Wirtschaft + Unternehmen

"Nicht per Fingerschnippen"

Zeitenwende in der deutschen Zulieferindustrie. Das vergangene Jahrzehnt hat Spuren hinterlassen. Auch in der Traditionsbranche der Gießer. Der mittelständisch geprägte Industriezweig ist geschrumpft, ein struktureller Wandel hat sich vollzogen, neue Technologien halten Einzug. Innovative Firmen sehen ihre Chancen und präsentieren sich den Kunden als Partner für Konstruktion und Produktentwicklung. Ein solches Unternehmen, noch dazu Grau- und Sphärogießer, haben wir uns angeschaut: ClaasGuss mit Stammsitz in Bielefeld. Lesen Sie unser Interview mit Geschäftsführer Winfried Hespers.

SCOPE: Wo steht die deutsche Gießerei-Industrie heute?

Hespers: Wo stehen unsere Kunden heute? Als vorausschauendes Unternehmen muss man erkennen, wohin sich die Abnehmerbranchen bewegen, um seinen eigenen Standort zu definieren. Die Automobilbauer haben es uns, ausgelöst durch die berühmte MIT-Studie von 1988, vorgemacht: Produkte werden heute in Rekordzeiten entwickelt, hohe Qualität in kürzester Zeit produziert. Wir erwarten, dass der allgemeine Maschinenbau den gleichen Weg gehen wird. Zukünftig macht im Maschinenbau nicht mehr nur der Bessere das Rennen, sondern vor allem der Schnellere. Und genau da setzen wir an. Top-Qualität ist für einen deutschen Gießer selbstverständlich, unsere Kunden aber brauchen heute Entwicklungspartner mit ¿time-to-market¿-Bewusstsein.

SCOPE: Da werden aber viele Zulieferer nicht mithalten können.

Hespers: Möglich, vor allem aber verschwindet die alte Hackordnung Lieferant hier ¿ Kunde dort. Zulieferer und Kunde wachsen zusammen, arbeiten gemeinsam in Netzwerken, entwickeln partnerschaftlich in Projektteams. Das ist die Zukunft.

SCOPE: Wie rüstet sich Ihr Unternehmen für diese neue Rolle?

Hespers: Seit etwa fünf Jahren orientieren wir unsere Investitionen in Mensch und Maschine am Konzept der Entwicklungspartnerschaft. Dazu haben wir junge Leute an Bord genommen: Nicht nur Gießerei-Ingenieure, auch Maschinenbauer und Werkstoff-Experten, was eigentlich untypisch ist für eine Gießerei. Den Nachwuchs haben wir teamfähig gemacht und ihm Zeit gegeben, sich mit der gesamten Prozesskette der Produktentstehung und neuen Konstruktions- und Entwicklungs-Werkzeugen vertraut zu machen. Oft in laufenden Projekten mit renommierten Kunden! Das waren Investitionen in die Zukunft des Unternehmens. CAD-Workstations lohnen schließlich nur dann, wenn praxiserfahrene Leute davor sitzen. So haben wir Kompetenz in den Bereichen 3D-CAD, Simulationstechnik und Rapid Prototyping aufgebaut. Das ist heute unser Kapital, unser Vorsprung im Wettbewerb!

SCOPE: Gehen Sie diesen Weg aus eigenem Antrieb oder zwingen Sie die Know-How-Defizite Ihrer Kunden dazu?

Hespers: Beides. Alle Welt redet von CAD. Und einige unserer Kunden sind in technologischer Hinsicht tatsächlich weit vorangeschritten, wie etwa die Automobilisten. Viele Maschinenbauer hingegen denken bei CAD immer noch zweidimensional. Bereitstellung und Übernahme von 3D-CAD-Daten sind in der Praxis längst noch nicht selbstverständlich. Wir erhalten relativ wenige Konstruktionen in einwandfreien 3D-CAD-Daten. Vielfach müssen wir zunächst aus den Zeichnungen des Kunden einen tauglichen 3D-Datensatz erstellen ¿ was wir heute allerdings problemlos leisten können.

