Anton S. Huber

"Maximum an Effizienz"

Mit der Neustrukturierung von Siemens wird der Sektor Industry in die beiden Divisionen "Digital Factory" und "Process Industries and Drives" aufgeteilt. Wir sprachen mit Anton S. Huber, der ab 1. Oktober 2014 die Division "Digital Factory" leiten wird, über strategische Ziele und Herausforderungen.

Herr Huber, ab Oktober werden die Aktivitäten für die Fertigungsindustrie und die für die Prozessindustrie in zwei Divisionen gebündelt. Was hat Siemens dazu bewogen?

Anton S. Huber leitet ab 1. Oktober 2014 die Division "Digital Factory".

Anton S. Huber: Der wichtigste Grund ist, dass wir in der neuen Aufstellung noch besser auf unsere Kunden eingehen können. Die Produkt- und Produktions-Lebenszyklen sowie automatisierungstechnischen Anforderungen unserer Kunden aus der Fertigungsindustrie unterscheiden sich von denen in der Prozessindustrie. Die Fertigungsindustrie zeichnet sich durch hohe Stückzahlen weitgehend individualisierbarer Produkte aus, die so schnell und effizient wie möglich produziert werden müssen. In der Prozessindustrie geht es dagegen oft um die Beherrschung komplexer Prozessketten zur Herstellung von flüssigen, gasförmigen oder festen Stoffen in investitionsintensiven Produktionsanlagen, die über einen möglichst langen Zeitraum genutzt werden sollen. Mit der Neustrukturierung stellen wir uns noch besser für die Kunden in den unterschiedlichen Industrien auf.

Können Sie uns ein Beispiel geben, das die Unterschiede der Industrien besonders deutlich macht?

Huber: Gerne. In der Fertigungsindustrie hat die Software zur Entwicklung von Produkten und zur Planung der Produktion eine entscheidende Rolle übernommen. Neue Produkte - von der Spiegelreflexkamera über Kreuzfahrtschiffe bis zur Mars-Sonde "Curiosity" - entstehen heute zuerst als digitales Modell, in dem alle Disziplinen wie etwa Mechanik, Elektrik, Elektronik und Software enthalten sind. So kann das Produkt simuliert und optimiert werden, noch ohne dass ein physischer Prototyp gebaut werden muss. Auch für die Planung und das Engineering der Automatisierung wird heute umfangreiche Software - etwa das TIA Portal - eingesetzt, idealerweise schon parallel zur Produktentwicklung. Der Vorteil ist eine deutlich kürzere Zeit bis zur Markteinführung neuer Produkte. Die Voraussetzung ist eine vollständige und durchgängige Unterstützung mit Softwaretools entlang der Wertschöpfungskette. Nur so können Änderungen am Produkt schnell durch Simulation verifiziert und danach direkt an die Produktion weitergegeben werden und umgekehrt Erfahrungen aus der laufenden Produktion auf die Produktentwicklung Einfluss nehmen.

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Auch in der Prozessindustrie wird Software zu Planung und Betrieb von Werken eingesetzt, etwa unser Produkt Comos. Im Gegensatz zur Fertigungsindustrie müssen hier keine Roboter oder Werkzeugmaschinen gesteuert werden, sondern Rohrleitungen mit Ventilen oder Mischern kontinuierlich, etwa zur Einhaltung thermischer Prozesse, exakt gesteuert werden. Das Produktspektrum für die beiden Industrien ist entsprechend den Anforderungen also sehr unterschiedlich.

Software und Digitalisierung stehen also im Vordergrund der modernen Fertigungsindustrie?

Huber: Ja, die Digitale Fabrik ist keine Utopie mehr, sie wird schrittweise immer weiter verfeinert. Virtuelle Welten verschmelzen immer mehr mit der realen Fertigung und eröffnen unseren Kunden Wettbewerbsvorteile. Uns geht es mit der Division "Digital Factory" darum, unseren Kunden in der Fertigungsindustrie die richtigen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie noch erfolgreicher sein können. Mit dem Angebot von "Digital Factory" können wir helfen, die Effizienz der Produktion in den Unternehmen unserer Kunden zu steigern, und ihnen dadurch ermöglichen, ihre Produkte noch schneller auf den Markt zu bringen und dabei ihre Produktivität und Flexibilität zu erhöhen.

Was muss man beachten, wenn man aus einer bestehenden Fabrik eine Digitale Fabrik machen möchte?

