IQ-Technologie

Vor Ort bei Iscar in Israel

Viele große mittelständische Unternehmen sind zwar in ihrer Branche eine Nummer, aber dennoch den breiten Bevölkerungsschichten meist eher unbekannt. Doch welchen Stellenwert das Unternehmen Iscar und sein Gründer Stef Wertheimer in Israel besitzen, wurde mir bewusst, als ich in einem Souvenirshop in Masada vom Verkäufer auf meinen „Iscar“-Batch angesprochen wurde, den ich nach der Presseveranstaltung vergessen hatte, vom Hemd zu entfernen. Der junge Mann im 250 Kilometer entfernten Masada, wo eine Festungsruine als israelisches Nationalsymbol steht, wusste mehr über das Unternehmen Iscar als der Pressemappe zu entnehmen war. Und auch die Lebensgeschichte des Gründers und gebürtigen Badeners, der 1937 vor den Nazis mit seinen Eltern nach Israel geflüchtet war, kannte er genau. Auf meine Frage, ob Wertheimer und Iscar in Israel allgemein so bekannt seien, antwortete der Verkäufer: „In Israel, Stef Wertheimer is a legend“.

1952 gründete der damals 25-jährige Wertheimer in der Küstenstadt Naharija das Unternehmen Iscar und produzierte Metallbearbeitungsgeräte und -werkzeuge für den heimischen Markt. In den 1960er nahm das Unternehmen die Produktion von Carbit-Wendeschneidplatten auf, anfangs noch mit zugekauftem Pulver. 1990 baute Wertheimer 30 Kliometer entfernt auf einem Berg in Galiläa, wenige Kilometer südlich der israelisch-libanesischen Grenze die neue Produktionsstätte Tefen auf. Heute ist Iscar einer der führenden Hersteller von Hartmetallwerkzeugen. Neben der Fabrik in Galiläa unterhalten die Iscar Metalworking Companies (IMC) ein internationales Netz von Tochterunternehmen, darunter die Iscar Germany im badischen Ettlingen. Zu der Gruppe gehören des weiteren heute auch die Werkzeughersteller CTMS, Ingersoll, Ittedi, Masteround, Métaldur, Microtools, Outiltec, STS, Taegutec, Tungaloy, Unitac, UOP und Wertec und Zurim Tools. Weltweit arbeiten 12.000 Menschen für den Konzern, davon etwa 25 Prozent in Tefen. Iscar selbst beschäftigt rund 6.000 Mitarbeiter. 2006 übernahm der US-Finanzmogul Warren Buffett über seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway einen 80%-igen Anteil an IMC, den er vor einigen Monaten auf 100% erhöhte.

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Doch Stef Wertheimer wurde nicht nur durch seinen unternehmerischen Erfolg zur israelischen Legende, sondern vor allem durch seinen persönlichen Beitrag zur Befriedung der Situation im Nahen Osten. Sein Ziel ist die Förderung des friedlichen Miteinanders zwischen Israelis und Palästinensern, und seine Überzeugung lautet: Mit Arbeit die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, ist das beste Mittel gegen Hass und Feindseligkeit. In der industriellen Entwicklung sieht er deshalb eine wichtige Überlebensgarantie für Israel. „Wer Arbeit hat, gut verdient und zufrieden ist mit seinem Leben, will keinen Krieg führen“, erklärte er einmal in einem Interview.

¿Wer Arbeit hat, will keinen Krieg führen.¿

Deshalb förderte er die Schaffung von Arbeitsplätzen nach Kräften durch die Bildung von Industrieparks in Tefen und anderen Orten. Dort haben Existenzgründer, wie Wertheimer es vor über sechs Jahrzehnten selbst einer war, inzwischen weit über 200 Firmen errichtet. In seinen Industrieparks setzt er auf die friedensstiftende Wirkung gemeinsamer Arbeit als Grundlage für die Verständigung zwischen den Menschen. Nahe Tefen gründete Wertheimer zudem das Dorf Kvar Vradim (Rosengarten), das heute mehr als 3.000 Einwohner zählt und Schulen, ein Sportzentrum und mehrere Museen beherbergt. In einer ebenfalls von ihm gegründeten Universität wird jungen Israelis nach der Armee das Unternehmerhandwerk beigebracht.

Doch so erfolgreich er mit seinen Ideen auch war – die politischen Eliten des Landes versuchte Wertheimer vergeblich davon zu überzeugen, sein Modell zu kopieren. Vier Jahre lang saß er von 1977 bis 1981 in der Knesset, bevor er sich frustriert aus der Politik zurückzog und bald darauf das „Industriekibbuz“ in Tefen gründete. 2012 wurde ihm für sein Lebenswerk von Bundespräsident Joachim Gauck auf dessen erster Auslandsreise das Bundesverdienstkreuz verliehen. In der Firma hat Stef Wertheimer auch als 87-jähriger Ehrenpräsident noch immer seinen Schreibtisch stehen und ist mehrmals wöchentlich vor Ort. Die operativen Geschäfte als Präsident der IMC-Gruppe und CEO von Iscar führt seit 2003 Jacob Harpaz, der 1972 bei Iscar in der Forschung & Entwicklung gestartet war. Seine Aufgabe war unter anderem die Entwicklung eines eigenen Hartmetallpulvers, um die technologischen Eigenschaften der Wendeschneidplatten besser beeinflussen zu können – was offenbar gelang.

