Wirtschaft + Unternehmen

Keine Panik

Es gäbe bestimmt viele Bauherren, die den Brandschutz in die Warteschleife bis zum Sankt Nimmerleinstag schöben ¿ wenn sie nur dürften. Er verteuert jeden Bau, mehr als ihnen lieb ist, ohne sich jemals zu amortisieren. Jedenfalls hoffen das alle, da sie dankend auf ein Testfeuer verzichten. Doch sinnvolle Brandschutzkonzepte, die unterschiedliche Rettungsleitsysteme nutzen, helfen Leben retten und senken Unfallzahlen ¿ nicht nur im Brandfall. Denn damit tappen Mitarbeiter und Chefs auch beim etwas häufiger vorkommenden Stromausfall nicht gänzlich im Dunkeln.

¿Brandschutz ¿ ein Thema fürs Management!?¿ Armin A., Mitinhaber eines Architekturbüros, das überwiegend Industriebauten plant, lacht herzlich. ¿Das ist eher ein ungeliebtes Thema und kostenträchtig noch dazu.¿ Sicher, Brandschutzmaßnahmen schlucken eine Menge Geld, ohne jemals ¿ so hofft jeder ¿ in Aktion zu treten. Denn wer (außer den Nuklearwissenschaftlern in Frankreich) möchte in seinem Unternehmen realitätsnah testen, wie gut sie funktionieren? Zudem stören reflektierende Fluchtweghinweise, rotleuchtende Feuerlöscher oder Feuermelder die wohldurchdachte Wirkung jeder moderneren Architektur. Es spricht eben einiges dafür, das lästige ¿Kind¿ möglichst preisgünstig abzufertigen, wenn man es schon nicht vernachlässigen darf.


Rund um die Uhr
Nichtsnutz, Kostenschlucker, Optikkiller? In Köln beim Deutschlandradio bewertet man den Brandschutz etwas anders. ¿Deutschlandfunk. Es ist acht Uhr, die Nachrichten.¿ ¿Deutschlandfunk. Es ist null Uhr, die Nachrichten.¿ 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr senden die Kölner (mit ¿Zweigniederlassung¿ in Berlin) Nachrichten, Hintergrundberichte, Features, Reportagen und (nachts) Musik über den Äther. Bundesweit und werbefrei, wie die Marketingprofis des Senders voll Stolz erklären. Längere Pausen? Gibt es nicht! Jede Minute, jede Sekunde herrscht im Funkhaus Sendebetrieb: möglichst störungsfrei.

24 Stockwerke ragt das 1978 vom Deutschlandfunk in Betrieb genommene Gebäude in den Himmel der Stadt am Rhein. Weitere drei Etagen verbergen sich unter der Erde. Dort ¿schuftet¿ die Technik, sorgt für wohltemperierte Räume und unterbrechungsfreie Stromversorgung. Vom Keller bis unters Dach steigen Kabelstränge von Geschoß zu Geschoß, mehrere Tonnen Kabel werden in Kabelbrücken an den Wänden längsgeführt, liegen gebündelt unter den Bodenplatten in den Senderäumen und Fluren. Entsprechend hoch ist die Brandlast ¿ entsprechend aufwendig die Brandschutzmaßnahmen des Rundfunksenders.

18 der oberirdischen Etagen beherbergen Sendestudios, ein immenses Tonarchiv und die Büros der rund 350 Beschäftigten ¿ Verwaltung, Technischer Dienst und Redaktionen. ¿In jedem Büro haben wir einen Lautsprecher installiert, der die Mitarbeiter im Brandfall direkt warnt. Nur in den Studios benutzen wir ein optisches Signal¿, läßt mich Reinhard Deuscher wissen. ¿Jeden Vormittag um elf Uhr tönt ein Gong als Testalarm.¿ Der studierte Elektrotechniker hat seit 1988 bei der Sendeanstalt eine Doppelrolle inne: Neben seiner Arbeit als Referent Technische Direktion/ Grundsatzplanung fungiert er als Sicherheitsingenieur, was den Brandschutz einschließt.

Bei unserem Rundgang zeigt er immer wieder auf abgeschottete Kabelkanäle, Rauchmelder, Feuerlöscher, auf Brandschutz- und Rauchschutzklappen. Allein 800 Brandschutzklappen und 1000 Feuermelder befinden sich in Hab-Acht-Stellung. In einem extra Raum ist die Brandmeldzentrale untergebracht: Ein mannhoher Schrank vollgestopft mit Elektronik. Rot eingerahmt prangt ein Hinweis auf dessen Front: ¿Achtung! Automatische Brandmelder lösen zwischen 6.00 und 19.00 Uhr keinen Externalarm zur Feuerwehr aus.¿ Und wer alarmiert in dieser Zeit? Deuscher beruhigt mich: ¿Beim Pförtner laufen alle Meldungen zusammen.¿ Der weiß sofort, was zu tun ist, denn auf einem Display (oder wenn der Strom fehlt auf vorbereiteten Papieren) sieht er welche Maßnahmen er ergreifen muß.