Huber: Da gibt es natürlich mehrere Faktoren, die sich auch von Industrie zu Industrie unterscheiden. Mir ist ganz wichtig, dass wir die installierte Basis nicht vergessen und alles unternehmen, um unseren Kunden ihren individuellen Weg in die Zukunft ihrer Industrie aufzeigen zu können. Das erfordert Investitionen auf unserer Seite zur Weiterentwicklung der Produkte und Aufwände auf der Seite der Kunden, indem sie mit uns zusammen an einer passenden Lösung arbeiten. Eine "One fits all"-Lösung wird es nicht geben. Die Vorteile, etwa des digitalen Anlagen-Engineerings, machen sich aber mittelfristig nachhaltig bemerkbar. Damit können neue oder veränderte Produktionsprozesse einfacher und schneller simuliert und umgesetzt werden. Außerdem lassen sich wiederkehrende Prozessschritte standardisieren, digital hinterlegen und schnell und einfach in neue Abläufe integrieren. Ein weiteres Beispiel ist die virtuelle Inbetriebnahme in Verbindung mit einer durchgängigen Automatisierung wie "Totally Integrated Automation (TIA)", die die Übernahme der digitalen Daten nach der Simulation und Optimierung in die reale Fertigung erlaubt. Damit lassen sich deutlich schnellere Fertigungswechsel bei gleichzeitig höherer Qualität als heute erreichen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, in die Digitale Fabrik zu investieren?

Huber: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Wer heute auf das Angebot von morgen wartet, um dann erst einzusteigen, der hat heute schon verloren. Es geht schließlich nicht nur um ein neues Grafikprogramm hier oder eine RFID-Lösung dort, sondern um die Integration aller Schritte entlang der Wertschöpfungskette. Die Anpassung von Produkten, Prozessschritten und mitunter auch Organisationsabläufen braucht seine Zeit. Mit unseren Produkten und Lösungen sowie jahrelanger Erfahrung stehen wir an der Seite unserer Kunden.

Die Zukunft der Industrie wird mitunter auch als Industrie 4.0 bezeichnet. Was muss man sich darunter vorstellen?

Huber: Im Kern der Vision Industrie 4.0 steht mit dem "Internet der Dinge" eine allgegenwärtige Vernetzung von Personen, Dingen und Maschinen. Diese Vernetzung soll eine Vielzahl neuer Dienste und Angebote hervorbringen. Auf einem virtuellen Marktplatz sollen Produkte, Transportmittel oder Werkzeuge untereinander aushandeln, welche Produktionselemente den nächsten Produktionsschritt am besten übernehmen könnten. So würde sich die virtuelle Welt mit den Objekten der realen Welt nahtlos verknüpfen. Wo die großen zusätzlichen Vorteile durch diese Vision im jeweiligen Fall liegen und welche Konsequenzen daraus folgen, bleibt noch zu definieren. Es gibt heute bereits enorm optimierte Fertigungsprozesse, die ausschließlich in einer festgelegten Sequenz abgearbeitet werden. Diese Technologien werden sich auch in Zukunft weiter verbessern und die Einführung des Neuen verlangsamen. Mein Ziel ist, dass wir unsere Kunden wettbewerbsfähiger machen und sie nach Kräften unterstützen, sich weiterzuentwickeln. Die durchgängige Digitalisierung der Wertschöpfungskette ist Voraussetzung für die Zukunft der Industrie.

Wie ist Siemens für diese Zukunft der Industrie aufgestellt?

Huber: Siemens baut seit Jahren seine Aktivitäten rund um die vertikale IT und Industriesoftware aus und hat längst die Basis für den Weg zur Zukunft der Industrie geschaffen. Mit TIA, Integrated Drive Systems (IDS), PLM-Software und Data-Driven Services sind wir Vorreiter bei durchgängigen und integrierten Produktentwicklungs- und Produktionstechnologien. So können wir den gesamten Wertschöpfungsprozess unserer Kunden ¿ von der Idee für ein neues Produkt über die Produktion bis hin zum Service ¿ optimieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch ein effizientes Engineering, denn mit steigender Komplexität der Automatisierung steigen nicht nur die Anforderungen an die Hardware, sondern auch die Umfänge der Steuerungssoftware und damit die Engineeringkosten. Mit dem TIA Portal begegnen wir diesen Herausforderungen.

Gibt es schon konkrete Beispiele für die Digitale Fabrik?

