Wirtschaft + Unternehmen

Jenseits der Kehrwoche

Weiß vermummte Gestalten huschen über sterile Gänge und tragen Silberscheibchen hin und her. An dieses Bild aus der Halbleitertechnik denken die meisten von uns, wenn sie Reinraumtechnik hören. Dabei gibt es in der Industrie zunehmend Fertigungsaufgaben, für die eine mit Kehrblech, Besen und Wischtuch erreichbare Sauberkeit längst nicht mehr ausreicht. Warum nicht nur Naturliebhaber auf die saubere Luft schwören, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Sie ist ein Kind des Raumfahrtzeitalters: Die Reinraumtechnik. Erfunden um die Gefährte der ersten Astronauten frei von jeglicher Verschmutzung zu montieren. Ein Privileg, das heute jeder von uns bei der morgentlichen Fahrt ins Büro genießt: Stoßdämpfer, Scheinwerferreflektoren, Kugellager, ja selbst die Plastikscheibe vor dem Armaturenbrett wird heute unter Reinraumbedingungen gefertigt.

Der Grund, der immer mehr Maschinenbaubetriebe zur sauberen Luft treibt, ist immer der gleiche: Die Angst vor dem Killerpartikel, der noch so klein doch alle Qualitätsanstrengung zunichte macht. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht vom Staub, der sich mit Vorliebe auf den Ordnern abgeschlossener Projekte sammelt. Die Teilchen, die hier Ärger machen, sind bis zu 100 mal kleiner und damit schlichtweg unsichtbar.

Die Kleinen treten zudem in Massen auf. Während Sie gemütlich in Ihrem sauberen Büro sitzen und im SCOPE-Industriemagazin blättern, inhalieren Sie mit jedem Atemzug ungefähr 10 000 dieser Teilchen. In einer reinen Fertigung wären es nur noch 100 und in einer Halbleiterfertigung müßten Sie schon zehn Mal tief Luft holen, um auch nur ein einziges Teilchen zu erwischen. Der Rest bleibt in Hochleistungsschwebstoffiltern hängen, die den Pollenfilter im Auto zum löchrigen Sieb degradieren.

Frei von kleinen Killern

Ob die Luft aus diesen Filtern dann nur die schmutzige Raumluft verdünnt oder ganz Empfindliches mit einem sauberen Strom einhüllt, nützlich macht sie sich auf viele Arten. So schützt sie Toastbrot auf dem Weg vom Backofen zur Verpackungsmaschine vor Bakterien. Der Aufwand für den Reinraumtunnel rechnet sich doppelt. Er spart Konservierungsstoffe, was wiederum als Verkaufsargument im Supermarkt zieht.

Doch auch handfestere Gewerke profitieren davon, wenn der Schmutz draußen bleibt. So werden bei Einspritzpumpen und Ventilen inzwischen Fertigungstoleranzen erreicht, die vor einigen Jahren noch ins Reich der Fabel verwiesen wurden. Da wirkt das kleinste Teilchen wie Sand im Getriebe. Ohne Reinraumtechnik geht hier also gar nichts. Und wenn selbst gestandene Spritzgießer, sonst eher den Umgang mit hohen Schließkräften und großen Schlüsselweiten gewohnt, sich einen zarten Reinraum auf die Spritzgießmaschine stellen, hat das seinen Grund: Lohnfertiger von medizinischen Kunststoffteilen sparen sich so jede Menge Reinigung und Ärger.

Wo Reinigen erst gar nicht möglich ist, reduziert die gefilterte Luft den Ausschuß. Das weiß die gesamte optische Industrie und so mancher Beschichter zu schätzen. Und diejenigen, für die Qualitätssicherung nicht nur viele dicke Ordner im Regal sind, kommen zuweilen nicht drumherum, Meß- und Prüfmittel im Reinraum zu lagern.

Räume, die keine sind

Der Aufwand für solch eine partikelfreie Zone ist geringer als Sie denken. Schon allein deshalb, weil ein Reinraum nicht immer ein Raum sein muß. Oft leistet ein einfaches Zelt, ein Tunnel oder eine Kabine bessere Dienste. Denn es macht keinen Sinn eine ganze, ölige, brummende Maschine mit tausend Lagern und Gleitstellen, die Abrieb verursachen, in eine sterile Kammer zu stellen. Nur dort wo sich Ihr empfindliches Produkt befindet, braucht es die saubere Luft. Der schmuddelige Rest bleibt gefälligst draußen.

Erst wenn es gar nicht anders mehr geht, darf die ganze Maschine in den Reinraum. Lager abdichten, Reibung vermeiden, Hindernisse für den reinen Strom aus dem Weg räumen, das sind dann die obersten Gebote. Und weil selbst ein frisch geduschter Bediener in dieser Umgebung immer noch als Dreckschleuder gilt, muß er sich vermummen.

In einem Meer von industrieller Betriebsamkeit ist diese Insel der Sauberkeit ständig in Gefahr. Dagen hilft nur eines: Konsequenz. Konsequent das Produkt schützen bis es in Sicherheit ist. Es nutzt nichts, im Reinraum zu produzieren und anschließend die Teile durch die staubige Halle zu tragen. Konsequent und regelmäßig den Reinraum durch Messen der Partikelkonzentration in der Luft überprüfen lassen. Falls das Ihr Kunde nicht ohnehin fordert, dann zu Ihrer eigenen Sicherheit. Denn das wovor Sie sich schützen wollen, ist unsichtbar und wenn Sie es erst einmal mit bloßem Auge sehen, ist schon eine LKW-Ladung voll Ärger auf dem Weg zu Ihrem Kunden. Und so seltsam es klingt: konsequent reinigen. Selbst dort, wo gar kein Schmutz auftauchen dürfte, findet sich der eine oder andere Fussel.

Vielleicht haben Sie sich ja inzwischen schon ein, zwei Produkte ausgeguckt, die Sie mit Hilfe der Reinraumtechnik einfacher und kostengünstiger produzieren könnten. Dann führt der einfachste Weg zum eigenen Reinraum über Frankfurt. Auf dem Messegelände trifft sich vom 9. bis 11. Juni zur Cleanrooms alles was in der Reinraumtechnik Rang und Namen hat. Da ist garantiert der richtige Ansprechpartner dabei. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.reinraumtechnik.de oder auf den folgenden Seiten.

Matthias Meier / Juni 1999

Links: http://www.schall-messen.de

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