Lean-Solutions-Strategie

„Wir haben die Nase vorn“

Burkhard Balz und Craig McDonnell sind schwer auf Draht. Ihr Unternehmen sehen sie als Technologieführer. Im Gespräch mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar verraten die Manager wieso Eaton die Nase vorn hat und das Kommunikations- und Verbindungssystem Smart Wire-DT den Schaltschrankbau revolutioniert.
Burkhard Balz: "Wir haben sehr effiziente Schaltgeräte mit einer sehr hohen Verfügbarkeit und Qualität zu einem guten Preis."

SCOPE: Eaton bezeichnet sich selbst als führender diversifizierter Energiemanagement-Experte. Können Sie erläutern, wie Ihr Unternehmen strukturiert ist?

McDonnell: Eaton hat zwei Hauptgeschäftsfelder. Zum einen ist das Eaton Electrical. Hier beschäftigen wir uns mit der Energieübertragung, der Energieversorgung, der Energieverteilung in Gebäuden und in Industrieanlagen sowie der Automatisierung von einzelnen Maschinen und Produktionslinien, etwa in der Industrieautomation. In diesem Geschäftsbereich haben wir 2012 rund 7,3 Milliarden US-Dollar Umsatz erwirtschaftet. Der zweite Sektor ist Eaton Industrial. Dieser Bereich ist wiederum in vier Hauptgeschäftsfelder aufgeteilt: Luftfahrt, Hydraulik, Truck und Automotive. Der Umsatz hier lag 2012 bei rund 8,6 Milliarden US-Dollar. In diesen beiden Geschäftsfeldern helfen wir unseren Kunden, Energie noch effektiver zu nutzen und zu managen. Hier richten wir uns an Kunden aus den Bereichen Bergbau, Maschinen- und Anlagenbau, Öl & Gas sowie alternative Energien.

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SCOPE: Welche Lösungen bieten Sie in diesen Bereichen an?

McDonnell: Fangen wir mit Electrical an. Hier haben wir zum einen Steuerungskomponenten für den Maschinen- und Anlagenbau. Das reicht von einfachen Motorschutzschaltern, Leistungsschutzschaltern oder Motorstartern über Steuerrelais und Frequenzumrichter bis hin zu SPS oder HMI/PLC. Alle diese Geräte verfügen über eine integrierte SmartWire-DT-Kommunikationsschnittstelle, mit der Eaton die konventionelle Verkabelung eliminiert. Auf der anderen Seite bieten wir in diesem Geschäftsfeld Energieverteilungsanlagen an - sowohl für Mittelspannung als auch für Niederspannung. Darüber hinaus bieten wir Lösungen für die Gebäude- beziehungsweise Fabriktechnik an. Ein Beispiel dafür ist das System Power-Expert, mit dem man in Gebäuden den Energiefluss messen und dementsprechend optimieren kann.

Balz: Bei Industrial sind es im Bereich Luftfahrt unter anderem die hydraulischen Systeme für Flugzeuge. So haben wir beispielsweise den Airbus A380 ausgerüstet und maßgeblich dazu beigetragen, das Flugzeug leichter zu machen. Zudem stellen wir Betankungssysteme, Elektronik, Sensoren sowie Inflightpanels für Flugzeuge her. In der Hydraulik liefern wir Steuerungssysteme für hydraulische Maschinen oder für Offshore-Bohrinseln, Stromversorgung, Filtration sowie für Hydraulikschläuche, Ventile und Zylinder. Im Segment Truck sind es hauptsächlich Getriebe für schwere Lkw. Das ist das Geschäft, aus dem wir vor 100 Jahren entstanden und in dem wir Marktführer in Amerika sind. Im Bereich Automotive schließlich sind es Ventile, Fluid-Anschlüsse, Kraftstoffleitungen, Antriebe und Drehmomentregelungen sowie Kompressoren. So basieren fortschrittliche Motoren großer europäischer Autohersteller auf einem Eaton-Kompressor.

