Hajo Stotz
Feigenblatt ...
... oder Erfolgsstrategie? Diese Frage stellt sich bei der BlueCompetence-Initiative der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer. Die Initiative, 2010 vom VDW gestartet und 2011 vom VDMA übernommen, vereint heute mehr als 30 Branchen und über 400 Unternehmen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus. Verband und Firmen, die diese Initiative tragen, liegt das Thema Umwelt und Energieeinsparung sicher nicht nur aus Marketinggründen am Herzen. Und diese Hersteller haben Energieeffizienz auch als Differenzierungsmerkmal entdeckt, um sich vom globalen Wettbewerb technologisch abzugrenzen. Doch die Einhaltung des Kodex erfolgt freiwillig: Firmen, die es können und wollen, orientieren sich daran. Die anderen nicht.
Und das reicht der EU offenbar nicht mehr aus. Sie hat deshalb vor wenigen Tagen eine Studie in Auftrag gegeben, ein Punktesystem zu entwickeln, das als Grundlage einer EcoDesign-Directive dienen wird. Die Studie wird – so die Information des VDW – unter Leitung des belgischen Forschungsinstituts Vito erarbeitet. Ein Ergebnis erwartet der Verband frühestens Ende des Jahres (siehe auch Wortwechsel mit VDW-Geschäftsführer Dr. Schäfer auf Seite 10).
Diese Zeit verbleibt Verbänden und Industrie noch, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um zu erreichen, dass Brüssel eine praxisnahe und standortfreundliche Effizienz-Punkte-Regelung für Werkzeugmaschinen erarbeitet. Ansonsten drohen den deutschen Maschinenbauern ähnliche Energieeffizienzvorschriften wie einer anderen deutschen Kernindustrie. Denn dass die Brüsseler Eurokraten nicht über ihren europäischen Schreibtischrand schauen wollen und bereit sind, dem Standort Europa massive Standort-Nachteile aufzuregulieren, haben sie bereits bei der Stahlindustrie bewiesen.
Ab 2021 sollen für sie Emissions- und Energievorschriften gelten, zu denen Thyssenkrupp-Stahl-Chef Andreas Goss im WAZ-Interview sagt: „Uns entstünden zusätzliche Kosten von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich. Damit wäre es unmöglich, die Gewinnzone zu erreichen.“ Und Heinz Jörg Fuhrmann, Vorsitzender des Stahlkonzerns Salzgitter, beziffert die Mehrbelastung für sein Unternehmen auf über 100 Millionen Euro: „Das können wir nicht stemmen.“ Der österreichische Stahlhersteller Voestalpine hat bereits die Konsequenzen gezogen und ist dem Werben der USA mit weit niedrigeren Emissions- und Energievorschriften erlegen: 550 Millionen Euro investierte Voestalpine in Texas in eine Stahlproduktionsanlage. Dank der weniger scharfen Vorschriften dort liegt der Kostenvorteil trotz der anfallenden Transportkosten nach Europa jährlich bei 200 Millionen Euro.
Von Berlin kann sich die deutsche Maschinen- und Anlagenbau übrigens keine Unterstützung erhoffen. Die dortigen Politiker sind mit „wichtigeren“ Themen beschäftigt und haben offenbar die Handlungshoheit zu industriellen Themen nach Brüssel abgegeben.