SCOPE: Andere deutsche Gießereien auch?

Hespers: Fünf Prozent vielleicht. Gießereien, die in Zukunft vorne mitspielen wollen, werden um leistungsstarke Entwicklungswerkzeuge und kundenorientierte Entwicklungspartnerschaften nicht herum kommen. Vielen Gießereien macht das Sorgen. Denn neue Technik, neue Ingenieure und deren Einarbeitung kosten Geld. Das müssen Sie erst mal erwirtschaften! Ertragslage und Eigenkapitaldecke vieler Betriebe aber sind unbefriedigend. Oft fehlen die finanziellen Mittel.

SCOPE: Machen sich denn Ihre Investitionen in Entwicklungswerkzeuge schon bezahlt?

Hespers: Ja, nicht zuletzt dank unserer 3D-CAD-Datenkette und unter Einsatz unserer CNC-Fräsen sind wir jetzt beispielsweise in der Lage, hochpräzise Modelle zu fertigen. Dadurch können wir sowohl den Ausschuss als auch den Aufwand für die mechanische Nachbearbeitung der Gussteile erheblich senken. Daraus resultiert ein klarer Produktivitätsgewinn! Vor allem aber sind wir für unsere Kunden heute viel attraktiver als zuvor. 80 Prozent der im letzten Jahr akquirierten Neukunden haben wir im Rahmen von Entwicklungspartnerschaften gewonnen. Viele Potentielle überzeugten wir erst durch unsere Leistungen in der Produktentwicklung.

SCOPE: Erfordert diese partnerschaftliche Zusammenarbeit nicht ein Umdenken aller Beteiligten?

Hespers: Ja! Das Wissen der Menschheit wächst rapide, für alle Fachgebiete gibt es immer mehr Spezialisten. Für die Produktentwicklung kommt es darauf an, die technischen und kaufmännischen Spezialisten zu einem Team zusammen zu führen. Für uns als Zulieferer heißt das: Wir dürfen uns nicht mehr damit begnügen, unsere ureigene Gießereitechnik zu beherrschen, sondern müssen gleichzeitig sowohl die Sprache der Maschinenbauer sprechen als auch die der Werkstofftechniker oder Einkäufer.

SCOPE: Das klingt nicht unbedingt neu.

Hespers: Die entscheidende Komponente dabei ist der Mensch selbst. In einer Entwicklungspartnerschaft darf es kein Elitewissen, keine Eitelkeiten, keine Einmischungen geben. Alle müssen ihre Fähigkeiten und ihr Detailwissen diszipliniert und vertrauensvoll einbringen. Das erfordert eine neues Bewußtsein und eine neue unternehmerische Kultur. Sowas funktioniert natürlich nicht per Fingerschnippen, sondern ist ein Prozess.

SCOPE: Wie harmoniert die Idee der Entwicklungspartnerschaft mit den Konzepten des Simultaneous Engineering?

Hespers: Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Simultanes Entwickeln ist nicht möglich, wenn zwischen den Beteiligten Mauern stehen. Ohne gegenseitiges Vertrauen und offenen Austausch bleiben die zeitlichen und wirtschaftlichen Vorteile des Simultaneous Engineering auf der Strecke. Erst aus dem simultanen Arbeiten heraus entstehen die für unsere Kunden entscheidenden Wettbewerbsvorteile.

SCOPE: Wie ¿simultan¿ ist denn das Simultaneous Engineering heute?

