Unsability
Durchblick für Generation Why
Moderne technische Produkte sind Software gesteuert und mit einer unüberschaubaren Anzahl an Funktionen ausgestattet. Diese Funktionen müssen jedoch weltweit in den verschiedenen Kulturen verstanden werden. Zudem gehen jüngere Nutzer anders als ältere an Produkte heran. Daher werden heute "Beziehungsformen" - auf Neudeutsch "Usability" - wichtiger, um den einfachen Gebrauch im Produktdesign und in der Bedienoberfläche einer Software sicherzustellen. Am Beispiel der Produkte der Unternehmen Abas, DMG Mori Seiki, Sick und Trumpf gibt SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz einen Überblick, wie der Begriff Usability mit Leben gefüllt werden kann.
"Unzweifelhaft", so macht Franz Reuleaux klar, "ist die Stilfrage im Maschinenbau von untergeordneter Wichtigkeit." Dem Maschinenbau-Ingenieur und Unternehmer waren Mitte des 19. Jahrhunderts die bis dahin verbreiteten Ornamente und Verzierungen an den Maschinen ein Dorn im Auge. Der Ingenieur stellte in seinen Büchern erstmals die noch junge Disziplin Maschinenbau auf mathematische Grundlagen. Getreu dem, wenige Jahre zuvor vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan propagierten, Leitsatz "Form follows function, thats the natural law", forderte Releaux die zeitgenössischen Ingenieure dazu auf, sich bei der Gestaltung von technischen Gesichtspunkten leiten zu lassen. Dabei ließ Reuleaux nur eine Ausnahme gelten, die er Beziehungsform nannte: Formen, die den Einsatz-Zweck des technischen Teiles verdeutlichen.
Drei Klicks - nicht mehr
Während vor 150 Jahren die Funktionalität der rein mechanischen Maschinen aber noch sehr überschaubar war, sind moderne technische Produkte softwaregesteuert und mit einer schier unüberschaubaren Anzahl an Funktionen ausgestattet. Gleichzeitig ist das technische Verständnis der Anwender immer weniger ausgeprägt und junge Nutzer sind mit anderen Herangehensweisen aufgewachsen. Zudem müssen die Funktionen weltweit in den verschiedenen Kulturen verstanden werden, und im Zuge der Mobilisierung müssen sie auch in ablenkender Umgebung sofort erkennbar sein oder auch, wenn die Produktbedienung gar nicht die momentane Hauptaufgabe es Nutzers ist.
Um so wichtiger werden heute "Beziehungsformen" - beziehungsweise Usability, so der moderne Begriff - um die Gebrauchstauglichkeit im Produktdesign und in der Software-Ergonomie sicherzustellen. Einen Meilenstein in Sachen Usability bildet dabei eine Idee des im Jahr 2011 verstorbenen Steve Jobs. Vor genau zehn Jahren gab der Apple-Boss einem kleinen Entwicklungsteam den Auftrag, ein Gerät zu entwickeln, das Handy, mp3-Player und Internet-Kommunikator in einem ist und gleichzeitig mit nur einem Hardwareknopf kinderleicht zu bedienen sein sollte.
Es wurden ein paar Knöpfe mehr, aber seit das erste iPhone dann 2007 auf den Markt kam, verbreitete sich Apples Easy-to-use-Philosophie immer stärker auch in der industriellen Welt. "Wir müssen bei unseren Neuentwicklungen die Generation Y ansprechen", bestätigte Steffen Nübling, Produktmanager beim Sensorhersteller Sick, anlässlich der Präsentation neuer Produkte auf der letztjährigen SPS. Generation Y (Gen Why) wird die Bevölkerungsgruppe genannt, die um das Jahr 2000 herum zu den Teenagern zählte. Nübling: "Die jungen Leute sind Internet-Medien gewöhnt, die sind Smartphones gewöhnt, die haben ein ganz anderes Herangehen an die Produkte als diejenigen, die schon länger im Geschäft sind. Die heutige Generation möchte die Sachen schnell haben, die möchte die Sachen einfach haben - drei Klicks, sonst gehen die woanders hin."
