Wirtschaft + Unternehmen

Stippvisite in der Stadt der Sünde

Einmal jährlich treffen sich Solidworks-Anwender aus der ganzen Welt zur Jahreskonferenz ¿ diesmal in Las Vegas. SCOPE sah sich auf der Konferenz um, sprach mit US-Boss John McEleney und erfuhr interessantes über neue Produkte.

Frankfurt, Denver, Las Vegas ¿ quer über den großen Teich und fast diagonal durch das riesige ¿Reich des Guten¿ (USA) verläuft die Anreise zur vierten internationalen Jahreskonferenz des CAD-Herstellers Solidworks. In der Stadt der Sünde (¿Sin City¿) trafen sich vom 17. bis 20. Februar 2002 Konstrukteure, Ingenieure, Reseller und Partner der mittlerweile riesigen Solidworks-Familie.

Was vor vier Jahren als intimes Treffen mit 35 Anwender und Mitarbeitern begann ist zur logistischen Herausforderung mit über 2000 Teilnehmern gewachsen. Ein deutlicher Beleg für den Erfolg des Unternehmens und die dahinterstehende Philosophie: Wer schafft es sonst, so viele Interessierte und Kunden ins Niemandsland von Nevada zu locken, tausende Kilometer entfernt von den Wirtschafts- und Technikzentren? Warum Las Vegas, brachte es die amerikanische Pressesprecherin Laura Kozikowski auf den Punkt: ¿Hier stimmt die Logistik, die Riesenhotels verkraften einen solchen Ansturm locker. Neben einer hervorragenden Infrastruktur ist auch für das Entertainment nach der Arbeit gesorgt.¿

Treffen der Großfamilie

Der Hang zum Gigantismus ist nicht von der Hand zu weisen: Das Kongresshotel ¿Mandalay Bay¿ verfügt über 3300 Zimmer (!), 15 Restaurants und unzählige Veranstaltungsräume in allen Größten. Gerade richtig, für den großen Ansturm der CAD-Begeisterten. Wohin man sah wurde nationsübergreifend fachgesimpelt, Kontakte geknüpft, Geschäfte gemacht: ¿Wer bei 2000 Teilnehmern mit weniger als hundert Visitenkarten nach Hause geht, hat etwas falsch gemacht¿, scherzte US-Boss John McEleney bei seiner Begrüßungsrede. In der Tat machen unter anderem die persönlichen Kontakte den Charme dieses Treffens aus.

Einen Großteil des Programms machten die mehr als 75 produktspezifischen Gesprächsrunden und praxisbezogenen Seminare zur CAD-Software und den zahlreichen integrierten Lösungen aus. Ergänzend dazu präsentierten Gold- und Solution-Partner ihre Produkte im Rahmen einer Ausstellung. In entspannter Atmosphäre informierten sich dort die Teilnehmer in einer eigens dafür eingerichteten Ausstellungshalle. Neben Sponsoren wie AMD, Compaq, IBM, Intel oder Microsoft stellten auch viele kleinere Anbieter von CAM-, FEA-, PDM- oder Simulationssoftware ihre Leistungen zur Schau. Während der Konferenz hatten die Teilnehmer zudem die Gelegenheit, am ¿Certified Solidworks Professional Program¿ teilzunehmen.

Dass Konstrukteure keine Kinder von Traurigkeit sind, zeigte die schon traditionelle Abend-Party: Eine Rock & Roll-Band heizte der Gemeinde kräftig ein. Einziger Wermutstropfen: Das weibliche Geschlecht ist leider noch immer in der Minderheit. Ein Höhepunkt des Abends: Der Wettbewerb ¿Model Mania Contest¿, bei dem Anwender ihre Geschwindigkeit und Geschicklichkeit beim Modellieren testen konnten.

Premiere im großen Rahmen

Ein Highlight der Konferenz war die Präsentation eines neuen Produktes durch US-Boss John McEleney: die neue webbasierte Lösung 3D Teamworks. Diese ermöglicht den gleichzeitigen und ortsunabhängigen Zugriff auf Konstruktionsdaten und ist daher besonders für Unternehmen geeignet, die kritische Aspekte der Produktentwicklung auslagern oder deren Konstruktionsteams an mehreren Standorten verteilt sind. Neben dem zentralisierten Zugriff auf Daten können Anwender Modelle zusätzlich messen und Bemerkungen anfügen.

Die Basis dafür ist ein Webserver, der Anwendern den Zugang zu dort gespeicherten Konstruktionsdaten rund um die Uhr ermöglicht. Diese Daten müssen dabei nur einmal übertragen werden und können dank des eDrawings Viewers unmittelbar nach der Übertragung für die Darstellung zur Verfügung gestellt werden. Alle Mitglieder des jeweiligen Konstruktionsteams werden dann per E-Mail benachrichtigt und erhalten Zugang zu den Dateien und Online-Tools. Dabei können die Zugriffsrechte individuell auf den Anwender abgestimmt werden. Konstrukteure sind dadurch in der Lage gemeinsam auf Konstruktionsdaten zuzugreifen und Bemerkungen zuzufügen. Neben dem Markieren und Messen innerhalb des Modells ist auch das Erstellen von visuellen Schnitten möglich. Inwieweit sich die vorgenommenen Änderungen auf andere Tools, Baugruppen oder Zeichnungen auswirken, lässt sich dabei genauso prüfen. Mithilfe des Tools ¿Threaded Discussions¿ werden Änderungen und Entscheidungen sofort während des Konstruktionsprozesses dokumentiert.