Hespers: In Reinkultur betreiben wir das alle noch nicht. Es gibt noch zu wenig koordiniertes Vorgehen und zu viel Misstrauen. Oft wird innerhalb der Unternehmen x-mal gegengeprüft und dann zu lange hin und her genehmigt. Und auch der zum simultanen Arbeiten erforderliche technische Datenaustausch ist für Kunde und Zulieferer vielfach Neuland. Da holpert es noch. Aber vor allem die Generation der jungen Konstrukteure ist auf einem guten Weg. Sie ist teamfähig und offen für neue Abläufe und Techniken.

SCOPE: Wo liegen für den Kunden die Hauptvorteile einer Entwicklungspartnerschaft?

Hespers: Dazu nur ein Beispiel: Unsere Werkzeuge der Formfüll-, Erstarrungs- und Festigkeitssimulation bieten dem Konstrukteur des Kunden erheblichen Nutzen. Er kann in einer frühen Phase der Entwicklung in sein Bauteil hineinschauen und optimieren, lange bevor an einen Probeabguss gedacht wird ¿ und bevor hohe Kosten anfallen! Ich bin überzeugt, das wir in diesen Partnerschaften zu Konstruktionen kommen, an die wir heute nicht zu denken wagen. Viele Eisenguss-Bauteile sind ja nach wie vor überdimensioniert oder ungenau ausgelegt. Wegen Unsicherheiten, veralteten Auslegungsvorschriften oder noch unvollkommenen Berechnungsmöglichkeiten. Viele Optimierungspotenziale, ob werkstofftechnisch oder wirtschaftlich, schöpfen wir noch gar nicht voll aus. Wettbewerbsvorteile bleiben damit ungenutzt. Sie heraus zu arbeiten gelingt zukünftig nur im Team.

SCOPE: An welche Anwendungen denken Sie dabei?

Hespers: Etwa an den Leichtbau mit Eisenguss und die Bionik. Die Natur zeigt uns ideale Strukturen von hoher Festigkeit und gleichzeitig geringem Gewicht. Das sind die Vorbilder zukünftiger Konstruktionen. Der Weg dorthin führt über Entwicklungspartnerschaften ¿ und flüssiges Metall. Denn Leichtbau ist keine Sache des Werkstoffs, sondern der Konstruktion! Die Werkstoff-Welt besteht ja nicht nur aus Aluminium. Aluminium ist teuer und verschlingt viel Energie. Und wenn es um hohe Festigkeiten geht, dann erzielen wir durch intelligente und zuvor simulierte Konstruktionen in Eisenguss schnell Vorteile. Hier wird in den nächsten Jahren allerhand passieren.

SCOPE: Wer arbeitet in einer Partnerschaft außer Konstrukteuren und Gießern idealerweise zusammen?

Hespers: Der Marktstratege, der weiß, welche Eigenschaften ein Bauteil konkurrenzfähig machen. Der Budgetverantwortliche, der die Wirtschaftlichkeit berechnet. Die Anwendungstechniker, die den Einsatz des Produktes kennen und Fertigungsingenieure, die das Bauteil aus der Sicht von Produktion oder Montage bewerten.

SCOPE: Und wer hält die Fäden in der Hand?

Hespers: Üblicherweise hat der Hersteller des Finalprodukts das Sagen.

SCOPE: Greift die Idee der Entwicklungspartnerschaft schon bei Ihren Kunden?

Hespers: Wie gesagt, das ist ein Prozess, der sich von Projekt zu Projekt fort entwickelt. Wir stellen bereits erste positive Ansätze fest. Die Mauern bröckeln, wir lernen voneinander. Gießer, Maschinenbauer und Konstrukteure gehen heute stärker aufeinander zu. Häufig gibt man uns bereits die Freiheit, ein Bauteil zu designen und gießereitechnisch zu optimieren. Letztlich ist das ja nur im Interesse des Kunden. Er erhält schneller ein leistungsfähigeres Bauteil. Vor allem die Jung-Konstrukteure akzeptieren die Kompetenz unserer Gießerei-Ingenieure und empfinden ihre Teilnahme als Bereicherung. Viele Gussabnahmer haben erkannt, dass ihnen unsere Angebote in den Bereichen CAD, Simulation und Prototyping deutliche Wettbewerbsvorteile bringt.