Licht für die Mitarbeiter
Daß alle Mitarbeiter im Falle des Falles möglichst schnell und sicher nach draußen gelangen, dafür haben die Kölner sehr aufwendig gesorgt. Notbeleuchtung und Rettungswegepläne in Fluren und Treppenhäusern, Fluchtweg-Kennzeichnungen an und über Türen sowie an den Wänden, im Brandfall automatisch schließende Stahltüren und nach unten fahrende Aufzüge, zwei gegenläufige Treppenhäuser, die sich unter Druck setzen lassen, Entrauchungsfenster: Es scheint nichts zu fehlen.

In den Tiefgeschossen, wo regelmäßig zehn Mitarbeiter der Rundfunkanstalt mit Wartungs- und Instandhaltungsaufgaben betraut sind, kommt noch ein weiteres Rettungsleitsystem hinzu. Kleine gelbe Pfeile ziehen eine Linie auf dem Bodenbelag. Jeder noch so schmale Gang ist mit ihnen versehen. Selbst bei starker Rauchentwicklung, die schnell die oben angebrachten Hinweise verdeckt, weisen die über lange Zeit hinweg nachleuchtenden Pfeile den Weg an die frische Luft. Engpässe und Stolperfallen leuchten ebenfalls in gelblich-grün, so daß niemand befürchten muß, sich im Dunkeln zu verletzen.
Eine hellgelbe, lichtspeichernde Folie rückt sogar den Feuerlöscher ins rechte Licht. Artur Brenig, der beim Nachbarn, der Deutschen Welle, den Fachbereich Haustechnik-Zentralanlagen leitet und uns auf dem Rundgang begleitet, weiß warum. ¿So findet man den auf jeden Fall, ohne lange zu suchen.¿ Das stimmt, der Dunkeltest beweist es. Den hellen Fleck kann man einfach nicht übersehen.

Auf die Möglichkeit, außer den üblichen Hinweistafeln gerade in den eher unübersichtlichen Maschinen- und Versorgungsräumen ein nachleuchtendes Rettungsleitsystem zu ¿installieren¿, hatte ein Ingenieurbüro hingewiesen. Im Rahmen der Überarbeitung des Brandschutzkonzeptes des Senders war es beauftragt, das Rettungswegesystem zu planen und anschließend die Kennzeichnung auszuführen. Für die nachleuchtenden Materialien hatte es einen Anbieter zur Hand, der mit weltweiten Referenzen aufwarten kann. Unter anderem markieren die Lichtspender von Permalight im World Trade Center, in Hochhäusern, Hotels, Krankenhäusern und Museen in den USA, Kanada und Hongkong, aber auch bei Blohm & Voss und bei Daimler Benz den Weg.


Es darf mehr werden . . .
Beim Deutschlandfunk ist erst der Anfang gemacht. ¿Wir planen, auf jeden Fall noch einige Räume mehr mit so einem Rettungsleitsystem auszustatten¿, bestätigt Deuscher. Jedoch nur da, wo nicht bloß Schummerlicht den Raum notdürftig erhellt. In dem Fall bringen selbst die besten nachleuchtenden Materialien keine Leuchtkraft auf die Beine: Ohne starke Lichtquelle, bleiben sie und der Raum dunkel.

Bisher investierte der Sender in Köln rund 120 Tausend Mark für die Markierung. In Berlin kam ungefähr der gleiche Betrag zusammen. Bevor sich die Handwerker ein weiteres Mal dranmachen dürfen, neue Pfeile auf dem Boden zu plazieren, stehen andere Arbeiten an. Die Kellerböden brauchen eine neue ¿Decke¿. An manchen Stellen platzt der alte Belag schon ab. Kommt dann der Reinigungstrupp noch mit einem Hochdruckreiniger, so gibt es für Belag und Markierung kein Halten. Sie verschwinden im Irgendwo. Deshalb: Bevor der neue, bessere Belag den Boden nicht bedeckt, gibt es keine Leuchtpfeile.

Deuscher hält übrigens nicht die lange Leuchtdauer für den eigentlich entscheidenden Punkt bei nachleuchtenden Materialien. Viel mehr zählt für ihn deren Bodenhaftung und die Haltbarkeit. ¿Bei uns sind die markierten Wege verhältnismäßig stark frequentiert. Da zeigt sich sehr schnell, ob die Abriebfestigkeit der Kennzeichnung ausreicht.¿

Sie reicht, daran besteht kein Zweifel. In den letzten drei Jahren brachten sie weder Hochdruckreiniger noch schwere Karren zum erliegen. Wäre da nicht der schadhafte Bodenbelag, gäbe es nichts auszubessern.


. . . aber nicht überall
Eine Frage noch an den Sicherheitsingenieur: Sollten solche Folien nicht auch in den Fluren der oberen Etagen im Dunkeln den Fluchtweg markieren? Daran ist nicht gedacht, denn die Notbeleuchtung sorgt dort für genügend Licht. Damit sie und andere empfindliche Anlagen nicht ausfallen, stehen im Keller immerhin zwei ¿zierliche¿ grellorange Schränke, die mit USV 160 beschriftet sind. 160 Kilowatt, und das zweimal! Das reicht fürs Erste. Und da nach ungefähr 15 Sekunden zwei immense Schiffsdiesel Strom in die Leitungen pumpen, bleibt das Notlicht an. Es sei den, die Kabel gäben ihren Geist auf. Daran möchte man beim Deutschlandfunk lieber nicht denken (und hat selbstverständlich vorgesorgt). Denn dann herrscht Funk- stille und zwar länger.

Claudia Treffert / Februar 1998

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