Wirtschaft + Unternehmen

Energie ins Unternehmen bringen

SCOPE: Herr Baumgärtner, zunächst eine weniger fachbezogene Frage: Wenn sich ein Energie-Dienstleister Watt nennt, wird das kein Zufall sein. Woher kommt der Name?

Baumgärtner: Das sehen Sie natürlich richtig. Unsere Muttergesellschaft, die Schweizer Watt mit Sitz in Zürich, hat uns den Namen ¿Watt¿ sozusagen bei der Gründung 1998 in die Wiege gelegt. Der Zusatz ¿Deutschland¿ steht für den gebündelten Vertrieb der Watt-Gruppe in Deutschland mit einem klaren Fokus auf industrielle und gewerbliche Unternehmen des Mittelstandes.


SCOPE: Zum interessantesten Teil des Themas ¿ zum Geld. Mit der Deregulierung des Strommarktes im Jahr 1998 sind eine ganze Reihe von Dienstleistern auf den Markt gekommen, die Großverbrauchern mehr oder weniger hohe Einsparungen im Umfeld von Energielieferungen und -management versprechen. Wo liegen die Einsparpotenziale des produzierenden Mittelstandes oder großer Unternehmen?

Baumgärtner: Unsere Angebote bilden gegenüber den bisherigen Energieversorgern eine wirtschaftlich günstige Alternative, sonst hätten sich bis heute nicht über 3500 Unternehmen für uns als Stromlieferant entschieden. Doch lässt sich die Wahl des Stromlieferanten allein auf das Thema Geld reduzieren? Strom ist ein austauschbares Gut. Deshalb zählen auch andere Aspekte wie die Betreuung und weitere Leistungen neben der reinen Stromlieferung. Ausschlaggebend sind beispielsweise die Gesprächspartner ¿ sind es Energiefachleute, die echte Beratung leisten, oder reine Verkäufer? Solche Faktoren können gerade für mittelständische Unternehmen sehr interessant sein. Wir bieten beispielsweise ein für Kunden kostenloses Reporting an, das zu nachhaltigen Kosteneinsparungen beim Strombezug führen kann. Auch haben unsere Kunden im Rahmen des Watt Extranets die Möglichkeit, verschiedene Services online zu nutzen ¿ darunter in naher Zukunft auch die papierlose Abrechnung. Entscheidend ist, dass wir als mittelständischer Stromversorger auf einer Wellenlänge ¿ Auge in Auge ¿ mit unseren mittelständischen Unternehmenskunden liegen. Wir gehen mit ihnen so um, wie sie es mit ihren eigenen Kunden tun.

SCOPE: Sie nannten den Punkt Reporting. Welchen konkreten Nutzen hat ein Unternehmen, wenn es bestimmte Kennzahlen erhält? Welche Erkenntnisse ¿ und schließlich Einsparungen ¿ lassen sich daraus herleiten?

Baumgärtner: Mit Reporting lässt sich der Stromverbrauch eines Unternehmens analysieren und der Lastverlauf detailliert aufzeigen. Die Analysen basieren auf den gemessenen Leistungswerten, die uns der jeweilige Netzbetreiber zur Verfügung stellt. Lastspitzen im Stromverbrauch können bis auf eine Viertelstunde genau lokalisiert werden. Sind sie erkannt, kann der Unternehmer Maßnahmen einleiten, um die Spitzen zu reduzieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wozu eine solche Analyse führen kann: Bei einem unserer Kunden, einem Metallverarbeitungsbetrieb im Raum Siegen, werden die einzelnen Maschinen jetzt morgens nicht mehr auf einmal eingeschaltet sondern nacheinander, im Abstand von 15 Minuten. Niedrigere Leistungsspitzen senken die Kosten für die Netznutzung, wobei je nach Verbrauchsstruktur und Spannungsebene Einsparungen bis zu 10 Prozent möglich sind.

SCOPE: Ein wichtiges Schlagwort in Ihrer Branche ist das Contracting, ein wenig scharfer Begriff, hinter dem sich Angebote zwischen den Kategorien Marketinggag bis hin zu wirtschaftlich und technisch außerordentlich interessanten Modellen verbergen. Wie gehen Sie das Thema bei Unternehmen unterschiedlicher Größenordnung an?

Baumgärtner: Watt Deutschland bietet im Rahmen des Trafo-Contractings die Beratung für Planung, Bau und Finanzierung einer Transformatorenstation als Dienstleistung an. Dies ist besonders für Unternehmen interessant, die historisch bedingt auf der Niederspannungsebene versorgt werden, obwohl ihr Energieverbrauch sowohl bei der Arbeit als auch der Leistung stark gestiegen ist. Solchen Firmen spart der Bau einer eigenen Transformatorenstation mit Anschluss an das Mittelspannungsnetz erhebliche Kosten für die entfallenen Netznutzungsentgelte auf der Niederspannungsebene.

