Wirtschaft + Unternehmen

Im Zweistromland der Ventilatoren

Wer auf der A 6 zwischen Heilbronn und Nürnberg unterwegs ist, dem mag auf der Höhe von Schwäbisch Hall die eine oder andere Windkraftanlage auffallen. Dass aber hier im Hohenlohischen, in den Tälern von Jagst und Kocher und auf den angrenzenden Höhen, noch eine ganz andere Windkraft entsteht, ist den wenigsten bewusst. Die Strecke Mulfingen, Künzelsau, Waldenburg, eine entspannende Autofahrt von 30 Minuten, bildet die Hauptachse der Ventilatorenindustrie in Deutschland. Vier große und einige kleine Unternehmen bauen hier Radial- und Axialventilatoren nebst der zugehörigen Elektromotoren und beliefern damit so gut wie jede Branche. So finden sich Lüfter und Ventilatoren aus Hohenlohe weltweit in Elektrogeräten, Autos, auf Dächern, in Ställen oder in Hochgeschwindigkeitszügen. Vom Miniaturlüfter für den PC bis hin zur kompletten Klimazentrale bekommen Sie hier alles was Wind macht.

Wer sich auf die Suche nach dem Ursprung dieses Fan-Valleys macht, landet unweigerlich in Berlin Weißensee. Dort gründete Emil Ziehl zusammen mit dem Schweden Abegg 1910 seine Elektrizitätsgesellschaft. Hier entstanden Elektromotoren und Generatoren für Kunden wie die junge Lufthansa, die Marine oder die Zeppelin Reederei. Der elektrische Kreiselkompass und der Außenläufermotor waren bahnbrechende Erfindungen. Dann kam der Krieg, die Teilung. Die Söhne des Gründers, Heinz und Günter Ziehl, fanden in Künzelsau eine neue Heimat und begannen 1949 wieder mit einer kleinen Mannschaft Außenläufermotoren zu bauen. Schnell erkannten sie, dass dieser Motor sich hervorragend für den Bau von Ventilatoren eignet. Sind doch die auf dem Kurzschlussläuferprinzip basierenden Motoren verschleißfrei und bauen extrem kompakt. Zudem bietet sich der außenliegende Rotor geradezu an, Flügel anzugießen oder anzunieten. Weil einige der Ideen seiner Mitarbeiter nicht ins Programm zu passen schienen, ermutigte Heinz Ziehl sie immer wieder eigene Unternehmen auszugründen. Diese heute gern Spin-Offs genannten Ausgründungen sind also keine Erfindung der New Economy, sondern hier im Hohenlohischen ein alter Hut und die Ursache eine Konzentration an Ventilatorenbauern wie sonst nirgends auf der Welt.

Fan Valley an Kocher und Jagst

Heute ist die Mutter ein modernes Unternehmen mit drei Geschäftsbereichen. Der Geschäftsbereich Antriebstechnik baut Spezialmotoren unter anderem für Aufzüge und Fahrtreppen. Die Lufttechnik dagegen nutzt nach wie vor in großem Maße Außenläufermotoren für den Bau von hauptsächlich Axialventilatoren, wie sie in der Wärme- und Kältetechnik zu finden sind, aber auch für Radialventilatoren in der Klima- und Lüftungstechnik. Neben Asynchronmotoren kommen vor allem elektronisch kommutierte, sogenannte EC-Motoren zum Einsatz. In diesen Gleichstrommotoren wird ein Wechselfeld dadurch erzeugt, dass nicht Kohlen, sondern eine von berührungslosen Hall-Sensoren gesteuerte Elektronik die Stromrichtung umschaltet. Wartungsarm, ohne Partikelemissionen und durch die geringen Eisen und Kupferverluste sparsam im Umgang mit Energie eignen sich diese Motoren vor allem für den Einsatz im Reinraum. Eine weitere Spezialität sind leise weil drehtonarme Axiallüfter mit ihren charakteristischen sichelförmigen Druckgussflügeln. Für die zugehörige Regeltechnik zeichnet sich ein eigener Geschäftbereich verantwortlich, der vom komfortabeln Regelgerät für die Lufttechnik bis hin zur PC-Steuerung ganzer Hallen voll Filter-Ventilator-Einheiten, die per LON-Netzwerk verbunden sind, alles abdeckt. So unterschiedlich die Bauformen und Einsatzzwecke der Ventilatoren aus Künzelsau auch sein mögen, so bewegen sie sich doch alle im mittleren Leistungsbereich.

