Unternehmen und Corona

Jens Gieseler,

Kleine spezialisierte Betriebe reagieren erfolgreich

Die Corona-Pandemie hat die deutschen Unternehmen in sehr unterschiedlicher Weise getroffen. Laut einer Hays-Studie agieren vor allem kleine, spezialisierte Unternehmen erfolgreich.

Hays hat in einer Studie untersucht, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Industrie hat. © Spinner

Die Corona-Pandemie hat die deutschen Unternehmen in sehr unterschiedlicher Weise getroffen. Während sechs Prozent ihre aktuelle wirtschaftliche Situation sogar als sehr positiv beurteilen, sprechen knapp zwei Fünftel von einer eher negativen Lage. Sieben Prozent stecken in einer massiven Krise, so das Ergebnis einer Befragung von 750 Entscheidern durch das Marktforschungsinstituts Rheingold zusammen mit der Hays AG. Vor allem Industrieunternehmen sind betroffen: Für 54 Prozent stellt sich ihre Lage negativ dar, während es in der Dienstleistungsbranche ledig 42 Prozent genauso sehen. Zum einen ist es für produzierende Unternehmen wesentlich schwieriger im Alltag die Abstandsregelungen einzuhalten. IT-Dienstleister dagegen konnten ihre Mitarbeiter oft problemlos ins Homeoffice schicken. Zum anderen steckte die Automobilbranche als Leitindustrie bereits vor Corona in einem starken Umbruch, der nun zu einer noch größeren Verunsicherung führt. Aufgrund der hohen Komplexität ihrer Lieferketten können sich die Maschinenbauer nicht so schnell anpassen. Stattdessen nutzen sie die gegenwärtig geringere Auslastung, um Prozesse und Qualität zu optimieren.

Aktionspläne gemeinsam entwickeln

Andrea Glaub, Geschäftsführerin Glaub Automation & Engineering: „Uns liegt an guten Arbeitsbedingungen und dass die Mitarbeiter an dieser Entwicklung beteiligt sind.“ © Glaub Automation & Engineering

So auch bei der Glaub Automation & Engineering GmbH in Salzgitter. Ab März haben alle 66 Mitarbeiter innerhalb von zwei Monaten teamweise im Workshop „Gefährdungsbeurteilung“ zusammen mit einem externen Coach Aktionspläne entwickelt. Es ging vor allem darum, wie sie ihren Arbeitsalltag künftig stressfreier gestalten können. So befindet sich das Büro des Qualitätsmanagers jetzt an einem zentraleren Ort, so dass alle Beteiligten direkter miteinander kommunizieren können. „Uns war wichtig, dass wir die machbaren Vorschläge schnell umsetzen“, erzählt Geschäftsführerin Andrea Glaub, die zusammen mit ihrer Schwester Claudia und ihrem Mann Niko den Familienbetrieb führt. Fortsetzungen des Workshops sind geplant: Einerseits soll geprüft werden, ob die umgesetzten Maßnahmen tatsächlich eine Verbesserung sind. Anderseits soll dieser Prozess weiterlaufen. „Uns liegt an guten Arbeitsbedingungen und dass die Mitarbeiter an dieser Entwicklung beteiligt sind“, so die Verantwortliche für Marketing, Vertrieb und Qualitätsmanagement.

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Der Automatisierungs-Spezialist hat ähnlich wie 47 Prozent der deutschen Unternehmen für seine Belegschaft Kurzarbeit beantragt. Einige Bereiche laufen noch gut, erzählt die 43-jährige Diplom-Betriebswirtin, etwa der Schaltschrankbau in der elektrischen Fertigung oder die IT-Entwicklung, auch wenn die Mitarbeiter noch nicht alle Betriebe besuchen dürfen. Doch in der Konstruktion und mechanischen Fertigung schlägt sich die allgemeine Krise nieder. „Es fehlen Aufträge und wenn wir Aufträge haben, fehlt hin und wieder Material“, stellt sie fest. So geht es einem Drittel des produzierenden Gewerbes macht die Hays-Studie klar: Lieferketten und Absatzmärkte sind für sie zusammengebrochen. Grundsätzlich sieht Andrea Glaub ihr Unternehmen allerdings durch die zunehmende Automation und Digitalisierung gut aufgestellt: „Bis Ende des Jahres wollen wir die schwarze Null schaffen.“

