Wirtschaft + Unternehmen
Pumpen-Perestroika?
¿Ihr Katalog interessiert mich nicht.¿ Ein Satz, den auch die Pumpenhersteller in Zukunft immer öfter hören werden. Egal wo Sie unser Jubiläumsheft aufschlagen, egal, wer sich über die Zukunft seiner Branche auslässt, das Fazit ist immer das gleiche: Der Kunde will fertige Lösungen und keine noch so guten Einzelteile. Er hat genug damit zu tun, festzulegen, welches Medium in welcher Menge und unter welchem Druck von A nach B gefördert werden soll. Wie das möglichst zuverlässig und günstig zu schaffen ist, das will er von seinem Lieferanten wissen und das steht nicht im Katalog.
Mit zusätzlicher Beratung bei der Produktauswahl wird der Kunde allerdings immer weniger zu beeindrucken sein. Er will keine Konfektion, er will seine Pumpe, individuell auf den einen Einsatzfall zugeschnitten. Große Anbieter können hierauf mit geschickt aufgeteilten Baukästen reagieren, kleinen Spezialpumpenherstellern bietet sich die Chance, ihre Nische zu finden. Über das reine Engineering hinaus werden in Zukunft Dienstleistung und andere Formen des Service nachgefragt. Das BOT-Modell ist hier nur ein Beispiel von vielen. Beim Built-Operate-Transfer liefert der Pumpenhersteller die Pumpe und betreibt sie gegen Entgelt solange selbst, bis sie vollständig in den Besitz des Kunden übergegangen ist. Eine Weiterentwicklung dieses Prinzips wäre, dem Kunde nur noch Förderleistung und keine Pumpe im eigentlichen Sinne mehr anzubieten. Ein Modell, das sich beispielsweise bei Kompressoren schon bewährt hat. Hier wie da bleibt das Risiko der Ausfallzeiten, die nicht nur Wartungskosten, sondern in der Regel auch wesentlich höhere Produktionsausfallkosten nach sich ziehen. Der Hersteller begibt sich bei diesem Modell ganz direkt in die Pflicht.
Vom Hersteller zum Betreiber
Ein Risiko, das kalkulierbar bleibt, gelten doch der Steigerung der Zuverlässigkeit die Anstrengungen der ganzen Branche. In gemeinsamer Forschungsarbeit optimieren die Hersteller die Materialauswahl, verbessern Lagerung und Kavitationsverhalten. Zudem untersuchen sie die Einsatzmöglichkeiten der immer billiger werdenden Elektronik. Hier ist vor allem in drei Bereichen mit Neuentwicklungen zu rechnen: Zum einen bei der Sensorik zur Pumpenüberwachung und frühzeitigen Störungserkennung. Diese wird wohl zuerst in teuren Spezialpumpen Einzug halten. Ob sich Normpumpen mit Überwachung gegen das Doppelt-hält-besser-Prinzip der redundanten Pumpe behaupten können, muss sich zeigen. Ein weiterer Vorteil der Elektronik ist die Möglichkeit, Pumpen sowohl mit übergeordneten Leitsystemen, als auch untereinander zu vernetzen. In manchen Ansätzen stellen die Pumpen sich sogar aufeinander ein, ohne direkt miteinander verbunden zu sein. Eine Vernetzung geht fast Hand in Hand mit dem dritten Trend, der elektronischen Drehzahlregelung in Standardeinheiten und immer kleineren Baureihen. Denn über die lange Lebensdauer einer Pumpe gesehen, amortisieren sich die Kosten für eine solche Regelung schnell. Und dass die Lifecycle costs in Zukunft verstärkt im Mittelpunkt des Interesses stehen, sehen Sie allein daran, dass sie Thema des Pumpenanwenderforums 2000 waren.
Ein weiterer Motor für die Entwicklung bei Pumpen ist seit jeher die Gesetzgebung. Weltweit verschärfte Umweltrichtlinien werden den Fokus mehr und mehr auf leckagefreie Pumpen lenken. Hinzu kommt der Anstieg von Sterilanwendungen. Spielte der Wirkungsgrad bei den hermetisch dichten Aggregaten eine eher untergeordnete Rolle, wird er bei steigenden Stückzahlen immer mehr zum Verkaufsargument. Neue Spalttopfmaterialen können Wirbelstromverluste reduzieren, Fördermedium geschmierte Gleitlager die Reibungsverluste. Und vielleicht setzen sich in Sonderanwendungen selbst die aufwendigen Magnetlager durch. Ein anderes Gesetz betrifft zwar nur einen Teil der Anwendungen dafür aber die ganze Pumpe: Der kommende ATEX-Standard. Wer seine Pumpen in explosionsgeschützten Räumen betreiben will, muss ab 2003 den Explosionsschutz nach diesem Standard nicht nur für den Motor, sondern auch für das nichtelektrische Pumpenteil nachweisen.
Chips im Förderstrom
Einige der hier beschriebenen Pumpen-Trends lassen ebenso auf die Peripherie, Dichtungen und Armaturen, übertragen. Dichtungshersteller verkaufen ihren Kunden nicht mehr nur einzelne Dichtungen, sondern analysieren zunehmend das Gesamtsystem Pumpe-Armatur-Rohr ihres Kunden, um optimal aufeinander abgestimmte Dichtungskombinationen anbieten zu können. Sensoren und Elektronik tauchen bei Dichtungen ebenfalls zur Zustandsüberwachung auf. Und wie bei den Pumpen selbst, wird auch bei den Armaturen die Vernetzung und Intelligenz zunehmen. Die elektrische Peripherie bleibt kein Anhängsel mehr, sondern rückt zusehends in die Armatur selbst und die Verkettung über Feldbussysteme wird mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit.
Alles in allem also keine sensationellen Entwicklungssprünge, stattdessen klare, starke Strömungen, die die Pumpenbranche in Zukunft in Bewegung halten werden. Und gerade das gehört ja zum Geschäft.
Matthias Meier








