Wirtschaft + Unternehmen

Gestreßtes Kabel

Damit unsere ganze schöne automatisierte Industriewelt funktioniert, müssen alle Komponenten zuverlässig zusammenarbeiten. Kabel und Leitungen beispielsweise werden in vielen Anwendungen geradezu gequält, wodurch ihrer Auswahl besondere Bedeutung zukommt. Wer diese Aufgabe einem ¿sparsamen¿ Einkäufer überläßt, der nur auf den Preis sieht, kann zuweilen sein blaues Wunder erleben. Aber lesen Sie selbst.

Typischer Vorführeffekt auf einer der letzten Messen: Die schwungvolle Bewegung der neuen Automatisierungseinrichtung beginnt zu stottern, dann suggerieren nur noch zwei heftig blinkende Alarmlampen etwas Bewegung auf dem Stand. Emsig werkelnde Techniker und die ratlosen Gesichter des übrigen Standpersonals würzen die plötzlich interessiert dreinblickenden Besucher mit den üblichen deftigen und schadenfrohen Sprüchen. Erstaunlich schnell diagnostiziert der am wichtigsten erscheinende Techniker, der Entwicklungsleiter, wie sich später herausstellt: Kabelbruch! Einer der umstehenden Besucher drängelt sich nach vorn, wirft einen prüfenden Blick auf das Corpus delicti und drückt dem Entwicklungschef seine Visitenkarte in die Hand. ¿Mit unseren Leitungen wäre Ihnen das erspart geblieben¿, murmelt er laut genug, daß ich es noch verstehen kann. Das interessiert mich. Im Weggehen erkenne ich auf dem Namensschild gerade noch das Firmenlogo LAPP KABEL.

Kabelbruch ¿ und dann . . .

Natürlich steht bei Insidern der Name Lapp geradezu als Synonym für Steuerleitungen. Schließlich entwickelte Oskar Lapp bereits 1959 die weltweit erste industriell gefertigte Steuerleitung. Der einprägsame und treffende Name Ölflex machte auch dem letzten Maschinenbauer klar, daß diese Leitungen den unterschiedlichen Ölen, Fetten und Schmieren der Branche klaglos widerstand und dabei flexibel alle Bewegungen mitmachte. Ich habe Ölflex in den 70er Jahren selbst bei verschiedenen Konstruktionen erfolgreich eingesetzt, bevor ich begann, über Technik vorzugsweise zu schreiben. Allzu leichtfertig setzen manche Konstrukteure ¿ vielleicht sind es auch die pfennigfuchsenden Einkäufer ¿ heutzutage offensichtlich voraus, daß Kabel und Leitungen von vorneherein alles mitmachen. Der geschilderte Vorfall zeigt, daß solche Denke oft zu peinlichen, meistens auch kostenträchtigen Reinfällen führen kann.

Eine Viertelstunde nach dem erlebten Kabelbruch sitze ich also auf dem Lapp-Stand und unterhalte mich mit einem Experten über die Anforderungen an moderne Steuerleitungen und deren Konstruktion.

Dauerstreß für Kabel

Die Automatisierung in den verschiedensten Bereichen der Industrie führt zu immer schneller bewegten Maschinenkomponenten, die mit Energie und Signalen versorgt werden müssen. Das erfordert extrem belastbare Kabel und Leitungen. ¿Diese Kabel werden bei solchen Einsätzen gleich durch ein ganzes Bündel von verschiedenen Kräften gequält¿ erklärt mir Manfred Unterstein, der von München aus die Lapp-Kunden in Bayern berät. Die reine Biegebelastung dehnt die Außenseite und staucht die Innenseite. Definierte Radien, beispielsweise durch Energieketten, sollten diesen Streß allerdings in erträglichen Grenzen halten. Auch die möglichen Zug- und Schubkräfte beim Verfahren sollten in geeigneter Weise aufgefangen werden. Bei all diesen Bewegungen entstehen auch noch Reibkräfte der Leitungen untereinander und relativ zu den An-lagenteilen. Korkenzieher nennen Fachleute die Schlingenbildung, die entsteht, wenn sich durch die ständigen Biegewechsel die Verseilung der Einzeladern im Kabelinneren auflöst. Am Ende dieser Tortur stehen Adernbrüche und irgendwann der Totalausfall des Kabels. ¿Selbstverständlich kennen wir bei unseren speziellen Ölflex-Konstruktionen solche Auflösungserscheinungen nicht. Unsere hochflexiblen neu entwickelten Leitungen haben wir beispielsweise für mindestens fünf Millionen Wechselbiegezyklen und einen Mindestbiegeradius von 7,5 mal Leitungsdurchmesser konstruiert¿, berichtet Manfred Unterstein nicht ohne Stolz. ¿Aber kommen Sie doch mal zu mir nach Bayern, da kann ich Ihnen den Einsatz unserer Leitungen in der Praxis zeigen.¿

