Wirtschaft + Unternehmen
Produkte mit Profil
Stahl ¿ als Rohr, Profil, Draht oder Blech ¿ ist der Stoff, aus dem das Drum und Dran der Einkaufszentren entsteht. Regale, Stapelkörbe, Gitterboxen, Tischsysteme, Warenständer, Einkaufswagen, Eingangsanlagen und Kunden-Leitsysteme werden meist in großen Stückzahlen und mit festen Terminvorgaben bestellt. Da heißt es für die Hersteller dieser Produkte alle Register der flexiblen und vor allem schnellen Produktion zu ziehen. Von RSA, dem Automatisierer beim Sägen, Entgraten und Reinigen von Rohren oder Profilen, kam der Tip: ¿Schauen Sie doch mal bei Siegel in Leipheim rein, die haben ihre Metallbearbeitung wirklich im Griff.¿
Gitter, Gitter, Gitter! Gitter als Regalböden. Gitter in den Warenkörben. Gitter um die Warentische, Gitterboxen, Gitter machen Einkaufswagen. Jeder Kreuzungspunkt der Drähte ordentlich verschweißt, keine scharfen Kanten, alles in edlem Chromglanz oder farbenfroh beschichtet. Schon der Schauraum sendet eindeutige Signale aus: Das Verkaufen in Super-, Groß- und Baumärkten ist ein sensibles Geschäft ¿ Sauberkeit, Ordnung und erlesenes Design sind gefragt. Waren in schmuddeligen Stapelkörben finden kein Vertrauen beim Kunden; angerostete oder gar beim Schieben quietschende Einkaufswagen verschrecken Käufer; Eltern fordern Sicherheit für ihre Kinder, die ja oft den Einkauf zum ¿Turnerlebnis¿ machen. Wehe, wenn irgendein verbliebener Grat für Rißwunden verantwortlich gemacht werden kann oder die schöne Strumpfhose ihren Geist aufgibt. Es muß in diesem Bereich wirklich alles stimmen.
Nicht zuletzt deshalb sind viele Wände in der Draht- und Metallwarenfabrik Gebrüder Siegel mit Qualitätszertifikaten verziert. ¿Und bei uns findet Qualität nicht nur auf dem Papier statt, sondern sie beginnt in der Konstruktion, zieht sich durch die gesamte Produktion und endet nicht(!) mit der Auslieferung der bestellten Produkte, sondern schließt auch Service, Betreuung und Beratung mit ein.¿ So kommentiert der technische Leiter, Sylvester Schäfer, meine neugierigen Blicke. Er ist es auch, der mich und das ebenfalls zu diesem Vor-Ort-Termin angereiste RSA-Team in sein Reich ¿ die Produktion ¿ führt.
Nur wenige Schritte, und wir stehen schon vor dem neuen Prunkstück der Fertigung, vor der automatischen Säge-, Entgrat- und Reinigungsanlage mit automatisierter Materialzufuhr. Da glänzen nicht nur die Augen des technischen Leiters, sondern auch die der RSA-Leute: Läuft alles wie geschmiert ¿ und schnell, verdammt schnell, so ist mein Eindruck. Rohrbündel hebt der Kran ins Magazin ¿ lagerichtiges Zuführen von Rechteckrohr ¿ erster Schnitt ¿ Kling, Klong, der Anschnitt fällt in den Schrottcontainer ¿ Ratsch, Ratsch, Ratsch, die Säge arbeitet sehr schnell und ohne Vibrationslärm ¿ Ruck-zuck fahren die Rohrabschnitte durch die Entgratbürsten ¿ landen sofort im Reinigungsbad ¿ trocknen und fertig. Ich fasse in die Kiste der Fertigteile. Das muß schnell gehen, denn das Tempo der nachrutschenden Rohrabschnitte ist hoch. Oh! Ganz schön heiß, die Dinger ¿ aber absolut sauber, auch innen, natürlich ohne Grat und mit sauberen, leicht verrundeten Säge-Schnittkanten.