¿Wir beleuchten die Prozesse unserer Kunden.¿

„IMC ist heute die Nummer 2 im weltweiten Cutting-Tool-Markt“, erklärt der IMC-Boss, „knapp hinter Sandvik, aber deutlich vor Kennametal. Und wir arbeiten an der weiteren Positionsverbesserung. IMC ist der innovativste Werkzeughersteller, sechs Prozent unseres Umsatzes fließen zurück in R&D.“ Der Iscar-CEO setzt bei seiner Wachstumsstrategie dabei vor allem auf die vor kurzem eingeführte IQ-Technologie. Mit ihrem Einsatz garantiert Iscar dem Anwender eine Kostenreduktion in seiner Teileproduktion von 15 Prozent – obwohl die Werkzeugkosten selbst „nur drei Prozent zu den Produktionskosten eines Werkstückes beitragen“, wie Harpaz erklärt. Die Personalkosten würden bei einem Werkstück im Durchschnitt einen Anteil von 28 Prozent betragen, Maschinen- und Rohmaterialkosten von 26 bzw. 22 Prozent, weitere 21 Prozent würden auf Overhead-Kosten entfallen. Deshalb unterstützte die IQ-Werkzeugfamilie den Anwender nicht nur dabei, seine Werkzeugkosten zu reduzieren, sondern seine gesamte Profitabilität zu erhöhen. „Eine Preissenkung der Werkzeuge um 20 Prozent senkt die Produktionskosten eines Werkstückes nur um 0,6 Prozent“, rechnet Jacob Harpaz vor. „Wenn wir aber durch unsere IQ-Technologie die Produktivität um 20 Prozent steigern können, sinken die Personalkosten auf 22 Prozent, die Maschinenkosten auf 21 und der Overhead auf 17 Prozent. So können wir durch den Einsatz und die richtige Anwendung unserer übrigens über 1.350 neuen IQ-Werkzeugen eine überdurchschnittliche Produktivitätssteigerung erzielen. Wir beleuchten dabei die Prozesse unserer Kunden und ermitteln die beste Bearbeitungsstrategie. Damit sparen wir dem Anwender pro Teil 15 Prozent Produktionskosten. Das garantieren wir vertraglich.“

Um dieses Ziel zu erreichen, analysiert Iscar den Ist-Zustand der Bearbeitung beim Kunden und optimiert den Prozess unter Berücksichtigung der vorhandenen Prozesskette. Auf der einen Seite werden dabei alle Faktoren des Zerspanungsprozesses analysiert: Dazu gehört die Reduzierung der Nebenzeiten bzw. Erhöhung der produktiven Maschinenstunden. Zudem ist auch eine schnellere Bearbeitung unter Berücksichtigung eines sicheren Spanbruchs und somit der Prozesssicherheit ein wesentlicher Faktor. Des Weiteren führt die Reduzierung von Vibrationen durch einen weichen Schnitt zu einer längeren Standzeit der Werkzeuge und zu einer verbesserten Qualität der Werkstücke.

Als ein Beispiel für die Produktivitätssteigerung führt Jacob Harpaz die Bohrbearbeitung an. Hier stellt der kontrollierte Spanbruch immer eine große Herausforderung dar. Lange, unkontrollierte Späne können sowohl das Bohrwerkzeug als auch die Bearbeitungsoberfläche der Bohrung beschädigen. Der Werkzeugspezialist ermöglicht nun mit seinem Sumocham IQ das Bohren von 12 x D ohne Vorbohren. Doch der Profitabilitätsansatz von Iscar beschränkt sich nicht auf den Werkzeugpart, „sondern beinhaltet den gesamten Fertigungsprozess“, wie der Iscar-Boss erklärt. Ein Ergebnis kann etwa sein, dass das Unternehmen den Einsatz anderer Spannlösungen empfiehlt – oder die Investition in eine neue Werkzeugmaschine. Für den Werkzeughersteller selbst bedeutet das ebenfalls einen umfassenden Wandel, wie CEO Jacob Harpaz dann auf Nachfrage auch bestätigt: Das Unternehmen entwickle sich derzeit vom Produktlieferanten zum prozessoptimierenden Dienstleister, der seinen Kunden zukünftig nicht mehr nur Werkzeuge, sondern Produktivitätssteigerungen anbiete. Hajo Stotz

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