Aluminium-Formteile
Silberner Fluß
Ortstermin in Haan, Erkrather Straße 106, bei der Ernst Brinck GmbH. Kennen Sie? Wäre gut möglich. Wenn Sie beispielsweise öfters mit dem Bus unterwegs sind und sich ob sportlicher Kurvenfahrten schon Mal an eine der Haltestangen klammern mussten, dann haben sie vermutlich schon Tuchfühlung gehabt mit den Produkten des mittelständischen Unternehmens. Denn es gehört hierzulande zu den führenden Herstellern von Rohrverbindern aus Aluminium, die im großen Stil auch in Bahn- und Busbau zum Einsatz kommen. Das Sortiment ist groß, besteht aus vielen Hundert verschiedenen Typen in allen nur denkbaren Geometrien und enthält auch zahlreiche Sonderformen wie etwa bewegliche Ausführungen für winkelverstellbare Verbindungen. Brinck liefert zudem in alle Branchen, in denen Geländer eine Rolle spielen – etwa im Maschinen- und Anlagenbau, im Fahrzeugbau, in der allgemeinen Steigtechnik, im Bühnenbau und vielen anderen Industriezweigen.
Damit war die Sache eigentlich klar für mich: Mit der Erwartung, dass sich mein Gespräch mit Firmenchef Otmar Brinck um sämtliche Facetten der Rohrverbindertechnik drehen würde, saß ich im Konferenzraum des Unternehmens und wartete. Und weil der gute Mann an diesem Tag allerhand zu tun hatte, musste ich mich damit zunächst zufrieden geben. Wie ich also so da sitze und warte, fällt mein Blick auf einige große Glasvitrinen, in denen sich allerhand interessante Bauteile von ihrer schönsten Seite zeigen. Das sind doch keine Rohrverbinder, denke ich, und gehe rüber zu den Vitrinen. Stimmt: Hier liegen keine Rohrverbinder hinter Glas, sondern klassische Maschinenelemente.
„Schöne Teile, nicht wahr?“
Auf den ersten Blick erkenne ich Gehäusekomponenten, Lüfterräder, Griffe, Montageschienen und allerlei Designelemente – typische Zulieferteile eigentlich. Okay, das sind ja Rohrverbinder letztlich auch, aber irgendwie bin ich angesichts dieser vielgestaltigen Bauteile-Ausstellung etwas irritiert. Wie passt das jetzt zusammen?
Die Fragezeichen in meinen Augen hat er wohl bemerkt als mich Otmar Brinck mit freundlichem Handschlag willkommen heißt. „Schöne Teile, nicht wahr?“, begrüßt mich der Firmenchef lächelnd und klärt mich auf: „Als Hersteller von Aluminium-Rohrverbindern kennen uns die Märkte. Gerade im Bahn- und Busbau haben wir hier seit vielen Jahren einen guten Namen. Die Rohrverbinder sind sozusagen unser Markenprodukt. Aber als Aluminium-Gießerei sind wir für zahlreiche Kunden auch als klassischer Zulieferer tätig.“ Wie ich weiterhin erfahre, ist das Unternehmen in dieser Rolle nicht nur ein einfacher Lohnfertiger, sondern deckt eine lange Prozesskette ab: Von der Konstruktion über den Werkzeug- und Formenbau bis hin zum Guss mit kompletter mechanischer Endbearbeitung (Fräsen, Bohren, Gewindeschneiden etc.) und Oberflächenveredelung. „Wenn gewünscht, erhält der Kunde von uns einbaufertige Bauteile und Komponenten. In vielen Fällen übernehmen wir auch Montagearbeiten oder bieten dem Kunden zusätzliche Lagerkapazitäten für seine Guss-teile an“, ergänzt Firmenchef Brinck.
Die Domäne des mittelständischen Unternehmens ist der Aluminium-Kokillenguß. Das Kokillengießen ist eines der traditionsreichsten Gießtechniken und zählt – wie auch das Druckgießen – zu den Präzisionsverfahren. Gegossen wird dabei fallend in metallische Dauerformen, die zur Entnahme des fertigen Rohlings zwei- oder auch mehrteilig ausgeführt sind. Erforderliche Hohlräume oder Hinterschneidungen – bei komplexen Bauteile-Geometrien an der Tagesordnung – entstehen durch den Einsatz von Kernen aus Metall oder speziellen Sand- oder Maskenformstoff. Aufgrund der hohen Wärmeleitfähigkeit der Kokille erstarrt die Schmelze recht schnell, wodurch ein sehr feinkörniges und dichtes Gefüge entsteht.
