Wirtschaft + Unternehmen

Drücken gilt nicht

Mineralöl- und Chemieindustrie gelten als heikle, unfallträchtige Branchen. Um dem schlechten Image entgegenzutreten, legten sich die großen Konzerne strikte Sicherheitsnormen auf. Und nicht nur das: Jeder, der als Subunternehmer seine Mitarbeiter auf dem Gelände der Chemie- und Ölriesen arbeiten läßt, muß die gleichen Sicherheitsregeln erfüllen. Ein Geschäft für die Zertifizierer, das sich allerdings auch für die betroffenen Unternehmen rechnet.
Wieder einmal habe ich Pech. Nur der Anrufbeantworter (der ja nun wirklich nichts beantwortet) erklärt sich bereit, meine Wünsche entgegenzunehmen. An das versprochene Gespräch möchte ich erinnern. Und um Rückruf bitten ¿ möglichst noch heute.

Erst der nachmittägliche ¿Hilferuf¿ bei der DQS, Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen, bringt Klarheit. Meine Interviewpartnerin Beatrix Michels mußte zu einem dringenden Audit-Termin. Das Zertifizierungsgeschäft scheint zu brummen, denn für den Rest der Woche sind ihre Termine ausgebucht.

Beim ISO-9000-Zertifikat kennt man das. Doch die promovierte Naturwissenschaftlerin reist, begutachtet und auditiert nicht der Qualität wegen. Bei ihr stehen Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutz auf dem Programm. Ein Managementsystem, das nur wenige zu wollen scheinen, aber viele zwingend brauchen, bringt der Zertifizierungsgesellschaft neue Aufträge, hält die Auditoren auf Trab.

¿Ungefähr vier Audits im Monat haben wir derzeit. Dazu kommen unverbindliche Informationsgespräche, Projektgespräche, Voraudits.¿ Mit Andreas Richter habe ich zum Glück einen Kollegen der Vielreisenden an der Strippe, der mir fast keine Antwort schuldig bleibt. Nur die Frage nach der Anzahl der in Deutschland bereits zertifizierten Unternehmen kann er mir nicht genau beantworten. Dafür steckt wohl alles noch zu sehr in den Kinderschuhen ¿ zumindest hier in der Bundesrepublik.

Nicht ganz neu . . .
1994 schwappte die SCC-Welle von den Niederlanden rüber nach Deutschland. SCC? Hinter dem Kürzel verbergen sich die Worte Sub Contractor Checklist oder eingedeutscht: Sicherheits Certifikat Contraktoren. Erst seit Juli 1996 gilt der SCC-Fragenkatalog als normatives Dokument, dürfen akkreditierte Unternehmen Zertifikate auf dessen Basis erteilen.

Initiator des Zertifizierungsgeschehens war vor Jahren die Mineralölbranche Amerikas und der Niederlande. Schon allein des Images wegen sorgt sie dafür, daß bei ihr das Thema ¿Arbeitssicherheit¿ ganz oben steht, daß sich nicht nur Beauftragte, sondern selbst die Manager der höchsten Ebene des Themas ernsthaft (!) annehmen. Ritter: ¿Mit Negativmeldungen wie ,Unfall bei Esso, Shell oder BP¿ wollten die nicht in die Medien kommen.¿ Solche Nachrichten kratzen zu sehr am Image.

Die großen Gesellschaften vergaben und vergeben Neu- und Umbau-, Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten üblicherweise an Subunternehmen. Gar nicht oder nur sehr vage kennen sich die auf unbekanntem Gelände tätigen ¿Fremdarbeiter¿ mit den dort gültigen Arbeitssicherheitsregeln aus. Daß in solchen Situationen Unfälle passieren, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Deshalb beschlossen die Ölmultis: Es kann auf einem Firmengelände nicht zwei unterschiedliche Sicherheitsstandards geben. Wer für uns arbeiten will, muß regelmäßig nachweisen, daß er den von uns aufgestellten Sicherheitsregeln genügt. ¿ Das neue Zertifikat war geboren.

Daraufhin entstand ein umfangreicher Fragenkatalog, der die Organisation des Fremdunternehmens, dessen Management und seine Einstellung zur Arbeitssicherheit, das Sicherheitswesen vor Ort sowie die Qualifikation und Weiterbildung der Mitarbeiter auf Herz und Nieren prüft. Der Erfolg der Aktion zeigte sich prompt: Das vom Kontraktorenpersonal verursachte Unfallgeschehen ging in die Knie.

Keine neuen Regeln, aber . . .
Was für den amerikanischen Markt festgelegt wurde, was die Niederländer 1989 übernahmen und anwandten, paßte nicht so recht in die bundesdeutsche Unternehmens- und Arbeitssicherheits-Landschaft. Trotzdem wollten die Ölmanager auch in Deutschland den Unfallzahlen Paroli bieten. Auf ihr Betreiben hin gründete sich in der Bundesrepublik im September 1995 ein Sektorkomitee SCC. Eine der ersten Aktionen des Komitees: Es nahm sich der Checkliste an und transferierte sie auf die hiesigen Bedürfnisse. ¿Neue Arbeitsschutzregeln sollten dadurch nicht entstehen¿, versichert mein Geprächspartner. ¿Dem Gesetzgeber, den Berufsgenossenschaften lag der Arbeitsschutz auch vorher schon sehr am Herzen.¿

Das merkt man allein daran, daß 75 Prozent der Fragen von den bestehenden Regeln abgedeckt werden. Beispielsweise interessieren sich die Berufsgenossenschaften genauso wie die SCC-Auditoren für die regelmäßige Sicherheitsunterweisung der Mitarbeiter, für Betriebsmittel und deren arbeitsschutzkonformen Einsatz, für die persönliche Schutzausrüstung und den tatsächlichen Gebrauch derselben.

