Kupplungstechnik
„Wir machen Maßanzüge für unsere Kunden.“
SCOPE: Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Mittelstandsindustrie in Deutschland – und speziell in NRW?
Gerstner: Die wirtschaftliche Situation der mittelständischen Unternehmen zeigt derzeit ein heterogenes Bild. Einerseits sind die meisten Firmen – das zeigt auch meine Arbeit als Vorstand im Verband Münsterländischer Metallindustrieller – sehr positiv eingestellt. Andererseits gibt es Branchen, die beachtliche Probleme haben. Wir gehen davon aus, dass wir die von den Agenturen prognostizierten Wachstumszahlen mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen werden. Der Grund dafür liegt in der Stabilisierung des Euro und der Krisenländer. Das führt dazu, dass wieder Projekte angepackt werden. Investoren sind wieder bereit, Geld in neue Anlagen und Konzepte zu investieren, was wiederum zu Aufträgen führt. Andererseits trüben sich die positiven Aussichten durch die aktuelle Energiepolitik wieder etwas ein. Sicher muss etwas gegen die enorm hohen Energiepreise getan werden, aber die Förderung regenerativer Energien einzuschränken, bremst neue Investitionen in diesem Sektor. Und das ist Gift für den Wachstumsmotor regenerative Energie. Die Energiewende ist das beste Konjunkturprogramm für Deutschland, denn unser Maschinen- und Anlagenbau hat das Zeug, sie erfolgreich umzusetzen. Insgesamt ist die aktuelle Situation aber positiv zu bewerten.
SCOPE: Welche Ziele hat KTR vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Umfelds für die nächsten fünf Jahre?
Gerstner: KTR hat vor eineinhalb Jahren das Projekt KTR 400 gestartet, dessen Ziel es ist, bis 2016/2017 den Umsatz von rund 200 auf 400 Millionen zu verdoppeln. Dieses Ziel wollen wir durch organisches Wachstum erreichen. Wir hatten 2008 das beste Jahr in unsere Geschichte, 2009 kam die Krise. Und dann haben wir erfreulicherweise 2010 das Ergebnis von 2008 noch einmal getoppt. Das hat den Ausschlag gegeben für ein ehrgeiziges Wachstumsprogramm. Dafür waren aber bestimmte Voraussetzungen notwendig, denn wir hatten an vielen Punkten das Limit erreicht: etwa bei der Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter oder bei den Kapazitäten in unseren Produktionsbetrieben. Um das Wachstumspotenzial ausschöpfen zu können, haben sich der Beirat gemeinsam mit den Gesellschaftern und der Geschäftsführung entschlossen, eine „Plattform“ für unsere Wachstumsoffensive zu schaffen. Und diese Plattform bauen wir zurzeit auf. Wir sind dabei, Mitarbeiter zu rekrutieren und die Infrastruktur aufzubauen. Wir reden bei KTR 400 von einem Investitionsvolumen in Höhe von etwa 37 Millionen Euro weltweit. Das ist schon ein Schluck aus der Pulle für ein Unternehmen wie KTR. Ohne diese Investitionen könnten wir aber unser sportliches Wachstumsziel nicht erreichen.
SCOPE: Welche Rolle spielt das Produktprogramm bei diesen Zielen?
Gerstner: Natürlich eine sehr große Rolle. In den letzten zwei Jahren haben wir viele neue Produkte auf den Markt gebracht. Dazu kam mit dem Thema Bremsen ein neuer Geschäftszweig. KTR Kupplungstechnik hatte Bremssysteme bisher nicht auf dem Radarschirm, auch wenn wir sie für bestimmte Anwendungen wie etwa Windkraftanlagen im Mitvertrieb zusammen mit Kupplungen verkauft haben. Dadurch haben wir viel gelernt über Bremsen und nun bieten wir unseren Kunden zunehmend Paketlösungen an – die diese auch nachfragen. Kunden haben dadurch einen Lieferanten, der neben der Kupplung auch die Bremsen, Kühlsysteme und die Schmiersysteme mitliefert. Letztendlich entwickelt sich KTR so vom Komponenten- zum Subsystemlieferanten.
SCOPE: Wo legt KTR den Schwerpunkt im Produktportfolio?
Gerstner: Unser Kerngeschäft sind und bleiben Kupplungen. Das ist auch der Bereich aus dem wir unser Wachstum finanzieren. Also was tun wir da in der Richtung? Wir erweitern daher unser Produktprogramm massiv nach oben, zu höheren Leistungen, zu höheren Drehzahlen. Mit unserer High-Performance-Kupplung etwa realisieren wir Umfangsgeschwindigkeiten von 200 m/s. Und bei den Drehmomenten erreichen wir heute bis zu einer Million Newtonmeter. Außerdem arbeiten wir an vielen Innovationen. So bringen wir Intelligenz in die Kupplung, indem wir sie mit Sensoren bestücken. Denn die Kupplung verbindet immer eine Kraft- und eine Arbeitsmaschine und ist daher prädestiniert, Informationen über den Zustand eines Wellenstrangs zu liefern. Letztendlich lassen sich so ungeplante Stillstände vermeiden. Eine weitere ganz wichtige Voraussetzung für den Kupplungsbau ist die Werkstofftechnologie. Wir arbeiten hier sehr intensiv an neuen Werkstoffen, etwa an Verbundwerkstoffen, oder beschäftigen uns mit Materialien wie Karbon.
SCOPE: Wie wichtig ist kundenspezifische Entwicklung für KTR?
Gerstner: Sehr wichtig. Salopp ausgedrückt machen wir Maßanzüge für unsere Kunden. Basis ist unsere Standard-Produktplattform; durch intelligentes Zusammenfügen entsteht dann der Maßanzug, das kundenspezifische Produkt. Unsere Hochleistungskupplungen für Kompressor-, Turbinen- oder Pumpenanlagen konzipieren wir direkt mit dem Kunden speziell für ihn. Wir haben dafür eigens ein Team zur Abwicklung von kundenspezifischen Leistungen zusammengestellt. Diese Mannschaft betrachtet das jeweilige Kundenprojekt ganzheitlich - von der Angebotslegung über die Konstruktion und Zeichnungserstellung bis hin zur Fertigungsbetreuung. Unser Angebot ist ganz speziell zugeschnitten auf das, was der Kunde haben möchte. Obendrein erfahren wir mehr über den gesamten Antrieb, und das ist wichtig, wenn wir neue Produkte für spezielle Märkte mit den jeweiligen Anforderungen entwickeln.








