Wirtschaft + Unternehmen
„Neue Märkte im Visier“
SCOPE: Herr Charlès, wie entwickelte sich das abgelaufene Geschäftsjahr für Dassault Systèmes?
Charlès: 2005 war für uns ein sehr erfolgreiches Jahr. Dassault Systèmes konnte seinen Umsatz um 19 Prozent auf fast eine Milliarde Euro steigern. Auch wenn wir die Abaqus-Aquisitation herausrechnen, die im Oktober 2005 stattgefunden hat, haben wir noch ein Wachstum von 17 Prozent erreicht. Seit 2003 hat sich damit unser Wachstum von Jahr zu Jahr beschleunigt – von neun Prozent in 2003 auf 19 Prozent in 2005.
SCOPE: Und wie haben sich die verschiedenen regionalen Märkten und Industrien entwickelt?
Charlès: In allen Regionen haben sich die Umsätze gut entwickelt: in Europa sind wir um 19 Prozent gewachsen, in Nordamerika um 24 und in Asien um 13 Prozent. Auch alle Geschäftsbereiche haben sehr gut zugelegt: Konstruktion und Entwicklungslösungen um 25 Prozent, die Prozessorientierten Lösungen um 18 Prozent und der Bereich PLM um 20 Prozent. Unser Marktanteil ist damit insgesamt um mindestens einen Punkt gewachsen und liegt etwa bei 25 Prozent.
SCOPE: Mit dem System Catia hatte Dassault Systèmes doch bereits vor zehn Jahren einen Marktanteil von etwa 23 Prozent?
Charlès: Das betraf aber nur den CAD/CAM-Bereich, und das war ein viel kleinerer Markt. Heute sprechen wir über einen stark wachsenden PLM/CAD-Markt. Der hatte vor fünf Jahren etwa ein Volumen von vier Milliarden Euro, heute ist er zehn Milliarden Euro groß.
SCOPE: Mit welcher Strategie will Dassault Systèmes dieses Wachstum und die Marktführerschaft im PLM-Bereich auch in Zukunft sichern?
Charlès: Wir gehen dazu verstärkt in den Markt der kleineren und mittleren Unternehmen, der KMU. Um mit dem Thema PLM diese Zielgruppe stärker anzusprechen, hat Dassault Systèmes eine Initiative mit der Bezeichnung Business Process Content (BPC) gestartet. Die Produkte basieren auf praxiserprobten, branchenspezifischen PLM-Prozessen und bestehen aus flexibel anpassbaren Softwarebausteinen, Methoden, Dokumentationen und Services. Die Lösungen sind ready-to-use. Fertigungsunternehmen jeder Größe profitieren von den Vorteilen eines auf sie zugeschnittenen Systems, ohne die sonst bei Speziallösungen anfallenden hohen Implementierungskosten tragen zu müssen. Die Anwender können eine solche Lösung in weniger als einem Monat einführen.
SCOPE: Dassault hat nun die Übernahme des Wettbewerbers Matrix-One unter Dach und Fach. Was sind die Hintergründe für die Übernahme?
Charlès: Zuallererst: das war eine freundliche Übernahme im Sinne beider Unternehmen, der Kunden und der Aktionäre.
Matrix-One hat etwa 500 Mitarbeiter, 850 Kunden und erzielt einen Umsatz von 125 Millionen US-Dollar mit PLM-Lösungen in industriellen Wertschöpfungsketten.
Dassault Systèmes ist sehr erfolgreich, wenn es darum geht, PLM-Lösungen in großen Unternehmen zu installieren. Unternehmen mit komplexen Produkten und Prozessen, wie der Luftfahrt- oder Automobilindstrie. Die Übernahme von Matrix-One wird unsere Marktabdeckung erweitern und uns die Möglichkeit geben, die Vorteile von PLM einem wesentlich breiteren Publikum in einem größeren Spektrum von Industrien zugänglich zu machen. 60 Prozent der Kunden von Matrix-One kommen aus Industrien, in denen wir weniger aktiv sind. Wir wollen in weitere Märkte, das ist unser Ziel.
Ein weiterer Grund: Matrix-One verfügt über eine moderne Technologie. Customizing ist sehr einfach möglich, nahezu automatisch. Das kann keines der Wettbewerbsprodukte wie Windchill von PTC oder Teamcenter von UGS. Sie sind sehr aufwändig zu customizen und die Implementierung dauert sehr lange.
Mit Matrix-One bieten wir den Kunden ready-to-use-Lösungen für die Optimierung ihrer Prozesse an.
SCOPE: Was sie damit dem Kunden noch anbieten, sind vier ähnliche Lösungen. Werden die in mittlerer Zukunft verschmolzen?
Charlès: Sicher nicht. Wir haben eine breite Palette an Lösungen für die verschiedenen Anforderungen der Kunden in den verschiedenen Industrien. Für die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit von Entwicklungsteams eignet sich der Einsatz von Enovia Smarteam. PDM Works ist speziell auf die Verwaltung von SolidWorks-3D-Daten zugeschnitten. Für komplexe Produkte wie z.B. Flugzeuge oder komplexe Maschinen ist Enovia VPLM hervorragend geeignet. Und für große Unternehmen, bieten wir zukünftig Enovia Matrix-One als Unternehmensübergreifende Lösung an. Was wir nicht tun werden, ist diese Produkte zu verschmelzen. Was wir tun werden, ist sie zu verknüpfen.
SCOPE: Welche Märkte wird Dassault Systèmes neben den Kernmärkten zukünftig noch fokussieren, speziell in Deutschland?
Charlès: Der Maschinenbau und die Konsumgüterindustrie sind sehr interessante Märkte. Diese Branchen sind hervorragend geeignet für PLM-Lösungen, denn die Prozesse und Produkte werden dort ebenfalls immer komplexer. Themen wie Produktsimulation und Fertigungssimulation werden für diese Industrien damit immer wichtiger.
SCOPE: In Deutschland hat Dassault Systèmes im letzten Herbst seine eigene Niederlassung gegründet, nachdem bisher der Vertrieb ausschließlich über IBM erfolgte. Was ist hier der Hintergrund?
Charlès: Deutschland ist für uns ein wichtiger Markt, und es ist einer unserer stärksten Wachstumsmärkte, gerade im Bereich der KMU. Sie stellen derzeit bereits ungefähr 50 Prozent unserer Kunden. Diese Unternehmen, das bemerken wir immer stärker, begnügen sich nicht mehr nur mit einer CAD-Lösung. Sie wollen ihre gesamten Prozesse verbessern. Sie suchen nach passenden PLM-Lösungen und entsprechenden Partnern.
Mit IBM haben wir eine hervorragende Partnerschaft. Aber um den Markt der klein- und mittelständische Unternehmen anzugehen und näher an den Kunden und den Partnern zu sein, haben wir die Dassault Systèms AG mit Niederlassungen in Stuttgart, München und Herne gegründet. Damit unterstützen wir den indirekten Vertrieb über unser Partnernetzwerk. Die Nähe zu unseren Kunden und Partner erlaubt es uns, Lösungen genau auf die Anforderungen der Kunden zuzuschneiden.
SCOPE: Werden Sie das Partnernetzwerk also weiter ausbauen?
Charlès: Wir haben das Partnernetz in den letzten vier Jahren Schritt für Schritt bereits ausgebaut, um das indirekte Wachstum zu stärken. Das werden wir weiter fortsetzen. Unser Ziel ist es, mittelfristig den größten Umsatzanteil über das Partnernetzwerk zu erzielen. [email protected]









