Kunststoff-Gleitlager
"Eine Frage des Einsatzzweckes“
Igus ist zwar nicht der Erfinder des Kunststoff-Gleitlagers, doch mit dem vor 30 Jahren entwickelten Polymerwerkstoff Iglidur gelang es dem Unternehmen, den Trend zum modernen Polymergleitlager massgeblich zu beeinflussen. Das Kölner Unternehmen bietet heute das weltweit größte Programm an tribo-optimierten Kunststoff-Gleit-, Gelenk- und Linearlagern, wie Gerhard Baus, Prokurist Kunststoff-Gleitlager bei Igus, SCOPE- Chefredakteur Hajo Stotz erklärt.
SCOPE: Den ersten Kontakt mit Kunststoffgleitlagern hatte ich 1978: mein Motorrad japanischer Herkunft legte ein kaum noch zu beherrschendes Fahrverhalten an den Tag, das Kunststoffgleitlager der Hinterradschwinge war verschlissen. Nach dem Einbau von Nadellagern war da Ruhe, und Kunststoffgleitlager haben seither einen gewissen Ruf bei mir. Aber wie gesagt, das ist 35 Jahre her - können Sie mich da auf den aktuellen Stand bringen?
Baus: Die wesentliche Voraussetzung für den Einsatz eines Lagers - und das gilt für jedes Lager, nicht nur für Kunststoffe - es muss erst mal richtig ausgewählt sein. Das ist die grundlegende Voraussetzung für den richtigen Einsatz und die lange Lebensdauer. Und das ist auch der Aspekt, an dem wir in den letzten Jahren sehr hart gearbeitet haben, und an dem wir im Moment auch weltweit führend sind. Mit dem Lebensdauer-Berechnungsprogrammm, das wir online zur Verfügung stellen, bieten wir unseren Kunden eine einzigartige Möglichkeit, die Lebensdauer der von ihnen gewählten Gleitlagers präzise vorhersagen zu können. Wenn es Iglidur und das Internet in Ihrem Fall schon gegeben hätte, dann hätten Sie keine negativen Erfahrungen mit Kunststoffgleitlagern gemacht. Denn das Programm hätte sofort festgestellt, dass das Lager die Belastungen auf Dauer nicht aufnehmen kann, und der Motorradhersteller hätte eine andere Dimension, einen anderen Kunststoff gewählt, mit dem das Lager nicht ein Jahr, sondern zehn Jahre hält.
SCOPE: Wenn Sie aber feststellen, dass das Kunststoffgleitlager nicht geeignet ist - raten Sie den Interessenten dann auch ab?
Baus: Wir beugen der Verwendung von Kunststoffgleitlagern für nicht geeignete Anwendungen vor so gut wir können. Wir haben einen Ruf zu verlieren. Umgekehrt sagen wir den Interessenten natürlich viel lieber, in welchen Fällen ein Kunststoffgleitlager gut funktioniert. Das zeigen wir auch mit Anwendungsbeispielen, das zeigen wir auch mit dem Manus-Wettbewerb, in dem immer wieder ganz neue Anwendungsfelder aufgezeigt werden.
SCOPE: Die Kunststoffe haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt?
Baus: Ganz klar. Heute ist die Lebensdauer der Kunststofflager durch neue Compoundmethoden, neue Materialien und neue Mischungen ein Vielfaches höher als noch vor einigen Jahren. Wir haben heute in unserem Iglidur-Programm ganz unterschiedliche Werkstoffe, je nachdem für welche Anwendung das Lager vorgesehen ist. Und da halten einige deutlich länger als andere ¿ aber das ist immer eine Frage des Einsatzzweckes.
SCOPE: Das heißt, der Einsatzbereich der Kunststoff-Gleitlager wird breiter?
Baus: Das Fenster, in dem wir Kunststoff-Gleitlager anwenden, wird immer mehr erweitert. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist das Iglidur Q2-Lager, das eine ganz besondere Druckfestigkeit aufweist. Das erreichen wir durch ein besonderes Verfahren, wir nennen es kammern. Mit dieser speziellen Konstruktion und diesen speziellen Werkstoffen ist es möglich, dass man eben ein Lager bei 150 MPa noch einsetzen kann. Das ging bisher nicht. Und damit ist das Anwendungsfenster deutlich grösser geworden.
SCOPE: Woraus setzt sich so ein Hochleistungs-Gleitlager zusammen?
Baus: Alle Iglidur-Hochleistungskunststoffe folgen dem gleichen Aufbau. Die Basis bildet ein thermoplastisches Matrixmaterial. Der Zusatz von Verstärkungsfasern erhöht die Druckfestigkeit. Integrierte Festschmierstoffe schmieren die Lager selbständig und vermindern die Reibung. Aufgrund der integrierten Festschmierstoffe verzichten unsere Gleitlager vollkommen auf zusätzliche Schmierung beim Einbau oder Betrieb. Die Festschmierstoffe sind als mikroskopisch kleine Partikel millionenfach in winzigen Kammern im Matrixmaterial eingebettet und werden von dort in sehr geringen Mengen abgegeben. Alle Gleitlager-Komponenten sind nicht schichtweise aufgetragen, sondern homogen miteinander vermischt. Daraus resultiert ein sehr gutes Verschleißverhalten bei allen Bewegungsarten.
SCOPE: Können Sie so ein Lager zu bestimmten Eigenschaften hinentwickeln?
Baus: Das funktioniert, ja. Teilweise durch verschiedene Fasern, teilweise durch Mischungen verschiedener Materialien. Für sich genommen, haben diese Fasern und Materialien bestimmte Eigenschaften. Wenn wir das dann geschickt mischen, lassen sich gewünschte Eigenschaften kombinieren.
SCOPE: Sie haben gerade zum 30jährigen Jubiläum des Iglidur-Werkstoffes, einen mit Kunststoffgleitlagern umgerüsteten Smart auf eine mehrmonatige Welttour geschickt. Welche Bedeutung spielt die Autobranche als Markt?
Baus: Beinahe jedes zweite Gleitlager liefern wir in die Autobranche. Es gibt bereits sehr viele Gleitlageranwendungen in Autos. Wenn wir alle Lagerstellen von Anwendungen zusammenzählen bei den verschiedenen Autoherstellern, die wir beliefern, kommen wir auf über 200. Natürlich haben wir die nicht alle geballt an einem Auto. Aber mit dem Smart zeigen wir, welche Einsatzmöglichkeiten sich in einem Auto anbieten. In jedem Auto stecken noch unglaubliche Möglichkeiten, wo Kunststoffgleitlager eingesetzt werden könnten.
SCOPE: Die Anwendungen finden aber bisher nicht motor- oder getriebenah statt?
Baus: Nein - bisher zumindest noch nicht so oft. Viele Autohersteller sind da etwas konservativ. Von der Funktionalität und der Standfestigkeit her bin ich überzeugt, dass wesentlich mehr Kunststoffgleitlager auch motor- und getriebenah oder sogar direkt im Motor oder Getriebe eingesetzt werden könnten. In wenigen Fällen gibt es sogar Lager im Getriebe in der Serie. Aber da zögern die meisten Autohersteller noch. Jedoch, das Interesse wächst. Da spielt uns natürlich auch das Thema Energiesparen und Leichtbau in die Hände.