Diesem Ansatz entsprechend wurde beim Unternehmen Sick auch der Deltapac-Sensor entwickelt. Er ermöglicht es, Objekte im lückenlosen Produktstrom zuverlässig zu erkennen. Nübling: "Bislang müssen Verpackungen in der Regel vereinzelt werden, um sie dann zum Beispiel mit Hilfe von Lichtschranken zählen oder detektieren zu können. Ein solches Separieren - häufig realisiert durch aufwändige Mechaniken in der Förderstrecke - gehört mit dem Deltapac der Vergangenheit an." Das Funktionsprinzip des Deltapac macht sich die Kantenkonturen von Objekten zunutze. Im lückenlosen Übergang von einem Objekt zum nächsten verändern die Kanten das Remissionsverhalten der Verpackungsoberfläche. Auf diese Weise ist es möglich, bis zu 200.000 Verpackungen pro Stunde bei Geschwindigkeiten bis 3 m/s sicher zu erkennen. Ebenso wichtig wie die eigentliche Funktionalität des Produktes sind heute aber auch die einfache Bedienung und schnelle Inbetriebnahme ohne Einstellung oder gezielte Prozessoptimierung durch individuelle Parametrierung. Dazu hat der Sensorhersteller die Anforderungen der Hersteller von Verpackungsmaschinen in vorparametrierte Geräte umgesetzt. Steffen Nübling: "Montieren, anschließen, detektieren - der Anwender muss sich nicht mehr mit umfangreichen Bedienungsanleitungen befassen."
Denn das können sich heute auch immer weniger Betriebe leisten: Wenn bei einer Maschine in der laufenden Fertigung eine Störung eintritt, ist es ein entscheidender Kostenfaktor, sehr schnell die richtige Lösung zu finden. Mit der App "Visual Online Support" hat Fertigungstechnikspezialist Trumpf vor kurzem ein einfach zu bedienendes Hilfsmittel eingeführt, das die Lösungsfindung erheblich vereinfacht.
Im Rahmen einer Servicevereinbarung bietet die Lösung den Kunden die Möglichkeit, Bild-, Ton- und Videodateien per App mit dem Technischen Kundendienst von Trumpf auszutauschen. Darüber hinaus können Bilder von beiden Seiten und in Echtzeit bearbeitet werden - und das Ganze möglichst unkompliziert. Die entsprechenden Anforderungen bei der Entwicklung der Bedieneroberfläche beschreibt Sebastian Fuhrich, Produktmarketing Technischer Kundendienst.
"Ein sehr wichtiges Entwicklungsziel war daher, den späteren Nutzern eine möglichst intuitive sowie mit wenigen Klicks zu bedienende Oberfläche zur Verfügung zu stellen. Hierzu gehört neben einer auf das Notwendigste reduzierten Oberfläche natürlich auch eine selbsterklärende Bedienung." Für die Bedienung war es deshalb wichtig, dass alle Funktionen - egal ob Chat-, Markier- oder Aufnahmefunktionen - mit einem Klick direkt angesteuert werden können. Fuhrich: "So bedarf es nach Start der App beispielsweise nur drei Klicks bis der Kunde ein Foto aufgenommen hat und dieses auf dem Bildschirm des Trumpf-Servicetechnikers erscheint. Für eine intuitive Bedienung haben wir zudem auf weltweit verständliche Icons anstatt auf eine herkömmliche Beschriftung gesetzt."
Auf diese Weise ist es für Kunden möglich, die Spezialisten von Trumpf sehr gezielt und detailliert über ihre Situation zu informieren. "Unsere Innendienst-Servicetechniker erfassen durch die Verbindung mit dem Kunden über Visual Online Support selbst komplexe Sachverhalte und können so deutlich mehr Fälle direkt am Telefon klären. Das erhöht die Maschinenverfügbarkeit für unsere Kunden erheblich und reduziert ihre Kosten für Vor-Ort-Einsätze um bis zu 25 Prozent - von der besseren Ersatzteilidentifikation ganz zu schweigen", berichtet Sebastian Fuhrich.
