Interview mit Dr. Olaf Munkelt

„Industrielle Bildverarbeitung macht Industrie 4.0 erst möglich“

Die industrielle Bildverarbeitungsbranche durchläuft mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 12 Prozent eine dynamische Entwicklung. SCOPE-Redakteurin Evelin Eitelmann befragt Dr. Olaf Munkelt, Geschäftsführer MVTec und Vorsitzender des VDMA – Industrielle Bildverarbeitung, zur Bedeutung von Machine Vision auf der Automatica.

Dr. Olaf Munkelt ist Geschäftsführer MVTec und Vorsitzender des VDMA – Industrielle Bildverarbeitung.

SCOPE: Herr Dr. Munkelt, Industrie 4.0 und Mensch-Roboter-Kollaboration sind die zentralen Themen der diesjährigen Automatica. Wie schätzen Sie die Industrie 4.0-Fähigkeit der Industriellen Bildverarbeitung ein?

Dr. Olaf Munkelt: Industrielle Bildverarbeitung (IBV) kann man gut und gerne als „Auge der Produktion“ bezeichnen. Daher ist IBV an sich eigentlich nicht Industrie-4.0-„fähig“, sondern macht durch ihre Technologien Industrie 4.0 vielmehr erst möglich. Die meisten Anwendungsbeispiele von sicherer Mensch-Maschine-Interaktion oder Smart Factories bauen ja darauf auf, dass Bilder der Umgebung der entsprechenden Maschine oder des jeweiligen Werkstücks (z.B. auch in Form von Bar- oder Datacodes) aufgenommen, zuverlässig – und auch in 3D – verarbeitet und die Ergebnisse adäquat ausgegeben werden. Nur wenn alle beteiligten Komponenten - Maschine, Roboter, Werksstücke - und deren Bediener sich gegenseitig eindeutig „erkennen“, können sie auch aufeinander und miteinander reagieren. Dafür ist die Vernetzung innerhalb der Fabrik die eine Voraussetzung. Industrielle Bildverarbeitung ist die andere.

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SCOPE: Welche Branchen fokussieren Sie hauptsächlich mit Ihrer Machine Vision?

Munkelt: Unsere Software kommt in allen Industriebranchen zum Einsatz, in denen ein hoher Grad an Automatisierung gefordert und daher auch Schnelligkeit, hohe Qualität und Robustheit in der Bildverarbeitung gefragt sind. Neben den produzierenden Industrien umfasst das auch Branchen wie die Logistik, den Handel und die Agrarindustrie, um nur einige zu nennen.

Natürlich ist es dennoch so, dass viele unserer Kunden insbesondere in der Halbleiterbranche, der Elektronik, dem Maschinenbau und der Automobilindustrie tätig sind.

SCOPE: Bleiben wir doch bei der Automobilindustrie - welche Rolle spielt sie für die Vision-Branche?

Munkelt: Nach wie vor eine sehr große. Wie der VDMA gerade ausgewiesen hat, war die Automobilindustrie 2015 mit einem Anteil von 22 Prozent am Gesamtumsatz und einem Umsatzwachstum in Höhe von nahezu 9 Prozent erneut die größte Kundenbranche für die Industrielle Bildverarbeitung in Europa. Auf dem zweiten Platz folgt übrigens die Elektronik- und Elektroindustrie (einschließlich Halbleiter) mit 13 Prozent.

SCOPE: Welche Innovationen dürfen wir von MVTec zur Automatica erwarten?

Munkelt: MVTec bringt in diesem Jahr zwei wichtige Software-Releases auf den Markt: Kurz vor der Automatica erscheint MVTec Merlic 2.1. Diese Version bietet weitere Verbesserungen bestehender Features und fällt vor allem durch den weiter optimierten Bedienkomfort auf. Eine wichtige Neuerung besteht zudem in der Erweiterung der Merlic-Engine. Unter anderem ist es nun auch möglich, extern aufgenommene Bilder als Eingabeparameter zu übergeben und dann in der Merlic-Engine zu verarbeiten. Mit diesen Erweiterungen wird das Einsatzgebiet von Merlic noch flexibler.

Die nächste Major-Release unseres Flaggschiffprodukts MVTec Halcon - Halcon 13 - folgt dann am 1. November 2016. Hier dürfen unsere Kunden auf signifikante Geschwindigkeitsverbesserungen, neue Funktionen für die Texturinspektion und ausgeklügelte Erweiterungen für die 3D-Rekonstruktion und 3D-Matching-Technologien gespannt sein.

SCOPE: In Ihrer Messevorankündigung sprechen Sie von interessanten Demoapplikationen, die Sie auf der Automatica zeigen werden. Verraten Sie uns mehr?

Munkelt: Mit unseren interaktiven Messedemos werden den Besuchern die Einsatzmöglichkeiten unserer innovativen Softwareprodukte sehr anschaulich nähergebracht.

In unserer Demo „Industrie 4.0-Warenlager“ können die Besucher beispielsweise selbst einen „Bestellschein“ für eine Entnahme aus dem Warenlager ausfüllen. Mit einer Smart-Kamera liest MVTec Halcon die bestellten Positionen auf dem Schein, prüft die Verfügbarkeit der Waren in der Cloud und bucht die Entnahme der Objekte aus. Der Besucher erhält die Ware durch einen mit Halcon geführten Roboter. Auf einer Website kann der Besucher dann die Aktualisierung des Lagerbestands live mitverfolgen. Diese Demo verdeutlicht eindrucksvoll, dass Bildverarbeitung ein integraler Bestandteil von Industrie 4.0 ist.

Ebenso erwarten die Besucher zwei Demos, welche die einfache Handhabung unserer Software MVTec Merlic zeigen. In einer Demo prüft Merlic Flaschendeckel und übermittelt die Ergebnisse mittels OPC-UA an eine SPS. Außerdem haben die Besucher die Möglichkeit, Merlic selbst zu erleben. So können an einem fertigen Aufbau unterschiedliche Lösungen zu vielfältigen Aufgaben selbstständig entwickelt werden, u.a. zur Positionserkennung von Objekten, für Zählanwendungen und Vermessungsaufgaben.

SCOPE: Im vergangenen Jahr meldete der VDMA – Industrielle Bildverarbeitung, dessen Vorsitzender Sie auch sind, solides Wachstum für die Machine-Vision-Branche. Wohin, denken Sie, geht die Reise?

Munkelt: Zunächst einmal: Das solide Wachstum geht auf das Konto aller Firmen, die passende Produkte für nachgefragte Leistungen anbieten. Dieser Prozess ist jedoch kein Selbstläufer. Als VDMA wollen wir unsere Mitglieder durch die Bündelung von Kompetenzen in diesem Prozess unterstützen. Beispielhaft dafür ist die zunehmend wichtigere Vernetzung von IBV und SPS. In der Zusammenarbeit mit der OPC Foundation entsteht so ein Mehrwert, der z.B. die Integrationszeiten von BV-Systemen in Anlagen des Maschinenbaus deutlich verringert. Ebenso haben wir frühzeitig auf die Bedeutung von 3D-Technologien hingewiesen. Die Automatica wird in diesem Wachstumsfeld der IBV einiges an Neuheiten zeigen. Ein Messebesuch lohnt sich! kf

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