denios viel Beratungskompetenz mitbringt, empfiehlt auch Vertriebsmann Laubenstein, in einem frühen Stadium der Projektierung ein ¿Scoping¿ zu veranstalten: ¿Da sitzen dann alle Beteiligten am runden Tisch. Vertreter der Bau- und Umweltbehörden, des Betreibers, des Versicherers und des ausführenden Unternehmens. Missverständnisse werden ausgeräumt, Spielräume abgesteckt und Voraussetzungen geklärt. Eine solche grundsätzliche Besprechung ist eine gesunde Basis für das weitere Vorgehen und schafft Vertrauen auf allen Seiten. Mitunter erspart sie dem Betreiber später viel Ärger.¿

Michael Stöcker

Links: http://www.denios.de, http://www.linde-stapler.de

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