Auch der Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori setzt bei seinem neuen Steuerungssystem Celos auf Smartphone-Elemente, um die Produktivität des Maschinenbedieners trotz angewachsener Funktionalität zu steigern. Mit Hilfe von Touch-pad-Oberfläche und App-ähnlichen Navigationshilfen soll der Nutzer auch komplexe Aufgaben schnell umsetzen können. "Celos ermöglicht eine sehr einfache und intuitive Bedienung der Maschine", erläutert Christian Thönes, Mitglied des Vorstands der DMG Mori Seiki AG. Celos steht für Control Efficiency Lead Operation System und ist eine Bedienoberfläche für CNC-Steuerungen, die von DMG zusammen mit dem Designbüro Dominic Schindler Creations entwickelt wurde. "Die Bedienung ist sehr zugänglich und von der Idee bis zum fertigen Werkstück durchgängig", schwärmt Thönes über die Oberfläche. "Sie hilft dem Werker, seine Prozesse zu beschleunigen und schneller, sicherer, einfacher und profitabler zum fertigen Werkstück zu kommen."
Die verschiedenen Apps, derzeit sind es zwölf, die über einen 21,5" Multi-Touch-Display bedient werden, ermöglichen dem Anwender eine durchgängige Verwaltung, Dokumentation und Visualisierung von Auftrags-, Prozess- und Maschinendaten. Darüber hinaus ist die Lösung kompatibel zu PPS- und ERP-Systemen, vernetzbar mit CAD/CAM-Anwendungen und offen für App-Erweiterungen. Zugleich kann der Werker über Celos seine Erfahrungen mit den Produktionern und Konstrukteuren teilen: Wo gibt es noch Schwachstellen bei der Programmierung, Produktionsplanung oder Teilekonstruktion?
Darüber hinaus bietet die Lösung in Verbindung mit einem sogenannten Smartkey die Möglichkeit, jeden Bediener bereits bei der Anmeldung respektive beim Start der Maschine eindeutig zu identifizieren. Dadurch sind stets nur jene Informationen und Eingabemöglichkeiten freigeschaltet, die dem Anforderungsprofil und den Kompetenzen entsprechen.
Elemente wie Touch-Funktionalität und Apps seien, so Designer Dominic Schindler, bei vielen - zumindest potenziellen - Bedienern durch die Verbreitung der Tablet-PCs längst in Fleisch und Blut übergegangen: "Das steigert das positive Nutzungserlebnis und das wiederum fördert die Akzeptanz der User für neue Interaktionsprozesse bei der Bedienung und Steuerung von Maschinen." 21 Maschinen sind derzeit mit der Celos-Oberfläche ausgerüstet, zur AMB sollen weitere vorgestellt werden.
Intuitive Bedienung auch komplexer Systeme ¿ an diesem Ziel arbeitet auch der ERP-Hersteller Abas AG.
Katharina Klobassa, Usability Engineer bei Abas, hält eine Tasse in die Höhe und will wissen: "Gefällt sie Ihnen?" Aus dem Podium kommt zustimmendes Gemurmel. Die Kaffeetasse hat ein ungewöhnliches, aber offenbar gefälliges Design: sie ist viereckig. "Die Tasse sieht gut aus", stimmt Katharina Klobassa zu, "aber ihren eigentlichen Zweck, nämlich daraus zu trinken, kann sie durch die Form kaum erfüllen. Und so ist das häufig auch mit Bedieneroberflächen."
Der Karlsruher ERP-Hersteller hat bei der Entwicklung seines neuen Web-Clients viel Wert auf eine einfache, intuitive Bedienung gelegt und daher ausführliche Anwendertests durchgeführt - mit dem Ergebnis: nicht alles, was gut aussieht, ist auch wirklich bedienerfreundlich.
"In den Eigenschaften unterscheiden sich ERP-Systeme heute nicht mehr wesentlich", so Katharina Klobassa bei der Präsentation des Web-Client-Prototypen, "aber sehr wohl in der Usability." Der neue Web Client erlaubt ohne Installation von zusätzlicher Software den browser- und ortsunabhängigen Zugriff auf die ERP-Software Abas. Der zentrale Einstieg mit dem Web Client erfolgt über ein konfigurierbares Dashbord, das sich einfach an die Rolle des jeweiligen Benutzers anpassen lässt.
Kompliment: Software für Dummies
Das neue Usability-Konzept erleichtert dabei eine intuitive Bedienung der ERP-Lösung. Durch die reduzierten und anpassbaren Oberflächen springen dem Anwender die für seinen Arbeitsbereich wichtigen Informationen sofort ins Auge. Ein neues Farbkonzept, das beispielsweise zusätzlich zum Icon den Vorgangstypen unterschiedliche Farbcodierungen zuordnet, erleichtert ihm die schnelle Orientierung. "Bei dem Web Client steht die Reduzierung auf das Wesentliche im Vordergrund, bei Bedarf lassen sich dann weitere Informationen einblenden", so Katharina Klobassa. "Bei uns erkennt man auf den ersten Blick, welcher Auftrag welches Potenzial hat. Dies wird durch Bubbles angezeigt und nicht durch Tabellen."
