Hajo Stotz fragt

Krieg beendet?

Industrie 4.0 ist wie Teenage-Sex: Jeder spricht darüber, niemand weiß, wie es wirklich geht, jeder denkt, alle anderen tun‘s, und deshalb behauptet jeder, er mache es auch … frei nach US-Professor Dan Ariely. Gerade wurde einmal mehr sehr viel besprochen: Die beiden Interessensverbände Plattform Industrie 4.0 (D) und das IIC (USA) haben auf einer Konferenz am 02.03. in Berlin unter Beteiligung des Wirtschaftsministeriums ihre Zusammenarbeit bekanntgegeben.

Hajo Stotz, Chefredakteur SCOPE.

Die Politik zeigte gleich, wie sie ein so wichtiges Industriethema einordnet: Staatssekretär Matthias Machnig, der zu Fuß aus seinem Büro hätte dazustoßen können, ließ den extra aus USA angereisten IIC-Sprecher Dr. Mark Soley und Dr. Siegfried Russwurm, Vertreter der Plattform Industrie 4.0 und CTO von Siemens, sowie die Journalisten erst mal warten, um dann über die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit zu referieren. Aha.

Wesentlich interessanter waren die Vorträge der Interessensvertreter. Beide betonten die Bedeutung eines Zusammenwirkens. Russwurm: „Kein Feldbus-Krieg wie in den 90ern“. Doch zwischen den Zeilen waren die Unterschiede zu hören: Das IIC, eher IT- als produktionsorientiert, hat seit Gründung 2014 zahlreiche sogenannte Testbeds in die Spur gebracht, um Schnittstellen-Lösungen für die verschiedensten Branchen-Szenarien zu testen. Frei nach der sehr amerikanischen Vorgehensweise: Nicht lange reden, machen – und dann schaun, ob es funktioniert. Das entspricht nun gar nicht der ingenieurgetriebenen deutschen Vorgehensweise, die aber beim Thema 4.0 Gefahr lief, in langwierigen Diskussionen über Standards, Interoperabilität usw. auszuarten.

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Und dass die Plattform durch drei Verbände (Bitkom, ZVEI und VDMA), die sich nicht grün sind, sowie die Politik als Fördermittelgeber getragen wird, beschleunigte das Agieren auch nicht gerade.

Der zweite Punkt, in dem sich die Lager unterscheiden: Der deutschen Initiative und auch Politik ist es wichtig, kleine Unternehmen mit an Bord zu haben. So betonte Russwurm mehrmals, dass KMUs, durch Förderprogramme gestützt, kostenlos Mitglied der Plattform werden können. Dass es in Deutschland übrigens bereits etliche KMUs gibt, die sich mit I 4.0 erfolgreich beschäftigen, zeigen die Beiträge in diesem Heft.

Klein und Mittelstand ist aber nun so gar nicht das Thema des IIC, das auch hier eher amerikanisch („Think big“) agiert, unter seinen Mitgliedern vor allem Konzerne vereint und für deren Mitgliedschaft stolze 50.000 $ verlangt. Doch ob I 4.0 oder IoT – vor allem ist wichtig, dass durch das IIC endlich Bewegung in die Plattform gekommen ist. Die Befürchtung, durch die Amerikaner bei dem Thema rechts überholt zu werden, scheint Industrie und Verbände zu einen und anzutreiben. Und so können hoffentlich demnächst noch viel mehr kleine Unternehmen davon profitieren und beim Thema Industrie 4.0 das Stadium des Teenage-Sex verlassen.

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