SCOPE: Eaton setzt in der Region EMEA auf Wachstum durch Akquisition. Seit 2004 haben Sie Firmen wie Walterscheid, MGE, oder Moeller übernommen. Welchen Vorteil hat diese Strategie gegenüber dem so genannten organischen Wachstum?

McDonnell: Wachstum durch Akquisition führt schneller zum Ergebnis. Ob wir über Moeller, Micro Innovation oder Vickers reden, wir haben die Unternehmen gekauft, die in ihrem Segment Marktführer sind und ihren Schwerpunkt bei der effizienten Energieversorgung und im Energiemanagement haben. Wir haben das bestehende Produktportfolio dieser Firmen mit organischen Weiterentwicklungen ergänzt. Dazu gehören zum Beispiel SmartWire-DT, die 'Global Switchgear'-Plattform und USV-Lösungen. Letztlich basiert Eatons Wachstum auf einem Mix aus Zukäufen und organischem Wachstum.

SCOPE: Birgt der Zukauf von so vielen Firmen nicht auch Risiken, etwa bei der Integration unterschiedlicher Firmenkulturen?

Balz: Durch die vielen Akquisitionen sind wir sehr erfahren und gehen sehr strukturiert vor. So ein Integrationsprozess läuft in der Regel 12-24 Monate. Die vollständige Integration dauert allerdings schon ein paar Jahre, da man das Verhalten der Menschen langfristig anpassen muss. Zudem muss man bei einer Akquisition auch die Kunden berücksichtigen und versuchen, etwaige Vorbehalte zu entkräften. Es gilt auch, klar zu machen, dass die Übernahme für den Kunden nur Vorteile hat. Nehmen Sie zum Beispiel die Akquisition von Moeller: Die Produktportfolios von Eaton und Moeller überlappen sich nicht, sondern ergänzen sich. Kunden haben nun den Vorteil eines erweiterten Angebots aus einer Hand. Für große Maschinenhersteller und Industriekunden, die global agieren, stellt das ohnehin kein Problem dar.

SCOPE: Eaton beliefert Kunden in mehr als 175 Ländern und erzielte 2012 Umsätze von 16,3 Milliarden US-Dollar und beschäftigt 103.000 Mitarbeiter. Das ist Ihnen aber nicht genug, Sie wollen weiterhin in allen Bereichen wachsen. Wie sehen Ihre Pläne in den nächsten fünf Jahren aus?

Balz: Wir planen nicht nur, wir setzen um. So haben wir gerade Cooper Industries übernommen, ein global agierendes Unternehmen mit Hauptsitz in Irland und einem Umsatz von etwa 5,4 Milliarden Dollar und 26.000 Mitarbeitern. Zudem sind wir gerade dabei, unsere Innovationen in Ländern wie der Türkei, Russland, China und Nordamerika weiter auszubauen. Unter anderem werden wir die SmartWire-DT-Technologie weiter ausbauen und sie zu einem Standard machen. Dazu arbeiten wir auch mit anderen Unternehmen in der Branche zusammen, die dann ebenfalls die SmartWire-DT-Anbindung im Portfolio haben.

SCOPE: Sie bezeichnen sich selbst als Technologieführer in Produkten, Systemen und Services. Wenn man bedenkt, welche Wettbewerber Eaton hat, ist das ein ambitioniertes Statement. Erklären Sie bitte, warum Sie glauben, die Nase vorn haben...