Der Anwender kann beispielsweise ein Angebot erstellen, dann daraus einen Auftrag machen, eine Versandplanung, einen Verkaufslieferschein, eine Verkaufsrechnung oder eine Anzahlungsrechnung. "Mit unserer Oberfläche kann er das praktisch ohne Schulung", erläutert Katharina Klobassa, "das haben wir bei den Anwendertests gesehen. Und das ist der Riesenunterschied zu anderen Oberflächen - wenn ich da zu einem Anwender gehe und sage, machen Sie mir mal schnell aus dem Auftrag eine Verkaufsrechnung, dann kann das nur ein geschulter Spezialist."
Bei den Kundentests sei die neue Bedienoberfläche als "Software für Dummies" bezeichnet worden - "aber das ist ein Superkompliment für uns", so Klobassa, "das zeigt dass wir auf dem richtigen Weg sind. Der Nutzer kann die Oberfläche intuitiv bedienen, und sie unterstützt ihn dabei in jeder Hinsicht. Sie teilt ihm mit, dass etwas falsch ist, was falsch ist, wo es falsch ist und was er tun muss, damit es wieder funktioniert."
Ob ERP-Software, Werkzeugmaschine oder Mobile und Auto - je ähnlicher sich die Produkte heute in ihren Funktionen werden, desto mehr müssen sie sich in anderen Faktoren unterscheiden - sei es leichtere Bedienbarkeit, besserer Firmenservice, höhere Zuverlässigkeit oder im Preis. Beim letzten Faktor läßt sich aber bei einem am Standort Deutschland produzierten Produkt wahrscheinlich am wenigsten ändern - woran der Eingangs zitierte Maschinenbau-Pionier Franz Reuleaux seinen Anteil hat. Er stellte als Preisrichter bei verschiedenen Weltausstellung zwischen 1862 und 1881 den deutschen Produkten ein vernichtendes Urteil aus: "Deutsche Waren sind billig und schlecht". Reuleaux´Aussage trug mit dazu bei, dass sie in England mit dem Herkunftszeichen "Made in Germany" versehen werden mussten.
Doch dann gelang es der deutschen Industrie, seine Forderung "Konkurrenz durch Qualität" umzusetzen und so das Makelzeichen in ein Markenzeichen zu verwandeln. Auch beim Thema Usability sieht es heute so aus, dass die US-Softwareindustrie zwar noch die Führung inne hat - aber die deutsche Industrie ist am Ball. Hajo Stotz
Digital Natives verändern die Welt
Projekte erreichen selten ihr Ziel: Sie dauern zu lange, sprengen das Budget, bieten nicht die versprochene Qualität. Die neuen Führungskräfte haben sich vom Projektmanagement der alten Schule verabschiedet. Sie arbeiten schneller, vernetzter, mobiler, erfolgreicher. Ronald Hanisch hat bereits zahlreiche Projekte mit der neuen Generation durchgeführt. In seinem Buch verrät er, warum Projektmanagement komplett neu bedacht werden muss und was man dabei vom technischen Know-how und dem individuellen Lebensgefühl der Generation Y lernen kann. Ronald Hanisch, Das Ende des Projektmanagements - Wie die Digital Natives die Führung übernehmen und Unternehmen verändern, ISBN: 978-3709305096, 24,90 Euro
Schneller Online-Service per App
Schnell die richtige Lösung zu finden ist entscheidend, wenn bei einer Maschine in der laufenden Fertigung eine Störung eintritt. Mit Visual Online Support hat Trumpf vor kurzem ein neues Hilfsmittel eingeführt, das die Lösungsfindung erheblich vereinfacht. Im Rahmen einer Tru-Services Servicevereinbarung bietet Visual Online Support Kunden die Möglichkeit, unkompliziert Bild-, Ton- und Videodateien per App mit dem Technischen Kundendienst des Unternehmens auszutauschen. Bilder können darüber hinaus von beiden Seiten und in Echtzeit bearbeitet werden.









