Wirtschaft + Unternehmen

Design oder was?

Design sei Chefsache und im übrigen ein Wettbewerbsfaktor, den gerade bundesdeutsche Unternehmen bisher viel zu wenig beachteten, wettern Bundesminister und einschlägige Design-Institutionen. Die schwarzgedressten blasierten Kreativen könnten mit ihren weltfremden Entwürfen keinem Unternehmen weiterhelfen ¿ zumindest keinem mittelständischen, halten die Unternehmer dagegen. Ihnen fehle schlichtweg das Geld für Spielereien, die sich doch nicht fertigen ließen. Daß sie damit einem langgepflegten Vorurteil aufsitzen, machte ein Besuch von SCOPE in einem Designbüro überdeutlich. Designer von heute bieten sehr viel mehr als kreative Handskizzen. Sie verstehen sich zu Recht als Gestalter, Berater und Produktionsbegleiter in einem.
Sten Nadolnys Wunsch an die Technik läßt keinen Zweifel aufkommen an dem, was er von Designern hält: ¿Liebe Hersteller von Bädern, Toiletten, Autos, Radios und vor allem: Telefonapparaten, schickt bitte 90 Prozent eurer Designer in die Wüste zum Sandkuchenbacken!¿ Vernichtender hätte das in der FAZ geäußerte Urteil des Entdeckers der Langsamkeit kaum ausfallen können. Doch Friedhelm Kreuzer kümmert das nicht im geringsten. Der Vollblutunternehmer mit der Power von mindestens sechs Yuppiemanagern steht zu seinem Entschluß, auf den Rat zweier Industriedesigner zu hören.

Ausnahmeerscheinung
Damit zählt er in der bundesdeutschen Unternehmenslandschaft eher zu den Ausnahmen. Insbesondere unter den sogenannten KMUs. Dort gilt es nach wie vor als exotisch, bei der Produktentwicklung einen Formgestalter zu Rate zu ziehen, ihn dem Konstrukteur zur Seite zu stellen und ihn somit von Anfang an in den Prozeß einzubeziehen.

¿Design war mir schon immer wichtig. Das Buch ¿Häßlichkeit verkauft sich schlecht¿ von Raymond Loewy habe ich mir noch in den Fünfzigern gekauft und mit Interesse gelesen. Aber¿, gibt der agile ältere Herr schmunzelnd zu, ¿daß meine Produkte Design brauchen, hatte ich trotzdem lange Zeit nicht geglaubt.¿ Seine Produkte, das sind beispielsweise Gerätewagen fürs Krankenhaus, die (weil aus robustem Blech) Generationen von Operateuren überdauern, ohne daß die Schubladen klemmen oder die Rollen blockieren. Außerdem Deckenstative für OP und Intensivstationen. Ausgestattet mit Elektro-, Gase- oder Vakuumanschlüssen, finden auf den stabilen Plattformen Monitore und Geräte Platz, die den Zustand des Patienten minutiös überwachen und ihn mit allen lebenswichtigen Medien und Impulsen versorgen.

¿Ich dachte, bis auf die Leute im OP sieht die doch fast niemand. Und dem Patienten ist es egal, wie es um ihn herum aussieht.¿ Nicht so den Besuchern, das wurde ihm bei einem Krankenhausaufenthalt klar. Die nicht gerade nervenstarken Angehörigen erschrecken mehr als nötig ob der über den Frischoperierten hängenden, vielarmigen Kraken, auf denen es piepst, flimmert und surrt und von denen Drähte und Schläuche zum Patienten führen.

Spätestens als Seehofers Sparkonzept den Krankenhäusern und Ärzten das Rechnen beibrachte, änderte sich auch das Einkaufsverhalten der weißen Zunft. ¿Heute muß viel intensiver verkauft werden als früher¿, bestätigt Kreuzer. Ein weiterer Grund für ihn, sich um ein neues, gutes Verkaufsargument zu kümmern: das Design.

