Wirtschaft + Unternehmen

Tuch gegen Tuch

Wer hätte gedacht, daß ein einfacher Gebrauchsgegenstand wie ein Putztuch Berufsgenossenschaften, Sicherheitsbeauftragte und Unternehmer intensiv beschäftigt. Eine vom Verband der europäischen Vliesstoffindustrie in Auftrag gegebene Studie hat das geschafft. Die mit der Untersuchung beauftragten Wissenschaftler zeigen den Mehrweg-Putztüchern die gelbe Karte. Nicht wirklich gerechtfertigt, wie sich bei näherem Hinsehen entpuppt. Denn akribisch ermittelten Analyseergebnissen steht die Praxis gegenüber.

Nur noch eine Viertelstunde, bis die Klingel durch die Werkshalle schrillt und unüberhörbar den Feierabend einläutet. Für Martin W. heißt es sich sputen, die Maschine will noch gereinigt sein ¿ Öl und Späne sollen am nächsten Morgen seine Arbeit nicht behindern. Und er selbst muß sich ebenfalls vor dem Nachhauseweg einer Schnellreinigung unterziehen. Wenigstens die Hände . . .

Wie jeden Tag greift der Maschinenschlosser zum Putztuch, schiebt die Spänehaufen zur Seite und wienert (da wo es geht) die schneidölverschmierten Metallteile blank. Nach getaner Arbeit landet der schmutztriefende Lappen in der Tonne, genauso wie schon die zwei zuvor, die er im Laufe des Tages benutzte und verschmutzte. Daß der Behälter fast überquillt, beunruhigt ihn und seine Kollegen nicht im geringsten. Morgen kommt der Wagen des Putztuch-Lieferanten. Dessen Fahrer lädt die gefüllte Tonne auf und einen Stapel frisch gewaschener Putztücher ab.

Schon vor Jahren hatte sich Günther R., Martins Arbeitgeber, für die textilen Saubermacher im Mehrwegsystem entschieden. Der gebotene Service überzeugt ihn nach wie vor. Auflagen zur Beachtung des Umweltschutzes muß er nicht beachten. Und das obwohl die verunreinigten Tücher als Gefahrgut gelten, wenn sie in größeren Mengen anfallen und haufen- oder tonnenweise über die Straßen kutschiert werden, bis sie endlich in den Waschmaschinen landen. Es ist Sache des Dienstleisters, die einschlägigen Vorschriften Punkt für Punkt einzuhalten. Auch der organisatorische Aufwand hält sich in Grenzen. Das regelmäßige Liefern und Abholen gewährleistet, daß immer genügend saubere Schmutzaufnehmer an Ort und Stelle liegen.

Und der Arbeitsschutz?

Seit kurzer Zeit kommt der Unternehmer trotzdem ins Grübeln. Muß er seine damals wie heute passende Entscheidung nicht doch noch revidieren; allein schon aus Arbeitsschutzgründen? Die Meldung über eine vom Verband der europäischen Vliesstoffindustrie Edana in Brüssel in Auftrag gegebene Forschungsarbeit hat ihn verunsichert. Darin heißt es, daß beim Umgang mit wiederverwendbaren Reinigungstüchern Vorsicht geboten sei. Das ergaben Untersuchungen des Schwedischen Instituts für Faser- und Polymerforschung (IFP) und die entsprechenden Auswertungen zweier Forschungsgruppen für toxikologische und arbeitsmedizinische Untersuchungen.

Reste von Blei, Zink und Nickel sowie extrahierbare organische Halogene, sogenannte EOX, fanden die Wissenschaftler in den gewaschenen Tüchern. In großen Mengen, so stand es zu lesen. Daß im Gegensatz dazu die Produkte der Mitgliedsunternehmen des Verbandes jungfräulich rein in die Finger der Benutzer kommen, liegt bei Einwegtüchern aus Vliesstoffen auf der Hand. Einmal benutzt, wandern auch sie in die Tonne, allerdings in die mit dem Müll.

Was heißt schon groß?