Roboter und mehr

Ein paar Wochen später stapfe ich neben Manfred Unterstein durch den tie- fen Schnee im bayrischen Allershausen. In der geräumigen, angenehm warmen Halle von Motoman Robotec vollführen Roboter der unterschiedlichsten Baugrößen teilweise recht skurrile Bewegungen, ohne wirklich zu arbeiten, wie auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Markus Neumayer, der Leiter der Elektromontage empfängt uns an einem vertikalen Rundschalttisch, der mit schweren Attrappen bestückt, die späteren Schweißvorgänge an Automobilachsen simuliert. Die Kabel im Innern werden gleich in mehreren Richtungen aufs Äußerste beansprucht, um den Bewegungen der diversen Achsen folgen zu können. Auf meine Frage nach der Haltbarkeit der Kabel lächelt Markus Neumayer verschmitzt: ¿Die bauen wir ein und können sie vergessen. Dabei unterschreiten wir zuweilen auch die vorgeschriebenen Biegeradien, ohne Probleme in der Lebensdauer zu riskieren.¿ Als Manfred Unterstein hier irritiert die Stirn runzelt, beruhigt Neumayer ihn: ¿Selbstverständlich reduzieren wir in solchen Fällen die Geschwindigkeit.¿

Motoman Robotec gehört zur japanischen Yaskawa Electric Corporation, von der auch die bekannten und bewährten, meistens blau lackierten Motoman-Roboter kommen. Die Allershausener vertreiben die Roboter in viele europäische Länder und nach Afrika. Weil bei Automatisierungslösungen der Roboter nur einen kleinen Teil umfaßt und ohne die passende Peripherie hilflos wäre, liegt genau hier die Stärke der bayrischen Spezialisten. In den unterschiedlichsten Branchen finden sich die kompletten Anlagen aus Allershausen, die jeweils erst nach einem umfangreichen Probebetrieb und der Abnahme durch den Kunden ausgeliefert werden.

Alles fürs Auto

Natürlich spielt die Autobilindustrie samt ihrer Zulieferer in der Kundenliste die wichtigste Rolle. Schweißen in seinen unterschiedlichsten Varianten, vom Schutzgas- und Punktschweißen bis zum Laserschneiden und Bolzenschweißen steht hierbei im Vordergrund. Aber auch das Kleben und Dichten sowie das Schleifen, Entgraten und Polieren gehören zu den Lösungen aus diesem Hause. Zunehmend handhaben Roboter darüber hinaus inzwischen auch die Werkstücke an Biegepressen oder Stanzen und erhöhen deren Produktivität nicht unerheblich.

In all diesen und vielen anderen Anwendungen sorgen die speziell konstruierten und raffinierten Vorrichtungen und Anlagen aus Allershausen dafür, daß die ¿Stahlkragenwerker¿ möglichst pausenlos arbeiten können.

Stolz präsentiert uns Markus Neumayer auch eine recht komplizierte Portalanlage, bei der sich gleich mehrere Schweißroboter um das Werkstück drängeln. Auch hier müssen die Kabel im Innern die Torsions- und Biegebeanspruchungen beim Werkstückwechsel und beim schweißgünstigen Positionieren ohne Störung lebenslang ertragen.

Auch im Schaltschrank . . .

Manfred Unterstein wäre ein schlechter Verkäufer, wenn nicht in den Schaltschränke mit den Steuerungen für die Motoman-Anlagen Lapp-Kabel für die zuverlässige Verbindung sorgten. Zumal er hier noch Verschraubungen und anderen Leitungen aus seinem Programm liefern kann. Diese wichtigen Anlagenteile kommen übrigens aus Reichertshofen, wo Petra Seidl mit dreißig Mitarbeitern den Steuerungsbau betreibt und zeigt, daß Technik keine reine Männersache ist.

Beim Verlassen der Halle kann sich Manfred Unterstein einen kritischen Blick auf das umfangreiche Kabellager nicht verkneifen. ¿Da hängen schon noch einige Rollen mit Fremdfabrikaten¿, gesteht er freimütig und mit einem Blitzen in den Augen, ¿aber es werden immer weniger!¿

Es würde jetzt sicher zu weit führen, Ihnen das gesamte Kabelprogramm von Lapp vorstellen zu wollen. Allein das in der Automatisierung bevorzugte Ölflex-FD-Classic mit seinen vielfältigen Leitungskombinationen steht sowohl ungeschirmt als auch mit Kupferschirm sowie mit PVC- oder PUR-Mantel in den Listen. Da multiplizieren sich die Typen schnell.

Hoffentlich ist es mir trotzdem gelungen, Sie auch ohne allzu viele technische Details für die gezielte Auswahl der richtigen Kabel und Leitungen zu sensibilisieren. Gegebenenfalls hilft Ihnen ja Manfred Unterstein oder einer seiner Kollegen im Stammhaus Stuttgart und in den anderen Bundesländern dabei. Ansonsten finden Sie anschließend unsere bewährten Kontaktmöglichkeiten zum Vertiefen Ihrer Informationen.

Bernhard Siegmund / April 1999

Links: http://www.lappkabel.de

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