Beim ersten Auftrag, den er den Industriedesignern Ansgar Brossardt und Arno Körner erteilte, hielt er sich noch zurück: Die überaus fuktionellen, aber optisch wenig ansprechenden Deckenstative sollten ein etwas gefälligeres Outfit erhalten: Neue Verkleidungen an den Schwenkarmen, weichere Kanten, das war¿s. Nichts Aufregendes für die Designer. Ein kleiner Auftrag eher ¿ gleichwohl mit durchschlagender Wirkung. Als schließlich die ¿gelifteten¿ Stative auf einer Messe präsentiert wurden, blieben selbst die Kunden der Wettbewerber erstaunt stehen. ¿Im ersten Moment wußten die nicht, auf welchem Stand sie waren¿, amüsiert sich der Initiator der Irritation. ¿Und nach ihren geplanten Messebesuchen kamen sie wieder zu uns zurück und ließen sich die Deckenstative genauer vorführen, weil sie ihnen sehr viel besser gefielen als das, was sie sonst noch gesehen hatten.¿

Ein richtiges Projekt
In die Vollen ging¿s für die beiden Inhaber von ID Design und einige ihrer 16 Mitarbeiter mit dem nächsten Auftrag. Der Gerätewagen sollte gesellschaftsfähig werden, sollte in Arztpraxen und in Präsentationsräumen der Industrie Einzug halten. Kein Fall für leichte Kosmetik an der unverwüstlichen Stahlblechkonstruktion. Deren Form und Farbe lassen kaum einen Zweifel zu, daß sie der Funktion und nichts anderem erste Priorität einräumt. Selbst die Herstellkosten und damit der Verkaufspreis müssen sich dem Diktat unterordnen. Aber bei der neuen Variante sollte das alles ganz anders werden.

Eine klassische Aufgabe für Formgestalter, wie sie schon vor mehr als 50 Jahren besagter Loewy in Angriff nahm. Was will der Auftraggeber, was erwartet er von dem neuen Produkt? Welche Zielgruppe will er ansprechen? Was braucht sie und was gefällt ihr? Was bietet der Wettbewerb, zu welchen Preisen? Wo lassen sich Herstellkosten sparen? Welche Fertigungsmöglichkeiten sind beim Auftraggeber vorhanden, wo muß investiert, wo besser zugekauft werden? Es gehört zu den Aufgaben der Industriedesigner, daß sie solche Fragen nicht bloß stellen, sondern beim Beantworten tatkräftig mitwirken. Mit Kreativität allein läßt sich das kaum bewerkstelligen. Da sind viel mehr handfeste Qualitäten gefragt; etwa Kommunikationsfähigkeit und Fertigungs-Know-how.

¿Wie sonst könnten wir dem Auftraggeber empfehlen, daß er mit einem anderen Werkstoff, einem kostengünstigeren Herstellverfahren besser fährt als bisher¿, fragt Ansgar Brossardt zu Recht. ¿Wer nicht weiß, wovon er redet, kann auf keinen Fall seriös beraten¿, bringt es sein Kompagnon auf den Punkt. Und die Beratung gehört zu einem nicht unerheblichen Teil zum täglichen Geschäft.

Den beiden kommt da sicher ihr Werdegang entgegen: Der eine absolvierte Fertigungstechnik als Aufbaustudium nach der Designausbildung, der andere studierte vorher Maschinenbau. Ihre jüngeren Mitarbeiter dagegen ¿ durchweg studierte Designer ¿ mußten sich zuvor ihr Verständnis für Werkstoffe und Fertigungstechniken über andere Schienen aneignen: während des Studiums über Praktika in der Fertigung von Unternehmen und in Designbüros, die sie mit der harten Wirklichkeit konfrontieren.

Denn der Designer, der mal schnell eine Form entwirft und ansonsten in anderen Gefilden schwebt, ist nach Brossardts Ansicht pures Klischee. Wer ¿ auf lange Sicht betrachtet ¿ Erfolg haben will, muß mehr leisten. Schon die ersten Gestaltungsideen kommen nicht von Ungefähr. Sie basieren unter anderem auf Informationsgesprächen mit dem Kunden und auf Marktanalysen.

Stehen die Entwürfe (und hat der Auftraggeber einen davon abgesegnet), fängt die Arbeit richtig an. Modellbauzeichnungen und ein Volumenmodell werden angefertigt. Dabei geht es ins Detail. Teil für Teil steht auf dem Prüfstand: Wird es gebraucht, oder kommt die Konstruktion besser ohne es zurecht? Wie läßt sich die Funktion der Einzelteile und des Ganzen optimieren, ohne daß die Form darunter leidet? Wie wird produziert, wie montiert? Und nicht zu vergessen: Was passiert nach Ende eines Produktlebens?