. . . die Manager müssen ran
Neu sind aber die Aufgaben, die die Mineralölbranche den Managern zugedacht hat. Da gibt es kein Drücken vor der Verantwortung mehr. Die hohen Herren (oder Damen) müssen ran an die Arbeit. Wer meint, den Rundgang im Betrieb seinem Sicherheitsbeauftragten überlassen zu können, hat sich geschnitten. Wer Sicherheitsunterweisungen für Mitarbeitersache hält, wird eines besseren belehrt. Wen Unfallstatistiken langeweilen, der lernt schnell die Brisanz der Papiere kennen. Arbeitssicherheit wird Chefsache, denn nur dadurch haben umfassende Sicherheitskonzepte freie Bahn.

Fragebogen beziehungsweise Checkliste lassen kaum ein Schlupfloch offen. Schließlich soll in den Unternehmen, die sich um das SCC-Zertifikat bemühen (müssen) ein intensiver, sicherheitsbezogener Wind wehen: von oben nach unten und umgekehrt. Ob die Angaben im Fragebogen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, müssen die Zertifizierer überprüfen. Auditoren wie Michels oder Ritter fallen während des mehrtägigen Audits Diskrepanzen schnell auf. Immerhin haben beide lange Jahre als Fachkraft für Arbeitssicherheit gearbeitet. Eine wichtige Voraussetzung für ihre jetzige Tätigkeit.

Rund 70 interessierte Firmen zählt die DQS derzeit zu ihren Kunden: vom Bauunternehmen, das einige seiner Niederlassungen zertifizieren lassen will über Ingenieurbüros bis zum Zeitarbeitsunternehmen. Die Tendenz, so schätzt es Ritter ein: deutlich steigend. Und das nicht nur bei den Frankfurtern. Det Norske Veritas, TÜV und die ständig neu hinzukommmenden Zertifizierer sehen die Entwicklung ähnlich.

Was allerdings nicht heißt, daß sich in Deutschland der Arbeitsschutz nun endlich tatsächlich als Managementaufgabe etabliert hätte. Eher treiben die Großen der Chemieindustrie die Jagd nach Zertifikaten weiter an. Sie machen sich ebenso den Grundsatz zu eigen: Ein Unfall auf unserem Gelände schadet dem Image; gleichgültig wer ihn verschuldet.

Zum Glück stimmt die Rendite
Den Betroffenen ¿ überwiegend mittelständische Firmen ¿ sei zum Trost gesagt: SCC steht nicht nur für zeitlichen und finanziellen Aufwand. Mit einem Sicherheits-Managementsystem bietet sich für alle Unternehmen die Chance, Kosten in mehrstelliger Millionenhöhe zu sparen. Wieso, das belegen Zahlen, die einer der alten Hasen im Geschäft, Du Pont Safety and Environmental Services (SEMS), veröffentlicht. Danach konnten sich die Verantwortlichen der Schweizerischen Bundesbahnen über 16 Millionen Schweizer Franken mehr in der Kasse innerhalb von zwei Jahren freuen. Um 40 Millionen Dollar senkte die US-amerikanische Eisenbahngesellschaft Burlington Northern ihre Unfallfolgekosten innerhalb eines Jahres.

Beide Unternehmen (und viele andere) beauftragten von sich aus und ohne Zwang von Öl- oder Chemiemultis den Beratungsdienst des Chemiekonzerns, die firmeneigene Arbeitssicherheitskultur aufs Korn zu nehmen. Analysieren, Bewerten, Sensibilisiern und Schulen: Manager genauso wie die ¿normalen¿ Mitarbeiter werden in das ¿Sicherheitsprogramm¿ einbezogen. Denn einige grundlegende Prinzipen der Berater lauten: ¿Der Mensch ist der wichtigste Faktor eines wirksamen Sicherheitsprogramms. Alle Mitarbeiter sind für ihre eigene Sicherheit und für die ihrer Kollegen verantwortlich. Das gesamte Management ist dafür verantwortlich, daß sich keine Unfälle ereignen.¿

Die Schweizer beispielsweise haben sich die Prinzipien zu eigen gemacht. Es lohnte sich tatsächlich. Die rund zwei Millionen Franken teuere Beratungsdienstleistung haben sie mit dem was sie bisher einsparten, mehrfach bezahlt.

Seit über 25 Jahren geben die SEMSler ihr praxisbetontes Sicherheits-Fachwissen weltweit weiter. Sie selbst gehen mit gutem Beispiel voran. Das Werk in Mechelen bei Brüssel, Hauptsitz der Sicherheitsberater arbeitet seit 18 Jahren unfallfrei. Im gesamten Konzern lag 1995 die Unfallrate bei weltweit 0,2 pro 1000 Mitarbeiter. Das muß ihnen erst mal einer nachmachen.

Claudia Treffert / Oktober 1997

Links: http://www.dupont.com/safety/

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