SCOPE: Können Sie ein Kostenbeispiel zum Contracting geben?

Baumgärtner: Die Kosten und der wirtschaftliche Vorteil hängen sehr von der individuellen Situation des Unternehmens ab. Nach unseren Erfahrungen amortisieren sich die Kosten für eine Anlage in der Regel nach vier bis fünf Jahren. Die Ersparnis beim Strompreis beträgt dann rund 15 bis 20 Prozent.

SCOPE: In Ihrem Portfolio steckt auch das Angebot der Lieferung von Öko-Strom. Ist das Ihrer bisherigen Erfahrung nach in der Industrie eine ernsthafte Alternative? Wie hoch sind die Mehrkosten im Vergleich zur Lieferung von konventionell erzeugtem Strom?

Baumgärtner: Nach unseren Erfahrungen wird regenerativ erzeugter Strom bisher eher verhalten von Unternehmen angenommen, was in Zeiten harten Wettbewerbs durchaus nachvollziehbar ist, da meist der Preis den Ausschlag gibt. Unser Öko-Mischprodukt Watt Naturenergie 33 besteht zu 33 Prozent aus zertifizierter Wasserkraft und ist ein ökologisch und dabei auch ökonomisch sinnvolles Angebot für Industriekunden. Die Mehrkosten gegenüber vollständig konventionell erzeugtem Strom sind abhängig von Verbrauch und Spannungsebene und betragen im Durchschnitt 2 bis 5 Prozent. Entscheidet sich ein Industriebetrieb für unser Ökoprodukt, dann vor allem aus der Überzeugung heraus, die Umwelt schützen und die Möglichkeiten der Vermarktung gezielt nutzen zu wollen. Denn das Argument, trotz Mehrkosten regenerativ erzeugten Strom zu beziehen, kann zur Differenzierung beim Vertrieb der eigenen Produkte gegenüber dem Wettbewerb eingesetzt werden.

SCOPE: Der Preis des elektrischen Stroms pro Kilowattstunde ist nur eine Größe in der Energie-Kostenkalkulation der Unternehmen. Vor allem Druckluft, aber auch Dampf sind weitere kostenträchtige Energieträger. Bieten Sie auch in diesem Umfeld Alternativen zum ¿selber machen¿ und betreiben?

Baumgärtner: Unsere Devise lautet, lieber eine Sache sehr professionell anzubieten als einen Gemischtwarenladen zu betreiben. Darum liefert Watt Deutschland Strom an Unternehmen ¿ und das hoch professionell.

SCOPE: Dienstleister sind erfahrungsgemäß gern bereit, Formalitäten und sogar Kosten beim Wechsel von anderen Versorgern zu übernehmen. Welche Aufwendungen muss ein Unternehmen berücksichtigen, wenn es zu Ihnen bzw. später von Ihnen zu einem anderen Dienstleister wechseln will.

Baumgärtner: Wir übernehmen alle Arbeiten und Formalitäten im Zusammenhang mit dem Wechsel, zum Beispiel die Kündigung bei bisherigen Stromlieferanten oder die Verhandlungen und den Abschluss zur Netznutzung. Das gehört zu unserm Service. Aufwendungen entstehen dem Kunden normalerweise keine, wenn für die Datenfernauslese in der Nähe des Zählers bereits eine analoge TAE-Telefondose installiert ist. Außer dieser eventuell notwendigen Installation und der monatlichen Grundgebühr fallen keine Kosten an ¿ auch dann nicht, wenn der Kunde später wieder einen anderen Stromlieferanten wählt.

Das Interview führte Meinolf Droege


Watt Deutschland

Die Tochtergesellschaft der Schweizer Watt-Gruppe hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Nach eigenen Angaben hat sie 1998 als eines der ersten Unternehmen in Deutschland die Lizenz zur Stromversorgung nach dem neuen Energiewirtschaftsgesetz erhalten. Das Unternehmen kooperiert mit Vertriebspartnern wie dem Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus VDMA, dem Verband der Automobilindustrie VDA und dem Landesverband für das Kraftfahrzeuggewerbe Nordrhein-Westfalen.

Für das laufende Geschäftsjahr, das am 30.09.02 endet, wird ein Umsatz von 52 Mio. Euro erwartet. 3.500 Unternehmenskunden werden mit Strom beliefert.

Links: http://www.watt.de

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