Mitarbeiter weiterqualifizieren

Im Unternehmen wird vorausgedacht und auf die eigenen Kompetenzen gesetzt. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Unternehmen in den kommenden Monaten Mitarbeiter entlassen“, vermutet sie. Das werde vor allem das gering qualifizierte Personal treffen. Deshalb hat ein Team in den vergangenen Monaten ein Qualifizierungskonzept erstellt: Die Weiterbildung in drei Modulen mit jeweils 121 Stunden steht. Zum einen soll sie Produktionshelfern dienen, die mit Robotik und Automatisierung bisher überhaupt nichts zu tun hatten. Diesen sollen dann die Grundbegriffe und ein erstes Praxistraining vermittelt werden. „Das werden wir mit ein oder zwei Bildungsträgern umsetzen“, freut sich die Geschäftsführerin. Zum anderen will sie künftig anderen Unternehmen Weiterbildungen für ihre Fachkräfte in puncto Robotik anbieten und ganz gezielt auf deren Bedürfnisse eingehen. „Wenn das funktioniert, entwickeln wir mit Weiterbildung gerade ein zusätzliches Geschäftsfeld“.

Neue Wege im Vertrieb

„Dieses Jahr werden wir ein sehr gutes Ergebnis erzielen“, prognostiziert Dominik Jauch, Geschäftsführer Spinner Automation. © Geschäftsführer Spinner Automation

„Dieses Jahr werden wir ein sehr gutes Ergebnis erzielen“, prognostiziert Dominik Jauch. Denn Spinner Automation arbeitet noch einen großen Auftragsvorlauf ab, unter anderem eine vollautomatische Maschine mit Losgröße eins. Auf Kurzarbeit für seine 60 Mitarbeiter musste der schwäbische Betrieb deshalb nicht zurückgreifen. Die gegenwärtige Auftragslage findet der 41-jährige Geschäftsführer und Ingenieur allerdings schwierig: „Ich mache mir zwar um das Unternehmen keine Sorgen, aber ob wir alle Mitarbeiter halten können, ist unklar.“ Dabei passe das kleine und flexibel reagierende Unternehmen gut in die Zeit, findet er. Weil die betriebswirtschaftlichen Zyklen kürzer werden, denken die Kunden nicht mehr in großen und langlebigen Maschinen. Das Investitionsrisiko ist ihnen zu hoch. „Digitalisierte und automatisierte Lösungen, die genau zu den Kundenbedürfnissen passen, das können wir“, sagt Jauch selbstbewusst.

Deshalb geht Spinner Automation im Vertrieb neue Wege, setzt sich mit potenziellen Kunden in einem Workshop zusammen: Einerseits verstehen sie das Problem der Kunden besser, andererseits kann der Automations-Spezialist auf Grund der Erfahrung von jährlich 50 Projekten Lösungswege vorschlagen, an die die Kunden nicht gedacht haben. Aus dem Gespräch mit Konstrukteuren, Programmierern und Monteuren entstehen weiterführende Resultate. Derartige Spezialisten wie Glaub oder Spinner werden laut Studie für die deutsche Industrie offensichtlich wieder interessanter. So fasst Hays-CEO Dirk Hahn zusammen: „Was die Krise viele Unternehmen gelehrt hat, sind die Erlangung von mehr Sicherheit und die Minimierung von Abhängigkeiten.“ So wollen fast zwei Drittel der befragten Führungskräfte die Fertigung von zentralen Produkten oder Dienstleistungen im eigenen Betrieb stärken. Weiter streben 62 % der Befragten wieder eine lokale Nähe zu wichtigen Lieferanten an, ob in Salzgitter, Markgröningen oder einer anderen Ecke Deutschlands.

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