Industrie 4.0

Sicher und offen?

Als ich letzte Woche auf der AMB den Chef eines mittelständischen
Maschinenbauunternehmens in Ermangelung weiterer Themen nach dem Status von Industrie 4.0 in seinem Unternehmen und bei seinen Partnern befragte und das übliche "Riesige Chance für die deutsche Industrie" erwartete, fiel mir bei seiner Antwort beinahe das Mikrofon aus der Hand: "Kein Thema für uns. Bevor wir uns damit beschäftigen, muss es erst mal funktionierende und praktikable Sicherheitslösungen für die Industrie geben."
Und mit dieser Skepsis dürfte er gerade im deutschen industriellen Mittelstand nicht alleine stehen.


Bisher waren Produktionssysteme geschlossene Welten. Voraussetzung für den Erfolg von Industrie 4.0 ist aber die interne und externe Vernetzung. Doch keine Firma wird sensible Daten ins Netz stellen, wenn sie nicht sicher sein kann, dass nicht Unbefugte darauf zugreifen können.
Herkömmliche IT-Sicherheitsmaßnahmen greifen aber viel zu kurz, weil die Produktion eigene Anforderungen hat. Den Mitarbeiter im Büro stört es wenig, wenn er beim Einloggen in einen verschlüsselten Kommunikationskanal mehrere Sekunden lang keine Antwort erhält. Doch die komplexen Prozesse in der Fertigung erfordern das Einhalten von Echtzeitanforderungen, die im Widerspruch zu den heute üblichen Security-Konzepten stehen, und schließen das laufende Einspielen von Updates aus, wenn die Auswirkungen auf die Gesamtfunktion der Anlage nicht bekannt sind.

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Hier müssen funktionierende und vertrauenswürdige Standards geschaffen werden - und das nicht erst, wenn die Industrie 4.0-Struktur bereits steht. Denn Hersteller und Betreiber benötigen bereits beim Aufbau der Struktur die Sicherheit, dass ihr Know-how und ihre Daten geschützt sind - und nicht aufwändig nachgerüstet werden muss.
Für den Erfolg von Industrie 4.0 wäre daher ein speziell auf Industriesysteme zugeschnittener, zumindest nationaler Standard dringend notwendig. Es gibt zwar eine Vielzahl von Maßnahmenkatalogen und Vorschlägen von Verbänden und Interessengruppen, doch von einem einheitlichen Vorgehen ist bei dem Thema nichts zu sehen.


Wenn es aber um Themen wie Sicherheit, Vorschriften und Maßnahmen geht, fühlt sich offenbar sofort die Politik berufen: So hat die Bundesnetzagentur vorgeschlagen, dass Unternehmen mit kritischen Infrastrukturen ein Informationssicherheitsmanagement-System etablieren müssen. Und die europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit Enisa (beide sind, trotz der euphemistischen Bezeichnung 'Agentur', Behörden) brachte sich ins Spiel, um IT-Sicherheitsprüfungen in Unternehmen stärker zu koordinieren.
Für viele Firmen dürfte es aber nicht ver-trauensfördernd, sondern eher wie eine Drohung klingen, wenn EU und Staat sich einmischen, um mit ausufernden Vorschriften die Sicherheitsanforderungen jedes Unternehmens zu regulieren.

Hajo Stotz

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