Balz: Um unseren Anspruch zu verdeutlichen, greife ich mal den Bereich Schaltgeräte heraus. Wir haben sehr effiziente Schaltgeräte mit einer sehr hohen Verfügbarkeit und Qualität zu einem sehr guten Preis. Hinzu kommt unser Verdrahtungssystem SmartWire-DT, das uns hier in eine führende Position bringt. Andere Unternehmen haben auch gute Produkte und gute Preise, aber nicht dieses umfassende Gesamtkonzept. Ein anderes Beispiel ist die HMI/PLC-Lösung, bei der es sich um ein innovatives Produkt handelt. Wir integrieren die Steuerung mit auf unserer HMI und erzielen dadurch einen Wettbewerbsvorteil - durch kostengünstige Qualität und weltweite Verfügbarkeit. Ein weiterer Beleg für unsere Technologieführerschaft ist der Supercharger für die Automobilindustrie, mit dem wir einen sehr hohen Marktanteil erzielen. Die Innovationskraft überzeugt auch die Kunden: So ist Eaton beispielsweise Hauptausrüster von Boeing und Airbus für Fluid-Systeme im Flugzeug. Und auch bei USV-Anlagen sind wir Marktführer, weil der hohe Wirkungsgrad verbunden mit geringen Verlusten unsere Geräte effizienter machen.

SCOPE: Lassen Sie uns auf Ihr Elektrotechnik-Geschäft fokussieren. Sie bezeichnen Ihren Ansatz als "Lean Solution". Können Sie erklären, was sich dahinter verbirgt?

McDonnell: Unser Ziel ist es, den Maschinenherstellern dabei zu helfen, Abfall und Verschwendung in jeglicher Hinsicht zu vermeiden. Hierfür haben wir eine Strategie entwickelt. Im Kern geht es darum, den Aufwand für den Aufbau von Schaltschränken beim Nutzer stark zu reduzieren und dabei weniger Komponenten zu nutzen, sodass die Fehleranfälligkeit sinkt. Die Lean-Solution-Strategie umfasst drei Themen: Lean Connectivity, Lean Automation und Lean Power. Lean Connectivity eliminiert die fehleranfällige Punkt-zu-Punkt-Verdrahtung in Schaltschrank und Peripherie und ersetzt sie durch die grüne, standardisierte SmartWire-DT-Leitung. So können wir 99 Teilnehmer über eine Entfernung von bis zu 600 Metern verbinden. Lean Automation steht für dezentrale Intelligenz - dadurch wird die herkömmliche SPS überflüssig. Mit SmartWire-DT werden die bisher verwendeten I/Os nicht mehr benötigt, während unsere intelligenten HMIs die bisher von der SPS ausgeführten Steuerungsfunktionen übernehmen. Lean-Power zielt schließlich auf die Daten-Transparenz ab, von der Steuerung bis zum Aktor und Sensor. So liegen unter anderem alle Informationen zum Strom- und Energieverbrauch der gesamten Maschine sowie der einzelnen Aktoren vor. Mit diesen Informationen lassen sich bei Anlagen und Maschinen Energieverbräuche optimieren, Diagnosen durchführen, Abläufe optimieren und die Verfügbarkeit der Maschinen erhöhen.

SCOPE: Stichwort dezentrale Intelligenz. Welche Vorteile hat sie gegenüber der zentralen Steuerung von Maschinen und Anlagen?

Balz: Nehmen wir an, Sie wollen die Verfahrbewegungen eines Hydraulikzylinders steuern. Dafür braucht man kein hochleistungsfähiges Netzwerk darüber, sondern wir sind in der Lage, dies direkt am Zylinder oder am hydraulischen Motor zu regeln - dezentral eben. Ermöglicht wird auch das wieder durch unser SmartWire-DT-Konzept, da sich dadurch die Verdrahtung auf ein Minimum reduziert. Bei einer zentralen Steuerung entsteht schnell eine sehr komplexe Architektur. Deshalb setzen viele Hersteller, etwa von Antriebssystemen, auf dezentrale Intelligenz. Ein Beispiel: in einer komplexen Produktionsmaschine kommen 160 Servoantriebe zum Einsatz. Durch die hohe Zahl der zu koordinierenden Antriebe wird eine zentrale Steuerung enorm komplex. Das ist schon eine große Herausforderung für die Ingenieure. Daher steuern Hersteller mithilfe unserer Technologie Antriebe nun dezentral - direkt am Servomotor. Die zentrale Datentransparenz über die einzelnen Teilnehmer im System bleibt dabei erhalten und lässt sich sogar noch erhöhen.

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