Wer kleine Ventilatoren bauen will, kämpft mit ganz anderen Problemen. Das erkannte auch schon Heinz Ziehl und ermutigte seinen damaligen Entwicklungsleiter für kleine Außenläufermotoren, Gerhard Sturm, sein eigenes Unternehmen zu gründen. So entstand die EBM, Elektromotorenbau Mulfingen. Als es 1963 losging, bestand noch die Auflage vom Landwirtschaftsministerium, nie mehr als 85 Mitarbeiter zu beschäftigen. Man befürchtete eine zu große Konkurrenz für die ortsansässige Landwirtschaft. Irgendwie konnten sich die Mulfinger anscheinend in der Zwischenzeit mit den Herren aus Stuttgart arrangieren, denn heute hat die Tochter die Mutter längst überholt. Allein in Mulfingen sind über 2300 Mitarbeiter beschäftigt, die täglich 15 betriebseigenen Buslinien aus 50 Kilometer Umkreis zu ihrem Arbeitsplatz bringen. Was klein mit Ventilatoren für Dunstabzugshauben begann, umfasst heute Ventilatoren für Backöfen und Waschtrockner ebenso wie für Datenarchivsysteme oder Computertomographen. Und selbst in Gasbrennwertgeräten oder in Lüftungsboxen für die Klimatechnik weht frischer Wind aus Mulfingen. 50 000 Ventilatoren Tag für Tag, eine eigene Motorenfertigung und natürlich spielen auch hier EC-Technik und Vernetzung ein große Rolle. Ein ganz und gar erwachsene und eigenständige Tochter also, die inzwischen ihre eigenen Töchter, Papst in St. Georgen und MVL in Landshut, hat.

Mutter mit vielen Kindern

Die ältere Schwester sozusagen sitzt in Waldenburg. Auch hier war es wieder Heinz Ziehl, der die Brüder Wilhelm und Friedrich Gebhardt dazu anregte, das Thema Außenläufermotor zu variieren und ihn in Radialventilatoren einzubauen. 1958 entstanden daraus die ersten Dachventilatoren. Inzwischen ist viel passiert. Zwar setzen die Waldenburger nach wie vor hauptsächlich auf die Radialbauart, doch kamen riemengetriebene Modelle ebenso hinzu wie Ventilatoren für die Prozesslufttechnik und eine eigene Motorensparte. Um auch in Zukunft fit zu bleiben, haben sich die Hohenloher vor vier Jahren für Kaizen, die kontinuierliche Erneuerung in kleinen Schritten, entschieden. Infolgedessen wurde das Unternehmen in fünf eigenständige Geschäftseinheiten aufgegliedert, die den Mitarbeiter als innovative Kraft in den Mittelpunkt stellen. In Teamarbeit sollen in Zukunft nicht nur die traditionellen Geschäftsfeldern bearbeitet werden, sondern auch verstärkt kundenspezifische Lösungen entstehen. Aktuelle Beispiele dieser Teamarbeit mit dem Kunden sind unter anderem die Belüftung von Hochgeschwindigkeitszügen, die Reinraumtechnik, Kompaktklimaanlagen oder die Kompressorkühlung.

