Messtechnik

„Innovationen müssen Mehrwert generieren.“

Die Messtechnik-Branche hat viele Herausforderungen zu meistern. Themen wie neue Kommunikationstechnologien, Energieeffizienz oder Globalisierung bestimmen die Produktentwicklung. Christian Rützel, Abteilungsleiter Marketing Durchflussmesstechnik bei Endress + Hauser, verrät im Gespräch mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar, welche Rolle Innovationen in diesem Zusammenhang spielen.

SCOPE: Welche Trends sieht Endress+Hauser im Bereich Messgeräte + Lösungen für die Messtechnik?

Rützel: Es gibt in unserem Bereich zahlreiche Trends. Auf der einen Seite sind das Megatrends wie Energiemanagement bzw. -effizienz, Industrie 4.0 oder Globalisierung. Andererseits haben wir generelle Trends auf Technologieebene, die die Weiterentwicklung unserer Lösungen bestimmen. Zwei Beispiele dazu: In der Kommunikationstechnologie kommt Ethernet-Technologie immer stärker in die Feldebene. Beispiel zwei sind industriespezifische Entwicklungen, die oft durch gesetzliche Bestimmungen getrieben sind, in der chemischen Industrie etwa hat die Änderung in der Betriebssicherheitsverordnung eine Verlagerung der Verantwortung auf die Betreiberseite gebracht. Dadurch müssen Hersteller und Lieferanten mit den Geräten verschiedene Verantwortungen übernehmen wie für die Gerätesicherheit. In der Geräteentwicklung haben wir drei Haupttrends im Fokus: Einfachheit und Durchgängigkeit, maximale Effizienz im Anlagenprozess durch neue technologische Möglichkeiten in der Messtechnik wie durch die Zweileiter Coriolistechnologie und die Funktionale Sicherheit, insbesondere im Bereich Chemie, Hygiene-, Pharma- sowie Lebensmittelindustrie.

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SCOPE: Greifen wir einen dieser Haupttrends heraus. Können Sie näher erläutern wie sich durch neue technologische Möglichkeiten in der Messtechnik maximale Effizienz erzielen lässt?

Rützel: Das möchte ich gerne am Beispiel der Zweileiter Coriolistechnologie erläutern. Es gab am Markt schon verschiedene Gehversuche, bisher war sie aber nicht ausgereift und es gab zu viele Einschränkungen im Praxiseinsatz. Gerade Coriolis-Durchflussmessgeräte bestechen durch ihre Leistungsmerkmale. Bei der Durchflussmessung mit Coriolisgeräten hat man viele Probleme herkömmlicher Messgeräte nicht. Sie benötigen keine Einlaufstrecken, es ist unabhängig von Prozesseinflussgrößen wie der Beschaffenheit des Fluids, der Viskosität, sowie von der Prozess-Temperatur oder dem Druck. Einmal eingebaut, misst unser Promass mit hoher Praxisgenauigkeit besonders langzeitstabil. Und so soll Messtechnik heute sein. Möglichst unproblematisch in der Planung und im Einsatz. Genau an der Stelle entwickeln wir die Technologien kontinuierlich weiter und versuchen technologische Einschränkungen zu eliminieren. Das hat dazu geführt, dass heute ein Coriolis-Gerät auch in Zweileitertechnik zur Verfügung steht. Und das ohne Einschränkungen in der Performance. Mit unserem neuen Zweileiterkonzept für Durchfluss und Füllstand können Betreiber darüber hinaus erstmals komplett einheitlich instrumentieren. Das bedeutet gleiche Bedienung, gleiche Ersatzteile, gleiche Dokumentation und vieles mehr. Das senkt die Kosten und bringt Sicherheit. Die Einsparungen pro Messstelle für ein Coriolis in Zweileitertechnik im Vergleich zum Vierleitergerät werden von den Betreibern zwischen 600 und 1000 Euro beziffert. Ebenfalls eine durchschlagende Innovation der letzten zwei Jahre ist die Ultraschall Durchflussmessung von feuchtem Biogas mit dem Prosonic Flow B 200 mit integrierter Methangehalterfassung. Das Gerät löst gleich mehrere Problemstellungen bei dieser Anwendung mit denen sich alle bisherigen Technologien schwer getan haben. Feuchtigkeit, kleine Strömungsmengen, niedriger Gasdruck, all das hat bisher zu ungenügenden Messergebnissen geführt. Dieses messtechnische Problem kann man heute als gelöst betrachten. Und das sind genau die Innovationen mit denen Endress+Hauser zusätzlichen Nutzen generiert.