Huber: Ja, Beispiele für Fabriken, in denen die Fertigungsprozesse durchgehend digital unterstützt sind, gibt es bereits, allerdings handelt es sich hier derzeit hauptsächlich noch um Prozesse mit geringer Komplexität. Wenn zusätzlich zum ¿Shopfloor¿ auch noch die Entwicklungs- und kaufmännischen Abteilungen digital integriert sind, also die Wertschöpfungskette durchgehend digitalisiert ist, dann reden wir vom ¿Digital Enterprise¿. Auch hier gibt es Fortschritte, die wir in unseren Elektronikwerken in Amberg und Chengdu bereits praktizieren. In Amberg werden rund 1.000 verschiedene Produkte hergestellt. Um diese flexibel und effizient produzieren zu können, werden modernste Softwaretools eingesetzt, wie die PLM-Programme NX und Teamcenter im Produktentstehungsprozess und eine Vielzahl von Simatic Controllern und die MES-Software Simatic IT in der Produktionsdurchführung. Unsere Produkte spielen nahtlos zusammen und sind über Schnittstellen mit den ERP-Systemen verbunden. Über die letzten 20  Jahre haben wir hier bei nahezu gleichbleibender Mitarbeiterzahl die Qualität bei einer Million Prozessschritte von 550 fehlerhaften auf 12 senken und das Produktionsvolumen gleichzeitig vervielfachen können.

In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial für eine Digitale Fabrik?

Huber: Ein Vorreiter der Entwicklung ist sicher die Automobilbranche, denn mit Blick auf den steigenden Kostendruck müssen international agierende Hersteller das Maximum an Effizienz aus ihren Prozessen herausholen ¿ nicht nur in der Fertigung, sondern auch in der Entwicklung. Der verschärfte Wettbewerb auf dem Automobilmarkt zwingt die Hersteller, immer schneller neue Modelle und eine Vielzahl an Ausstattungsvarianten auf den Markt zu bringen. Um die individuellen Kundenwünsche optimal zu erfüllen, muss außerdem die richtige Komponente einbaubereit zur richtigen Zeit am richtigen Ort für die passende Karosse sein - eine logistische Herausforderung.

Wir bieten der Industrie ein weitgehend nach offenen Standards ausgerichtetes, einfach zu engineerendes und durchgängiges Hard- und Software-Portfolio, das die Effizienz von Fertigungsprozessen erheblich erhöht und die Kosten über den gesamten Produkt- und Produktionslebenszyklus reduzieren kann. Unser Produktangebot stellt eine umfassende Antwort für unsere Kunden dar, die sich im Wettbewerb um Kosten und Märkte befinden. Mit unseren Produkten schaffen wir schon jetzt ein hohes Maß an Verschmelzung der virtuellen und realen Welten in der Fertigung.

Wie sieht es bei IT-Produkten in der Digitalen Fabrik mit der Sicherheit aus?

Huber: Industrial Security ist ein wichtiges Thema. Die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung der Fertigung erfordert erweiterte Sicherheitskonzepte. Wir bieten Beratung und Entwicklung solcher Konzepte an, integrieren aber standardmäßig auch Security-Funktionen in unsere Produkte. Die entsprechenden Funktionen unserer neuen Controller-Generation S7-1200 und S7-1500 lassen sich in Verbindung mit dem TIA Portal effizient nutzen. Zur weiteren Erhöhung der Sicherheit arbeiten wir mit dem strategischen Partner McAfee zusammen, um beispielsweise Firewalls der nächsten Generation, Sicherheitstechnologien für Endgeräte und eine globale Gefahrenerkennung als langfristiges Ziel in der Industrie zu etablieren. Sicherheit kann man nicht wie ein Produkt kaufen ¿ man muss die Security-Konzepte und -Funktionen konsequent umsetzen.

Wirkt sich die integrierte Fertigung auch auf andere Angebote von Siemens aus, zum Beispiel auf den Servicebereich?

Huber: Ja natürlich. Und folgerichtig haben wir unser Service-Angebot in den letzten Jahren stark ausgebaut. So sind wir mit "Data-Driven Services" bestens gerüstet für die vernetzte Fabrik, in der innovative Software die Hauptrolle spielt. Wenn Prozess- und Produktionsdaten kontinuierlich in Echtzeit erfasst und analysiert werden, kann die Verfügbarkeit und Performance der Anlagen erhöht und die Qualität der Produkte gesteigert werden. Außerdem lässt sich die Energieeffizienz deutlich verbessern.

Herr Huber, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Anton S. Huber, geboren 1951 in Mühldorf am Inn, begann 1979 seine berufliche Laufbahn bei der Siemens AG. Nach Stationen im Bereich Bauelemente und Automobiltechnik in Deutschland und den USA sowie Leitungsaufgaben im Bereich Automatisierungstechnik leitete er ab 2008 die Division Industry Automation. Ab 1. Oktober wird Anton S. Huber die Leitung der neu geschaffenen Division "Digital Factory" übernehmen. kf

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