Jüngstes Unternehmen am Wind ist Rosenberg in Künzelsau, das seine Verbindungen zur Konkurrenz nebenan ebenfalls nicht leugnen kann. Erst 1981 startete Karl Rosenberg mit vier Mitarbeitern. Zwanzig Jahre später sind es 800 weltweit, die vom Toilettenlüfter bis zur Klimazentrale so ungefähr alles herstellen, was Luft in Bewegung hält. Radial, Axial, Dach, Rohr und Kanal sind die Vornamen, Ventilator der Nachname. Trotz oder gerade wegen diesem extrem breiten Programm haben sich die Künzelsauer die Fähigkeit bewahrt, auf die Bedürfnisse auch kleiner Kunden flexibel und schnell einzugehen. Dazu werden Standardprodukte entsprechend modifiziert oder es wird komplett auftragsbezogen gefertigt, wie es insbesondere bei den Klimazentralen zur Gebäudelüftung häufig der Fall ist. Ein Dienst am Kunden, der nicht nur in Deutschland geschätzt wird: Knapp 60 Prozent der Produktion gehen in den Export.

Industrie und Landschaft im Miteinander

Vier große Unternehmen, einige kleinere und das alles auf so engem Raum, dass die meisten auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit an mindestens einem Mitbewerber vorbei fahren. Auf die Konkurrenzsituation angesprochen, geben alle zwar zu, dass es zu spontanem, ungewolltem Erfahrungsaustausch durch Personalwechsel kommen kann, doch die eigentliche Konkurrenz sitzt in Italien und Fernost, wo Billiganbieter und Produkträuber den Ventilatorenbauern das Leben schwer machen. Hier in Hohenlohe kennt man sich und so ist, wenn jemand Augen zwinkernd von der Ventilatoren-Mafia sprich, beileibe nicht der Umgang mit den Kunden gemeint, sondern der Zusammenhalt der ¿Familie¿. Diese Familie und einige andere haben sich denn auch mit der Initiative Innovationsregion Kocher und Jagst der Region verschrieben und überlegen, wie der Standort langfristig zu sichern ist. Das Ausnutzen von Synergien, gemeinsames Handeln am Energiemarkt, Weiterbildungsprogramme oder Stipendien für die Fachhochschule Schwäbisch Hall sind konkrete Ergebnisse dieser Zusammenarbeit.

Und doch ist Hohenlohe trotz der gesunden mittelständischen Wirtschaft ¿ die Arbeitslosenquote beträgt gerade mal vier Prozent - keine hässliche Industrieregion. Ein Ventilatorenmuseum oder andere technische Museen sucht man vergebens. Und auch die Sammlungen des Schrauben- und Dübelmagnaten Würth zeigen nicht etwa Schraubenwendel im Wandel der Jahrhunderte, sondern hochkarätige, internationale Kunstwerke. Wer hier herkommt, sollte nicht nur Zeit für¿s Business mitbringen ¿ er wird es ansonsten bereuen. Die Landschaft ist mit einem Wort beruhigend, überall locken verwinkelte Örtchen und Fachwerkhäuser zum Rasten. Besonderes Augenmerk sollte dabei den Besen gelten, die hier und da an den Wohnhäusern hängen. Hier hat ein Winzer sein Wohnzimmer leer geräumt, um Selbstgekelterten, Schlachtplatte und Bauernbrot zu servieren. Wer eher Hunger auf Kultur hat, kann sich im Freilandmuseum in Wackershofen anschauen, wie es aussah, bevor die Ventilatoren ins Land kamen. Auch der Kalender der Freiluftspiele vor historischer Burg- und Schlosskulisse ist lang. Und wer sich gar ein paar Tage Zeit lässt, kann auf den Spuren Götz von Berlichingens wandern und in Krautheim an der Originalstätte sein berühmtes Zitat wiederholen. Das Fahrrad mitzubringen ist eine gute Idee, über die Höhenzüge gibt es einige anspruchsvolle Touren. Etwas entspannter fährt sich¿s auf dem gut erschlossenen Sechs-Tage-Radrundweg an den Ufern von Kocher und Jagst entlang. Aber Achtung: Auch im Zweistromland der Ventilatoren weht der Wind immer von vorn.

Matthias Meier

Links: http://www.ebm-werke.de, http://www.gebhardt.de, http://www.rosenberg-gmbh.com, http://www.ziehl-abegg.de, http://www.kocherjagst.de

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