SCOPE: Greifen Sie als Teilezulieferer dabei nicht stark in die Produktentwicklung ein und übernehmen Sie nicht auch mehr Verantwortung für das Gesamtprodukt?

Hespers: Nur teilweise. Wir werden nie die Konstruktion einer Werkzeug- oder Textilmaschine beherrschen. Doch unser Verständnis für das Gesamtprodukt wächst mit jeder Aufgabe. Das wiederrum fließt ein in die Optimierung des Gussteils. Wir sehen uns letztlich aber nicht als Systementwickler, sondern als Bauteile-Lieferant...

SCOPE: ...wobei die Geometrien der Bauteile allerdings immer komplexer werden...

Hespers: ...richtig, das haben Sie ja in unserer Kernmacherei gesehen. Je mehr Hohlräume und Hinterschneidungen ein Bauteil aufweist, desto mehr Kerne brauchen wir. In den letzten Jahren ist unser Kernanteil pro 100 Kilogramm Guss deutlich gestiegen. Und diese Entwicklung zu immer komplexeren, mehrfunktionalen Integral-Gussteilen setzt sich fort. Deshalb investieren wir auch in neue, leistungsfähigere Kernschießmaschinen.

SCOPE: Wo sehen Sie denn noch weiteren Investitionsbedarf?

Hespers: Unsere Investitionsquote liegt mit bis zu acht Prozent vom Umsatz seit Jahren deutlich über dem Branchendurchschnitt. Während aber vor einigen Jahren Großinvestitionen in Formanlagen und Mechanisierung anstanden, konzentrieren wir uns heute eher auf die weitere Effizienzsteigerung bestehender Produktionsanlagen und neue Entwicklungs-Technologien.

SCOPE: Können Sie das konkreter benennen?

Hespers: Bessere Steuerungen, kürzere Rüstzeiten, Qualitätsmanagement, Mitarbeiterqualifikation. Derzeit richten wir weitere CAD-Arbeitsplätze ein und installieren eine zusätzliche CAD/CAM-Linie im Werkzeugbau mitsamt Bearbeitungszentrum und neuem Personal.

SCOPE: Mit welchen Werkstoff-Entwicklungen müssen die Konstrukteure rechnen?

Hespers: Zunächst einmal ist fest zu stellen, dass die deutschen Gießer aufgrund der hohen Prozess-Sicherheit ihrer Fertigung heute kontinuierliche normgerechte und zuverlässige Werkstoffqualitäten produzieren. Dabei gewinnen Sphäroguss allgemein und Gusswerkstoffe für Sonderanwendungen an Bedeutung. Dazu zählen etwa mit Silizium-Molybdän legierte Sphäroguss-Qualitäten für temperaturrelevante Einsatzgebiete wie den Motorenbau. Oder das Austempered Ductile Iron ADI, das Festigkeiten von vergütetem Stahl erreicht und sich bestens für Getriebekomponenten eignet. Oder Gusseisen mit Vermiculargraphit, das die guten Eigenschaften von Grau- und Sphäroguss in sich vereint. Das sind alles keine Weltneuheiten. Wir sind aber heute in der Lage, diese Sonderwerkstoffe prozess-sicher herzustellen und zu verarbeiten.

SCOPE: Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?

Hespers: Europaweit und international gehören die deutschen Gießer nach wie vor zur Spitze. Allerdings müssen wir unsere Konkurrenten in Amerika, Frankreich und England im Auge behalten. Denn auch dort wird hohe Qualität produziert. Ich sehe große Chancen für die deutsche Gießerei-Industrie durch den Einsatz moderner Konstruktions- und Simulationswerkzeuge ¿ Chancen wie nie zuvor!

Das Gespräch führte Michael Stöcker / Februar 2000

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