¿Große Mengen, was heißt das ¿ die Angabe ist relativ.¿ Rudolf Küttelwesch, Geschäftsführer von Mewa Textil-Service, Wiesbaden, will die Aussagen des Verbandes nicht einfach so im Raum stehen lassen. Schon Anfang der neunziger Jahre hatten die Textildienstleister mit ähnlichen Vorwürfen zu kämpfen. Damals ließ der Verband Deutscher Papierfabriken (VDP) die Inhaltsstoffe von ungewaschenen und gewaschenen Mehrweg-Putztüchern analysieren. Wobei die Ergebnisse und deren Interpretation Zweifel an der Probenahme beziehungsweise den Untersuchungsmethoden hervorriefen.

¿Eine von uns 1994 beim Fresenius-Institut in Auftrag gegebene Studie rückte die damaligen Ergebnisse gerade.¿ Danach enthielt ein Tuch aus einer Autowerkstatt nach dem Waschen ungefähr sechs Milligramm Blei, vierzig Milligramm Zink und vier Milligramm Nickel. Bei Tüchern aus Druckereien und mechanischen Werkstätten lagen die Werte weitaus niedriger. ¿Verschwindend geringe Mengen wenn man bedenkt, daß die Putztücher vor dem Waschen rund 50 Gramm Schmutz enthalten.¿

Die niedrigen Werte erreichen die über die gesamte Bundesrepublik verteilten Tochtergesellschaften des seit über 90 Jahren aktiven Textildienstleisters nur mit klar vorgegebenen und nach Putztuchart getrennten Arbeitsschritten. Metallhaltige Tücher müssen andere Wasch- und Pflegephasen über sich ergehen lassen als Tücher aus Druckereien. Tücher mit speziellen Hygieneanforderungen landen gar in völlig anderen Waschstraßen. Damit ist ausgeschlossen, daß sie versehentlich mit den weitaus schmutzigeren ¿Kollegen¿ in Kontakt kommen.

Nach der Wäsche stehen auf jeden Fall diverse Einzelprüfungen an. Die Tücher werden eins nach dem anderen kritisch überprüft. Löchrige, ausgefranste und deutlich verfärbte wandern in den Ausschuß. Zudem fahnden eigens dafür entwickelte Metalldetektoren in jedem Tuch nach Metallsplittern. Und eine Waage gibt Auskunft darüber, ob die Wäsche den vorgegebenen Reinigungsgrad brachte. Zu schwere ¿Brüder¿ haben nicht bestanden, zu leichte werden als Verschleiß aussortiert.

Der Erfolg dieses Vorgehens zeigt sich deutlich in den kontinuierlich geführ- ten Statistiken des unternehmenseige-nen, zertifizierten Qualitätsmanagements. Trotz eines Volumes von 120 Millionen gewaschenen Tücher pro Quartal gehen die Reklamationen in Bezug auf Späne oder unangenehmen Geruch gegen Null.

Das fällt nicht ins Gewicht

Bei den metallischen Rückständen und ebenso bei den meisten organischen handelt es sich durchweg um Stoffe, die die Putztuchnutzer tagtäglich an ihrem Arbeitsplatz umgeben und mit denen sie in weit höheren Konzentrationen direkt in Kontakt kommen. ¿Worin unterscheidet sich die ¿Metallfracht¿ bei Putztüchern, unabhängig davon ob Einweg- oder Mehrwegtücher, zehn Sekunden nach ihrer Benutzung, also in dem Moment, in dem der Werker mit seinem Putzmaterial den Schmutz beseitigt¿, fragt Küttelwesch durchaus provokativ. ¿Da fällt die Vorfracht eines gewaschenen Tuchs nicht ins Gewicht.¿

Unrecht hat er nicht. Denn je nach Vliesstoffqualität kommen nur wenige Nutzer auf die Idee, die Einwegtücher nach dem ersten Saubermachen gleich in den Müll zu befördern. Überaus saugfähige, von den Herstellern auf die jeweilige Aufgabe hin optimierte High-Tech-Vliese halten länger als bloß für ein Wisch und Weg. Genau wie ihre Mehrweg-Gegenspieler liegen sie griffbereit für den nächsten Einsatz: neben der Maschine, auf dem Arbeitstisch oder in der Tasche des Arbeitsanzugs. Erst völlig verschmutzte und durchfeuchtete Vliese kommen zum Abfall.