Tempo, Tempo, Tempo
Weshalb diese hohe Geschwindigkeit? Meine erste Frage. Macht es denn wirklich Sinn, die Anlagentechnik bis zum Anschlag zu beschleunigen? Rainer Schmidt, Diplom-Ingenieur und RSA-Geschäftsleiter, ist sichtlich irritiert: ¿Was heißt hier, bis zum Letzten ausreizen? Die Anlage läuft mit ganz normaler Geschwindigkeit. Im absolut sicher beherrschten Bereich. Sägeblattverschleiß, Reinigungsergebnis und Produktionsausstoß sind optimal aufeinander abgestimmt. Ginge es nur um das Bearbeitungstempo, so wären noch erhebliche Reserven auszuschöpfen.¿ Eine Aussage, die auch dem technischen Leiter ein wissendes Lächeln entlockt. Schließlich weiß er ja, weshalb gerade diese Anlage hier ihren Dienst tut, doch eigentlich setzt er ganz andere Prioritäten: ,,Diese Anlage ersetzt vier automatische Sägestationen, die hier vorher standen. Sie erspart uns den Transport zu einer externen Entgratstation und zu einer externen Reinigungsanlage, die jetzt auch schon demontiert ist. Von der Durchlaufzeit her gesehen, sparen wir drei Tage Zeit, die Rüstzeiten gingen gegen Null. Sie stehen hier vor dem Herz der Produktion, das den Takt der nachfolgenden Arbeiten vorgibt.¿
¿ . . . und deshalb absolut zuverlässig arbeiten muß¿, so lautet mein Zusatz, der auf allgemeines Kopfnicken trifft. Es gibt nämlich im Betrieb keine Alternative zu dieser Anlage. Rings herum rackern Roboter, schweißen Automaten, arbeiten Menschen an anderen Maschinen oder montieren die vorgefertigten Teile ¿ alle und alles ist vom Nachschub abhängig. Eine große Verantwortung, die da RSA übernommen hat und kein leichter Job für den technischen Leiter, der nicht mehr auf die alte Produktionstechnik zurückgreifen kann. Immerhin läuft alles, je nach Arbeitsaufkommen, im Ein-, Zwei- oder sogar im Dreischichtbetrieb. Wenn es da beim ¿Nachschub¿ stocken würde, dann wäre das sofort die absolute Katastrophe! Die vergangenen sieben Monate Praxis bestätigen aber die Richtigkeit dieser Entscheidung, die Produktion kam niemals ernsthaft ins Stocken.
Im Vorfeld der Investitionsentscheidungen wurde natürlich alles gut durchdacht, alle Eventualitäten können nach Plan berücksichtigt werden. Der Service des Anlagenherstellers ist ausgefeilt, die Zusammenarbeit mit Spezialisten des Anwenders ist erprobt (schließlich wurde die Anlage gemeinsam aufgestellt und eingefahren) und der Notfall, wenn er denn auftritt, ist innerhalb kürzester Zeit behoben. Um diese Sicherheit wirklich immer zu gewährleisten, hat man sich besondere Vorgehensweisen einfallen lassen.
Der Ernstfall, der keiner wird
Sägeblattwechsel zum Nachschärfen, das ist (wenn auch in sehr großen Zeitabständen) Routine. Ebenso das Wechseln der Reinigungsflüssigkeit, die sich mit Schmutz, Spänen und Öl anreichert. Besondere Sicherheit und schnellsten Zugriff bei Störungen bietet der direkte Draht: Zwischen dem Schaltschrank der Anlage und dem PC des Servicetechnikers kann eine direkte Verbindung über das Telefonnetz aufgebaut werden. Der Service kann sich also direkt in die Anlagesteuerung eindocken und Störungen lokalisieren. Softwareungereimtheiten werden direkt bereinigt. Bei mechanischen Störungen gibt der Service dem Anlagenpersonal Tips zur Fehlersuche. So lassen sich mindestens 95 Prozent der Komplikationen innerhalb von Minuten beseitigen. Wenn sich die Störung auf diesem Wege nicht lokalisieren läßt, setzt sich der Service Richtung Anlage sofort in Bewegung ¿ und dann ist der Schaden schon eingegrenzt, so daß der Techniker gleich die eventuell benötigten Ersatzteile mitnimmt.
Auch Weiterentwicklungen der Steuerungssoftware werden der Anlage über diese Datenfernleitung ¿mitgeteilt¿. So ist die Steuerung immer auf dem neusten Stand. Solches Vorgehen bringt Vorteile für beide Seiten: Der Anlagenbetreiber kann die seltenen Stillstandszeiten auf ein Minimum begrenzen und der Anlagenhersteller hat keine unnötigen Servicefahrten (oder gar ¿Flüge) mehr zu verbuchen.
Weshalb diese Anlage?