Werkstoff-, montage- und umweltgerechtes Entwerfen beziehungsweise Konstruieren sind für die Industriedesigner aus dem Münchner Vorort Krailling keine Fremdworte. Es gehört zu ihrem Arbeitsalltag, solche Forderungen zu berücksichtigen. Bis aus der Idee ein Produkt erwächst, haben sie im Unternehmen des Kunden in den unterschiedlichsten Phasen mitgewirkt ¿ von der Entwicklung bis zur Produktion. In der Ausstattung des Designbüros spiegelt sich das deutlich wieder.

Neben den mit Ideenskizzen, Schablonen, Zeichenstiften und Markern bedeckten Arbeitstischen stehen die obligatorischen Macs (mit ordentlich Power), Windows-PC und leistungsfähige Workstations, auf denen CAD-erfahrene Mitarbeiter die Modellbauzeichnungen aus 3D-Modellen generieren. Im Erdgeschoß des mehrstöckigen Bürohauses befindet sich die Modellbauwerkstatt. Körner: ¿Wenn entschieden ist, wie das Produkt aussehen soll, können wir bei uns die Fertigungszeichnungen und einen Prototypen beziehungsweise ein Produktionsmuster erstellen ¿ sofern der Kunde es wünscht.¿

Und sie können noch mehr. Beispielsweise gestalten sie Kataloge, Broschüren, Kundenzeitschriften oder Geschäftspapiere, entwickeln Produktpräsentationen, Messeauftritte und Verpackungen: Vom Industriedesign über Grafikdesign und das sogenannte Packaging (die Gestaltung von Verpackungen) bieten sie sich als Dienstleister an. Darüber hinaus agieren sie als Unternehmensberater in Sachen Designmanagement und Corporate Identity (CI).

Ein Kunde der Münchner überließ es ihnen, ein Produkt und dessen Marktauftritt komplett zu entwickeln und zu managen. Daß er aus dem Ausland kam, wundert die Agenturinhaber kaum. Lediglich 30 bis 40 Prozent ihrer Kunden produzieren in der Bundesrepublik. Dort fehle es womöglich an Innovationsfreude und vor allem am Wissen, wie man Innovationen erfolgreich umsetzt, vermuten die Beiden.

Design ist Chefsache
In Ländern wie Italien, Japan oder der Türkei dagegen scheinen die Unternehmen den Stellenwert von Design erkannt und es vor allem zur Chefsache erklärt zu haben. Denn nicht allein die Funktionalität entscheidet über Wohl und Wehe eines Produkts und damit über die Zukunft eines Unternehmens. Der Form und dem Marktauftritt kommt mindestens die gleiche Bedeutung zu.

Beim Marktauftritt seiner neuen, elegant und leicht wirkenden Gerätewagen hält sich Friedhelm Kreuzer bisher noch an die unternehmensübliche Form seiner Prospekte. Doch schon beim nächsten Projekt könnte sich das ändern. Und überhaupt steht für ihn fest, daß die deutschen Unternehmen inzwischen umdenken. ¿Design und sein Stellenwert ist bei unseren Unternehmertreffen regelmäßig Thema.¿

Sie erhalten Nachhilfe von höchsten staatlichen Stellen. Und zwar in Form der 1995 von Vertretern diverser Unternehmerverbände zusammen mit dem Bundeswirtschaftsministerium, den Wirtschaftsministerien der Länder und Design-Instituten ins Leben gerufenen ¿Design-Initiative der deutschen Wirtschaft¿. Sie hat zum Ziel, das Designbewußtsein der Unternehmen zu schärfen, die Öffentlichkeit über Design zu informieren und politische Entscheidungsträger für Design als Standortfaktor zu sensibilisieren. Im August letzten Jahres startete sie offiziell; mit zurückhaltendem Erfolg. Denn bisher blieb der Ansturm auf die Designzentren der Bundesländer sowie die Industrie- und Handelskammern aus ¿ beide vermitteln Adressen von Designbüros und informieren in Vorträgen und Workshops über Design als Wettbewerbsfaktor. Der Durchbruch ist noch längst nicht geschafft. Aber daß er kommt, scheint gewiß.

Claudia Treffert / August 1998

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