SCOPE: Welche Rolle spielt das Thema Sicherheit bei der Entwicklung Ihrer Produkte und Lösungen?

Rützel: Eine wichtige. Wir haben ja als dritten Haupttrend Sicherheit im Fokus. Das liegt auch daran, weil wir stark in der Chemie und Petrochemie vertreten sind, also in Branchen, die hohe Sicherheitsanforderungen haben. Daher haben wir bereits vor ca. acht Jahren mit der Entwicklung von SIL-Gerätetechnologien nach IEC 61508 begonnen. Die Geräte können ab der Vertriebsfreigabe in SIL-Schutzeinrichtungen eingesetzt werden. Das ermöglicht eine verkürzte Bertriebsbewährung von nur einem halben Jahr und benötigt keine Wiederholung der Typenprüfung bei Software Updates. Das sind Argumente warum die Großchemie solche Geräte favorisiert. In der chemischen Industrie etwa verlangen die Betreiber Anlagenlaufzeiten von 15 bis 20 Jahren. Das fordert uns als Hersteller, Konzepte anzubieten, die eine Geräteausrüstung und einen Anlagenbetrieb über diesen langen Zeitraum sicherstellen. Zudem definiert die NAMUR - der Interessenverband für die Prozessautomatisierung - kontinuierliche neue Anforderungen an die einzusetzende Messtechnik. Unsere Geräte-Konzepte zeichnen sich dadurch aus, dass auch neue Anforderungen in bestehende Konzepte einfließen und damit schnell verfügbar sind. Hierzu gehören Themen wie die einheitliche Geräte-Diagnose nach NE 107 oder die allgemeinen Anforderungen an NAMUR Standardgeräte nach NE 131 die allesamt in unseren heute bestehenden Produktlinien verfügbar sind. Dieses industrieoptimierte Gerätedesign kostet uns natürlich viel Kraft, bringt aber für die Anwender der jeweiligen Branche hohe Qualität und Sicherheit im Praxisbetrieb.

SCOPE: Endress+Hauser sieht sich als Komplettanbieter. Was verstehen Sie darunter?

Wir bieten heute das umfassendste Produktprogramm für die Feldinstrumentierung der Prozessindustrie. Zudem bieten wir Dienstleistungen, Life Cycle- und Automatisierungslösungen. Dies macht uns als Komplettanbieter attraktiv. Der Großteil der Komplexitätskosten fällt heute in der Feldinstrumentierung an. Qualifizierungen, unterschiedliche Prozesse und Abstimmung mit einer unterschiedlichen Firmen sind dabei die Ursache. Mit uns als Komplettanbieter und einem zuverlässigen Ansprechpartner, können unsere Kunden das für viele Technologien zusammenführen. Das reduziert die Komplexität, senkt damit die Kosten und erhöht die Sicherheit und Qualität in den Prozessen.

SCOPE: Als Komplettanbieter benötigt Endress+Hauser auch die entsprechenden Experten. Wie sind Sie diesbezüglich aufgestellt?

Rützel: Das ist ein wunder Punkt. Unsere Technologien sind so spezifisch geworden, dass wir für die Entwicklung über viele Jahre ausbilden müssen. Wir sorgen dafür, dass die im Unternehmen gesammelte Erfahrung auch abrufbar ist und bleibt. Wir brauchen Techniker, die breit aufgestellt sind, denn wir sprechen bei unseren Kunden mit Spezialisten für die Sicherheitstechnik, für das Kalibrieren oder für Automatisierung von Anlagen um nur mal einige zu nennen. Unsere Mitarbeiter beraten die Kunden dabei zum gesamten Leistungsangebot. Das ist heute nur noch mit einer klaren Industriefokussierung zu meistern. Wir arbeiten daher stark in externen und internen Netzwerken zusammen um den kontinuierlichen Know-How Transfer sicherzustellen. Glücklicherweise haben wir viele langjährige Mitarbeiter, die junge Kollegen neben dem Ausbildungsprogramm mit viel Kompetenz in Ihrem Lernprozess unterstützen. Um auch künftig ausreichend junge Leute für Endress+Hauser zu begeistern, arbeiten wir mit Hochschulen zusammen und bieten für Studenten gute Einstiegsmöglichkeiten mit Perspektiven.

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