Sonderkabel
Wenn die Standardleitung nicht ausreicht
Leitungen bietet Lapp für unzählige Anwendungsfälle – aber nicht für alle. Ab und zu kommt es vor, dass die Entwickler eine Standardleitung abändern oder eine Sonderleitung entwickeln müssen. Dafür können sie an zahlreichen Stellschrauben drehen.
Im Lapp-Katalog sind über 40.000 Artikel gelistet, vorwiegend Leitungen, die elektrische Energie, Schaltsignale oder Daten übertragen. Doch manchmal stößt selbst das riesige Angebot an seine Grenzen und Kunden finden für ihre speziellen Anwendungsfälle nicht das passende Produkt mit den notwendigen technischen Eigenschaften. Oder die Eigenschaften passen, aber der Leitung fehlt eine Zertifizierung für die Region oder die Branche, in die der Kunde liefern möchte.
In solchen Fällen hilft das Produktmanagement von Lapp. Es evaluiert Produktideen von Kunden oder die Anforderungen des Marktes oder der Branche und erarbeitet daraus eine Produktanforderung. Sie legt unter anderem den Aufbau und vor allem die Funktionalität der Leitung fest. Die Ingenieure von Lapp greifen dabei auf ihre Erfahrung aus mehr als sechs Jahrzehnten Kabeldesign und tausenden Kundenprojekten zurück, aber auch auf Informationen aus diversen Datenbanken zu Materialien und Normen. Dann folgt die Risikobewertung, die festlegt, innerhalb welcher Parameter sich das Produkt sicher betreiben lässt. Anschließend werden Produktmuster gefertigt, geprüft und eine mögliche Produktzertifizierung durchgeführt. Dann erfolgt die Freigabe für die Fertigung. Das dauert in der Regel sechs Monate, manchmal aber auch deutlich länger, wenn das Produktentwicklungsteam technisches Neuland betreten muss oder umfangreiche Tests und Zertifizierungen notwendig sind.
Neudesign, wenn die Zertifizierung fehlt
In rund der Hälfte aller Anfragen sind variierende Normen und Standards der Anlass, ein neues Kabeldesign zu entwickeln. Weltweit oder kontinental gültige Standards wie IEC-, EN- und UL-Standards werden meist abgedeckt, darüber hinaus gibt es aber spezielle Vorgaben, die nur in einem Land beziehungsweise Markt gelten. Ein Beispiel: Indien hat für Photovoltaik-Leitungen einen eigenen Standard, der zwar auf IEC basiert, jedoch ein paar Besonderheiten aufweist. Er schreibt eine andere Bedruckung vor sowie besondere Prüfungen vor. Ein weiteres Beispiel: Im Industrieumfeld sind Produkte durch Industriestandards zu neuen Technologien definiert. Das betrifft häufig Servo- und Motorleitungen, aber auch Ethernet-Technologie etwa mit Lösungen für Single Pair Ethernet. Ein Vorteil ist, dass Lapp weltweit Fertigungsstätten unterhält und somit nah an den Kunden und Märkten ist. Spezielle Leitungen werden dort gefertigt, wo sie gebraucht werden, das vermeidet lange Lieferzeiten und ist ökologisch und ökonomisch nachhaltiger.
Doch wie behält man angesichts der Vielzahl an Normen und Standards den Überblick? Dafür hat Lapp in Stuttgart eigens eine Normenstelle eingerichtet, die sich um die weltweit relevanten Normen, Standards und Spezifikationen kümmert und die eine umfangreiche Datenbank mit allen Anforderungen pflegt. Gleichzeitig arbeitet Lapp weltweit in Normungsgremien mit, um praxistaugliche Lösungen zu fördern. Dort wird die Erfahrung sehr geschätzt. "Nicht alles ist normativ beschrieben, wir haben gewisse Freiheiten, die wir beim Kabeldesign auch im Sinne des Kunden nutzen", sagt Alexander Terpe, Leiter Produktentwicklung Kabel. Dabei nimmt das Team immer eine Risikobewertung vor – "denn jedes Produkt muss sicher sein", sagt Terpe.