Sicher eine berechtigte Frage, auf die meine Gesprächspartner auch keineswegs irritiert reagierten. Weiß doch jeder, daß es für die Einzelarbeitsgebiete Sägen, Entgraten und Reinigen Spezialunternehmen gibt. Weshalb also ein Gesamtsystem? Schäfer: ¿Uns fällt die Antwort leicht, wir hatten ja vorher genau solch eine Lösung. Sägeautomaten von zwei verschiedenen Herstellern, Entgratmaschinen von RSA, eine Reinigungsanlage von noch einem anderen Anbieter. Allein in diesem Teil der Fertigung vier verschiedene Serviceabteilungen und manchmal auch noch Spezialisten der Steuerungstechnik. Uns ist natürlich die Zusammenarbeit mit nur einem Partner, der sehr zuverlässig ist, lieber.¿
Auch Rainer Schmidt sieht nur Vorteile für sein Haus: ¿Beim Entgraten macht uns niemand etwas vor, auch die Verkettungseinrichtungen kommen aus unserer Konstruktion. In der Reinigungstechnik zählen wir seit Jahren zu den führenden Häusern. Wenn Sie nun bedenken, daß wir die Steuerungen selbst entwickelt haben und das Sägeaggregat ebenfalls eine Eigenentwicklung ist, so ist schnell einzusehen, daß unser Service wirklich kompetent ist. Und vor allem: Wenn man uns ruft, dann sind wir auch wirklich zuständig.¿ Was Schmidt damit meint, ist allen Praktikern sattsam bekannt: Eine Anlage steht still ¿ und irgendwer ruft den Service. Ist der dann vor Ort, so stellt sich heraus, daß der Fehler gar nicht dort liegt, wo er zuerst vermutet wurde. Vielleicht hat nur der Kompressor, der die Druckluft liefert, manchmal Aussetzer . . . ? Ganz andere sind zuständig. Ärgerlich für den unnütz angereisten Servicemann, ärgerlich für den Anlagenbetreiber, dessen Maschinen jetzt noch länger stillstehen. Nämlich bis zu dem Zeitpunkt, bis der Druckluft-Fachmann angereist ist und alles wieder ins Lot brachte.
Der Kunde ¿Großmarkt¿
Jeder Markt hat seine eigenen Gesetze. Supermärkte, Großmärkte, Baumärkte oder Einkaufsketten als Kunden zu haben, ist ein schwieriges Geschäft. Im Verkauf geht es ausschließlich um große Mengen, also auch um harte Preisverhandlungen. Und immer, wirklich immer, stehen absolut bindende Termine im Vordergrund: Stellen Sie sich mal eine Baumarkteröffnung vor, bei der die Einkaufswagen fehlen . . . Erschwerend kommt hinzu, daß es kaum möglich ist, auf Lager zu fertigen. Erstens ist die Modellvielfalt gewaltig, zweitens bindet ein zu großes Lager zu viel Kapital und drittens kann niemand vorhersagen, was als nächstes in welchen Stückzahlen geordert wird. Und wenn auch auf den ersten Blick alle Einkaufswagen gleich aussehen, so liegt das nur an unserem unzureichenden Wahrnehmungsvermögen: 155 oder 185 Liter Korbinhalt? Für zwei oder für drei Getränkekisten? Welche Tragfähigkeit? Mit Kindersitz oder ohne? Mit Kleinartikelschale? Mit Panoramagriff? Mit Stoßschutzecken? Mit Korbschutzecken? Welches Pfandschloß? Rolltreppengeeignet oder nicht? . . . und das sind die Möglichkeiten nur für ein Modell, unglaublich viele Varianten bietet das Gesamtprogramm.
Wenn also nicht auf Lager gefertigt wird, so muß die Produktion auf Kommando ¿Wunder¿ vollbringen können. Deshalb ist alles, was sich zu automatisieren lohnt, auch automatisiert. Fast alle Arbeiter können jede Maschine auf Zuruf bedienen. Schäfer: ¿Neue Anlagentechnik zieht bei uns nur dann ein, wenn sie so einfach zu bedienen ist, daß ungelernte Arbeitskräfte innerhalb von zehn Minuten sicher damit umgehen können. Wir machen es den Automatisierern nicht leicht, doch wir leben von der Flexibilität. Deshalb unsere hohe Fertigungstiefe, sogar mit eigener Pulverbeschichtungsanlage. Wir können uns nicht von Lohnbetrieben abhängig machen, die nicht (oder nicht auf Dauer) unsere Dynamik aushalten.¿
Natürlich bietet hohe Fertigungstiefe nicht nur Vorteile. So ist es kaum möglich, die gesamte Produktionskapazität immer vollständig auszulasten. Kein Wunder also, daß Siegel auch Lohnaufträge zusätzlich annimmt: Alle Zuschneide-, Biege- und Schweißarbeiten rund um den Stahldraht; Blechbearbeitungen aller Art; Pulverbeschichtungen und natürlich alles, was mit dem Zuschneiden, Entgraten und Reinigen von Stahlprofilen zu tun hat, schließlich steht in Jettingen eine erst wenige Monate alte, hochmoderne Anlage . . .
Dieter Capelle / Juni 1998