Ähnliches passiert mit den waschbaren Putztüchern. ¿Niemand steckt sich ein völlig nasses Tuch in die Tasche. Und kaum einer nimmt so etwas gern in die Hand¿, davon ist der Geschäftsführer des Textildienstleisters überzeugt. Mithin bewegt sich die Gefährdung, die von den Inhaltsstoffen ausgeht, bei beiden Putztucharten in ähnlichen Gefilden.

Fest steht . . .

Hundertprozentig stimmt das selbstverständlich nicht. Denn durch das Waschen gelangen andere Zusätze in die praktischen Helfer. Waschmittelrückstände erhöhen den pH-Wert, was die menschliche Haut ab einer bestimmten Grenze mit Reizungen quittiert. Bei den Untersuchungen vor knapp sechs Jahren lagen die ermittelten pH-Werte zwischen 9 und 9,8. Vergleichbare Zahlen erhielten die Wissenschaftler der Edana-Studie.

Was das für den Hautkontakt konkret bedeutet, steht indes noch nicht fest. ¿Ob die Alkalität ausreicht, um Hautreizungen zu erzeugen, ist nicht durch uns erklärbar, sondern müßte durch einen Facharzt für Dermatologie geschehen¿, schrieb 1993 der Bearbeiter des VDA-Berichts. Die Schweden berufen sich heute auf den Öko-Tex Standard 100, worin es heißt, daß diese pH-Werte Hautirritationen hervorrufen können, wenn die Gewebe mit der Haut direkt in Kontakt kommen. In Wiesbaden hält man dagegen: Putztücher werden schließlich nur zum Putzen in die Hand genommen, und zwar zum Wegwischen solcher Substanzen, bei denen der pH-Wert sauberer Tücher keine Rolle spielt.

Ob Rückstände und pH-Werte hoch oder niedrig: Ein überaus interessantes Ergebnis brachte die aktuelle Studie unabhängig davon zu Tage. Die insgesamt 43 Unternehmen ¿ neun kamen aus Deutschland, zwölf aus den Niederlanden, elf aus Frankreich und ebenfalls elf aus Großbritannien ¿ wurden parallel zu den Analysen nach der Herkunft der Putztücher, der Einsatzart und -zeit sowie nach möglichen Gesundheitsbeschwerden befragt. Beim Einsatz und der Handhabung wichen die Antworten kaum voneinander ab. Differenzen gab es nur bei den Gesundheitsbeschwerden. Während sich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien kein Unternehmen beklagte, monierten einige der niederländischen Probanden schlechten Geruch, Hautirritationen und Allergien.

Mit diesem Umfrageergebnis im Rücken, könnten sich die hiesigen Textildienstleister eigentlich beruhigt zurücklehnen. Denn Analysewerte sind immer nur die eine Seite der Medaille. Das Kundenurteil darf darüber nicht in Vergessenheit geraten. Doch auf seinen Lorbeeren ruht sich derzeit wohl keines der Unternehmen aus. Der Wettbewerb untereinander und vor allem mit den Vliesstoffherstellern ist viel zu hart. Beide Seiten entwickeln neue Logistikkonzepte, bringen mit ausgeklügelten Materialzusammensetzungen oder anwendungsspezifischen Zusätzen immer leistungsfähigere Tücher auf den Markt.

. . . kein Konzept liegt vorn

Darüber hinaus bieten einige Tissuehersteller Verwertungskonzepte für ihre Einwegprodukte. Kimberly-Clark beispielsweise arbeitet bundesweit mit Entsorgungspartnern zusammen. Die sorgen dafür, daß die gebrauchten und gesammelten Tücher nach einer Laboranalyse als Ersatzbrennstoff energetisch verwertet werden. Brennstoff statt Müll: Mit solchen Angeboten versuchen sie (durchaus erfolgreich), das Umweltschutz-Argument der Mehrweg-Konkurrenz zu entkräften.

Eines ist gewiß: Eindeutige Hinweise, welches Konzept ¿ Ein- oder Mehrweg ¿ als das sichere für den Menschen gelten kann, läßt sich mit noch so vielen Studien nicht eindeutig belegen. Der Einsatz und nicht zuletzt die Kosten entscheiden, wem die Putztuch-nutzenden Betriebe den Vorrang einräumen. Daß dabei ein genauer Blick auf das Leistungsspektrum des Dienstleisters beziehungsweise des Lieferanten nicht schadet, steht außer Frage.


Claudia Treffert / Februar 1999

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