Mit dem Kokillengießverfahren erreicht Brinck Toleranzen von 0,3 bis 0,6 Prozent (Leichtmetalllegierung nach DIN 1688 T3). Über diese hohen Maßgenauigkeiten hinaus verfügen die gegossenen Aluminium-Bauteile verfahrensbedingt über gute mechanische Eigenschaften und eine ansehnliche Oberflächenqualität. Alle diese Faktoren halten den Aufwand für die Nachbearbeitung in aller Regel recht niedrig. Prädestiniert ist der Kokillenguss beispielsweise für die Herstellung von gas- und flüssigkeitsdichten Armaturen. Brinck realisiert damit unter anderem Bauteile für die Medizin- und Labortechnik, für die Lebensmittelindustrie oder auch für die Gebäude- und Solartechnik.
Firmenchef Brinck lädt mich ein zu einem Rundgang durch seine Fertigung. Aus „silbernen“ Strömen flüssigen Aluminiums entstehen hier an vielen Kesseln die vielen verschiedenen Ausführungen der zahlreichen Rohrverbinder aus dem Programm des Unternehmens. Daneben aber begegnen uns immer wieder andere Bauteile, deren Geometrie erahnen lässt, dass sie kein Rohr halten oder verbinden werden, sondern ihre Heimat eher im medizintechnischen Gerätebau oder unter der Motorhaube eines Automobils finden werden. Das ein ums andere Mal nimmt Brinck einen Rohling aus der Gitterbox und beschreibt anschaulich seine spätere Funktion – „aber schreiben tun Sie das bitte nicht, sie wissen schon: Geheimhaltung und so“, sagt er und legt das filigran geschnittene Bauteil zurück.
Energie sparen
„Unsere modernen Anlagen sind mit einer Peripherie ausgerüstet, die eine teil- oder sogar vollautomatische Fertigung ermöglicht“, erläutert Otmar Brinck. Während sein Unternehmen auf dem Gebiet der Rohrverbinder zum Teil beachtliche Serien fertigt, sieht es der Firmenchef im Bereich der klassischen Zulieferteile aber eher als Spezialist für kleine und mittlere Stückzahlen. „Hier erhält der Kunden ein echtes Sorglos-Paket von uns, da wir ihm – angefangen bei der Konstruktion – alles aus ein Hand bieten können“, sagt er. Wie in vielen Bereichen des Zulieferwesens ist auch bei Brinck der hauseigene Werkzeugbau ein zentrales Kompetenzmerkmal. Hier münden über 50 Jahre Erfahrung in die Konstruktion und Umsetzung hochpräziser und zum Teil recht komplexer Gussformen.
Grundsätzlich verarbeitet das Unternehmen derzeit alle gängigen Aluminium-Legierungen nach DIN 1725. Damit vermag es eine Fülle verschiedener Bauteile für ein sehr großes Anwendungsspektrum zu fertigen. Bedingt durch den Werkstoff stehen dabei freilich korrosionsbeständige Leichtbau-Konstruktionen im Mittelpunkt. Da die Produktionslandschaft von Brinck sehr flexibel angelegt ist, lassen sich selbst Kleinstserien wirtschaftlich realisieren. „In einigen Fällen – zum Beispiel für den Oldtimerbau – haben wir sogar schon Einzelstücke gegossen“, ergänzt der Firmenchef.
Eigentlich kann Otmar Brinck zufrieden sein mit dem Output seines Unternehmens: Eine eigene Produktlinie, hochwertige Aluminium-Gussteile, eine gute Auftragslage und die Zukunftsaussichten sind nicht schlecht. An einer Stelle aber drückt der Schuh. Wie viele deutsche Gießereien schlagen auch bei Brinck die hohen Energiekosten zu Buche. Da das Unternehmen aber sozusagen „von Natur aus“ energieintensive Anlagen in Betrieb hat, kommt nur ein Ausweg infrage: Ein modernes Energiemanagement muss her. „Wir haben im vergangenen Jahr die ersten Schritte in diese Richtung unternommen und im Rahmen eine Schwachstellen-Analyse eine professionelle Initialberatung zum Energiemanagement in Anspruch genommen“, berichtet der Firmenchef.
Aus dieser Initialberatung ist inzwischen ein erster Pflichtkatalog entstanden, der derzeit abgearbeitet wird. Konkret bedeutet das unter anderem: Optimierungen im Bereich der Prozesswärme durch automatisierte Regelungstechnik für den Schmelzbetrieb bei Wärmeerzeugung und -verteilung sowie die Installierung eines Mikro-BHKW zur Grundlastversorgung. Aber auch mit vielen kleinen Maßnahmen, wie etwa der konsequenten Instandhaltung des Druckluftnetzes oder der Installation einer tageslichtabhängigen Steuerung der Beleuchtung reduziert das Unternehmen seinen Energieverbrauch. Das bedeutet zwar viel zusätzlichen Aufwand, aber grundsätzlich hat Otmar Brinck hierzu einen klaren Standpunkt: „Keine Frage, die erhöhten Energiekosten, bedingt durch das EEG-Gesetz, treffen uns hart. Es führt aber kein Weg daran vorbei und im Sinne unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Unternehmer halte ich die Maßnahmen für grundsätzlich richtig und lobenswert.“
Michael Stöcker