Kompromisse für die Anwendung finden
Schwierig wird es, wenn Kunden herausfordernde Spezifikationen definieren, die eine Standardleitung nicht erfüllen kann, weil sich bestimmte Eigenschaften widersprechen. So hat eine hochflammwidrige Leitung üblicherweise einen Mantel mit einem hohen Anteil an Additiven. Solche Materialien sind jedoch mechanisch nicht so robust, sodass sich diese Leitung nicht für die millionenfache Bewegung in einer Schleppkette eignet. Hier finden die Entwickler einen Kompromiss, etwa indem sie einen größeren Biegeradius empfehlen, was die Belastung des Materials in der Schleppkette reduziert. Oder der Kunde muss darauf achten, dass die Leitung keinesfalls mit bestimmten Chemikalien in Berührung kommt, weil das die Haltbarkeit des flammwidrigen Kunststoff-Compounds weiter reduzieren würde. "Wenn wir die Anforderungen an eine Leitung abspecken, fließt dies in das Datenblatt ein und es handelt sich um ein Neuprodukt", sagt Terpe. Das bedeutet nicht, dass immer ein komplettes Neudesign notwendig ist. Ähnliche Konstruktionen können durch den Einsatz von verschiedenen Compounds unterschiedliche Funktionen und Anforderungen erfüllen.
Für besonders knifflige Anwendungsfälle braucht es ein Neudesign. Ein Team von sechs Mitarbeitenden bei Lapp entwirft Sonderleitungen nach speziellem Kundenwunsch. Häufig handelt es sich um Hybridleitungen, die neben elektrischen Leitern auch Schläuche für Hydraulik oder Pneumatik enthalten. Solche Hybridleitungen stellt Lapp zum Beispiel für Ölbohrplattformen her. Aber auch eine rein elektrische Leitung kann eine Sonderleitung sein. Ein echter Exot war die Anfrage eines Fischzuchtbetriebs in Norwegen. Um die für Zuchtlachse schädlichen Lachsläuse fernzuhalten, hat Lapp ein Kabel entwickelt, das im Wasser elektrische Felder erzeugt, eine Art elektromagnetischer Käfig gegen die Parasiten. Die Ingenieursleistung liegt hier nicht allein im Kabeldesign, sondern in der Auslegung der richtigen Betriebsparameter.
Leitungen nach Kundenwunsch liefert Lapp auch in kleinen Mengen. Benötigen Kunden etwa nur ein paar hundert Meter eines Kabels, müssen sie nicht etliche Trommeln im Lager verstauben lassen.
Kabeldesign mit KI
Ohne Labortests werde es auch künftig nicht gehen, sagt Alexander Terpe, auch wenn die Kabelentwicklung immer datengetriebener werde. So verfügt Lapp über eine Materialdatenbank, in der mehrere hundert Kunststoff-Compounds beschrieben sind. Ständig kommen neue hinzu, während andere herausfallen, etwa weil bestimmte Inhaltsstoffe durch neue Regularien nicht mehr erlaubt sind. Neue Compounds tragen dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit Rechnung. So hat Lapp kürzlich die ersten Leitungen mit teilweise biobasierten Mantelmaterialien vorgestellt.
Das wirft die Frage auf, ob künstliche Intelligenz beim Kabeldesign unterstützen kann. Noch seien die Daten zu inhomogen, aber das werde sich ändern. "Ich kann mir vorstellen, dass wir in einigen Jahren Leitungen mit KI-Unterstützung entwerfen werden", sagt Terpe. Das hätte einen großen Vorteil: "Das Know-how von Lapp steckt in den Köpfen der exzellenten Mitarbeitenden. KI könnte helfen, das Know-how im Unternehmen einfacher verfügbar zu machen."