Kontaktfreudig

Eine integrierte Formatierungsfunktion ermöglicht die Konvertierung der CAD-Daten in verschiedene 2D- und 3D-Standardformate. CAD-fremde Dateien, wie beispielsweise Word, Excel, Powerpoint, jpg oder pdf können ebenfalls genutzt werden.

3D Teamworks ist vollständig in Solidworks integriert. Dateien, die in Standard-Webordnern der CAD-Software gespeichert sind, lassen sich somit direkt von 3D Teamworks aus übertragen und herunterladen. Erhältlich ist die Software als Teil des Komplettpaketes 3D Collaboration Edition, das neben der 3D-CAD-Software auch Solidworks Office mit sechs weiteren Modulen für die Bauteil- und Baugruppenmodellierung, Zeichnungserstellung und Daten-Interoperabilität bis hin zu fotorealistischem Rendering enthält.

¿Es sind nur noch zwei Pferde im Rennen¿

Interview mit John McEleney, Solidworks CEO

SCOPE: 2001 war für viele CAD-Anbieter ein schwieriges Jahr. Wie erging es Solidworks?

McEleney: Es war nicht nur wirtschaftlich schwierig, sondern auch in politischer und geschichtlicher Hinsicht ein Jahr, das wir alle nicht vergessen werden. In unserem Markt hat es ein zweigeteiltes Bild hinterlassen: Die Starken wurden noch stärker, die Schwachen haben weiter verloren. Für uns war es ein großartiges Jahr: Beim Umsatz erreichten wir die Rekordmarke von 110 Millionen US-Dollar und weltweit arbeiten inzwischen 175 000 Anwender bei 25 000 Kunden mit unseren Produkten.

SCOPE: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Wettbewerbssituation dar?

McEleney: Lassen Sie es mich für unseren Markt der MCAD-Systeme so ausdrücken: Bislang waren drei Pferde im Rennen, PTC, Autodesk und Solidworks. An ehemalige PTC-Kunden haben wir bereits 15 000 Lizenzen verkauft, deren Neugeschäft beträgt inzwischen nur noch 14 Prozent ¿ 86 Prozent ist quasi Bestandsverwaltung. Bei uns sind 70 Prozent Neugeschäft!

Es sind also nur noch zwei Pferde im Rennen. Unser größter Wettbewerber ist derzeit Autodesk, wobei wir die überzeugendere Produktstrategie verfolgen. Vor allem im 3D-Bereich ist unsere Software inzwischen der Standard. Dies belegen nicht nur unsere Verkaufszahlen, sondern auch verschiedene Umfragen. Regionale Begebenheiten beziehungsweise Anbieter in verschiedenen Ländern klammere ich bei dieser Aussage aber aus.


SCOPE: Was ist mit dem ¿vierten Pferd¿ ¿ Ihre Konzernmutter Dassault Systèmes zielt mit den Catia-Ablegern P1, P2 genau auf diesen Marktbereich?

McEleney: Das ist richtig, aber die Überschneidung im Markt macht vielleicht fünf Prozent aus. Warum sollen wir uns darum Sorgen machen? Wir kümmern uns lieber um die 95 Prozent.


SCOPE: Solidworks ist als David gegen Goliaths vor sieben Jahren gestartet. Die Rangfolge der Goliaths hat sich geändert, jetzt spielen Sie in der Oberliga mit. Könnte dies bei den heutigen Verhältnissen einem Newcomer noch einmal gelingen?

McEleney: Eigentlich war es gar nicht so schwer, denn wir sind mit einer guten Idee und einem guten Produkt gestartet: professionelle Volumenmodellierung auf PC-Basis, leicht erlernbar zu moderaten Preisen. Und ¿ unsere Wettbewerber haben uns anfangs nicht ernst genommen. Ich denke, das kann jederzeit wieder passieren.


SCOPE: Einer der Kernpunkte Ihrer Eröffnungsrede dieser Konferenz bezog sich auf die Komplexität des 3D-Konstuierens. Steht dies nicht im Widerspruch zur ¿leichten Erlernbarkeit¿?

McEleney: Nein, meine Aussage bezog sich auf das 3D-Konstruieren an sich, denn diese Arbeitsweise bedingt ein Umdenken des Konstrukteurs. Vor allem für diejenigen, die aus dem 2D-Bereich kommen. Selbst mit der besten Software gibt es keinen Produktivitätsschub nach nur einem Tag. Anwender benötigen professionelle Hilfe und Support um produktiv zu arbeiten.


SCOPE: Kennen Sie noch jeden Mitarbeiter persönlich?

McEleney: Bei rund 250 Mitarbeitern in Concord, der Solidworks-Zentrale, wird es immer schwieriger. Aber ich versuche, mir die Namen und Gesichter einzuprägen, denn das ¿Familien-Feeling¿ ist mir sehr wichtig. Sehr hilfreich dabei ist unser Intranet mit einem Organisationsdiagramm, das neben den Namen auch Fotos meiner Mitarbeiter bereit hält.

SCOPE: Ein Blick in die Zukunft...

McEleney: ... (lacht) die beginnt schon heute mit 3D Teamworks ¿ unsere Antwort auf Collaborative Engineering. Auf Internet-Basis können Konstrukteure mit Hilfe dieser Software unter anderem Kommunizieren, Daten austauschen, gemeinsam an Modellen arbeiten.

Stefan Graf

Links: http://www.solidworks.de

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