Wirtschaft + Unternehmen
Die Kraft, die selten schafft
Der Kompressor würgt und stottert. Der Druck im Netz bricht zusammen, aus den Anschlüssen kommt nur noch ein laues Lüftchen. Zeit, für einen neuen Kompressor mit mehr Saft und Kraft. Wirklich? SCOPE zeigt Ihnen, wie sie weiterhin mit Ihrem alten Kompressor auskommen, oder den Kompressor gar ganz von Ihrer Inventarliste streichen.
¿Wollt ihr mich in den Ruin treiben¿, wetterte der Meister, wenn wir in der Lehrwerkstatt die Druckluftpistole mal wieder als Waffe gegen die sommerliche Hitze zweckentfremdet hatten. Es folgte die übliche Litanei über die hohen Kosten der Drucklufterzeugung und die Gedankenlosigkeit, den Übermut und Undank von Auszubildenden. Das war gewagt, denn die Leitungen aus denen die Druckluft kam, sahen eher aus wie ein umfunktioniertes Wassernetz: Tausend viel zu enge Rohrbögen, liebevoll mit Hanf ¿abgedichtet¿, zu enge Leitungen, ein lebender Organismus, mit zig Abzweigungen gewachsen wie ein Baum. Zum Glück für den Meister hatten wir Lehrlinge damals noch keine Ahnung. Wussten nicht, dass das laue Lüftchen aus der defekten Kupplung mit knapp 1000 Mark pro Jahr zu Buche schlägt und der leise vor sich hin pfeifende Rohrbogen mit mindestens 1500 Mark. So viel kann selbst der übermütigste Lehrling nicht verballern.
Gasförmiges Gold
Meine Ausbilungszeit ist schon eine Weile her, aber viele Druckluftnetze sind von dem oben beschriebenen Horrorszenario noch heute nicht allzu weit entfernt. Nicht umsonst hat der VDMA eine Offensive ¿Kostensparende Drucklufttechnik¿ ins Leben gerufen. Von einem Einsparpotenzial in Deutschland von einer Milliarde Mark pro Jahr ist da die Rede. Doch selbst angesichts dieser Zahlen und regelmäßiger Seminare des VDMA zum Thema ¿Wirtschaftliche Druckluftversorgung¿, (das nächste übrigens am 27. 4. 2000 in Dresden), ändert sich die Situation nur schleppend. Die Gründe hierfür dürften wohl tief in der menschlichen Natur zu finden sein. Erstens sind wir perfekte Verdränger. Ruft uns eine tropfende Hydraulik oder ein aufgescheuertes Kabel sofort auf den Plan, so sehen wir über die Lecks in der Druckluftleitung schon mal hinweg. Denn das, was da aus den Rohren pfeift ist unsichtbar, schmiert oder funkt nicht, macht keinen Dreck und gefährdet niemanden. Zum zweiten liegt es in der menschlichen Natur, Probleme gern anderen zuzuschieben. So bleiben die Kosten für eine Sanierung nur allzu leicht im Zuständigkeitsgerangel der Kostenstellen für Druckluftverteilung und Drucklufterzeugung auf der Strecke. Dabei können beide, wenn sie Hand in Hand arbeiten, erheblich zur Senkung der Druckluftkosten beitragen.
Überblick ist wichtig
Also aufgerafft und erst mal einen kritischen Blick auf das Druckluftnetz werfen! Wenn Sie dazu in die Halle müssen, haben Sie das erste Problem schon erkannt. Denn, ¿in einem fortschrittlichen Betrieb sollte keine Druckluftverteilung geplant werden, ohne die Leistung in einfacher Form zu dokumentieren und fortzuschreiben¿, beschreibt Karl-Heinz Feldmann von Metapipe, einem Druckluftsanierer aus Dortmund, die Grundlage für eine erfolgreiche Sanierung. Es ist schon seltsam: Jeder Elektriker prüft bei der kleinsten Abzweigdose die Leitungsquerschnitte und dokumentiert alles im Stromlaufplan. Nur die Druckluftleute machen erst mühsam aus zehn Kilowatt elektrischer Energie ein einziges Kilowatt pneumatische Energie, um dann die Verteilung weitgehend dem Zufall zu überlassen. Hier wird erweitert, da umgeleitet, dort abgezweigt, je nach Lust und Laune. Dabei entstehen organisch gewachsene Netze mit großen Druckverlusten. Ein aktueller Rohrleitungsplan ist deshalb die Grundvorraussetzung, um das Druckverlust-Gestrüpp zu lichten.
Die größten Problemstellen sind dann schnell ausfindig gemacht: Überlastete Ringleitungen und zu lange Stichleitungen. Die Ringleitungen atmen durch einen zweiten Leitungsring oder Zwischenmaschen spürbar auf; bei Stichleitungen, die sich nicht zu einem Ring verbinden lassen, hilft eine vernetzte Parallelleitung. Als angenehmer Nebeneffekt entsteht durch diese Arbeiten ein redundantes Netz. So können Sie bei Wartungsarbeiten Bereiche absperren, ohne gleich das ganze Netz lahmzulegen. Und die Kosten? ¿Eine Sanierung kostet oft nur einen Bruchteil der jährlichen Energieverluste¿, weiß Feldmann aus Erfahrung, ¿oder des höherverdichtenden Kompressors, mit dem sich die Geschäftsleitung schon stillschweigend abgefunden hat.¿ Ob es sich bei ihnen lohnt, erfahren Sie über einen kleinen Fragebogen von Metapipe, den die Dortmunder kostenlos für Sie auswerten.
Dem Leck auf der Spur
Neben Druckverlusten schlagen Leckagen im Druckluftnetz horrend zu Buche. Wieviel Druckluft sich da Tag und Nacht in ¿ unkomprimierte ¿ Luft auflöst, lässt sich mit dem alten Hau-Ruckverfahren zur Leckagebstimmung nur grob ermitteln: Verbraucher entfernen, über einen bestimmten Zeitraum die Einschaltzeiten des Kompressors messen, beides durcheinander teilen und mit dem Förderstrom multiplizieren. So erhalten Sie zwar den ¿ meist erschreckenden ¿ Leckagestrom, das ist dann aber auch alles. Wesentlich detaillierter und aussagekräftiger, dabei nur wenig aufwendiger ist ein Messverfahren das die Energieagentur Nordrhein-Westfalen erarbeitet hat. Über einen Drucksensor und einen Datenlogger nehmen Sie den Druckverlauf des Kompressors bei unbelastetem Netz auf. Bei der anschließenden Messung im belasteten Zustand gibt die Hysterese zwischen dem Druckverlauf im unbelasteten und belasteten Zustand genaue Auskunft über den Leckagestrom bei Schwach- und Starklast. Angenehmer Nebeneffekt dieses Verfahrens ist, dass Sie einen Tagesüberblick über die Einschaltzeiten und den Druckverlauf Ihres Kompressors gewinnen. Eine genaue Beschreibung des Verfahrens und gegebenenfalls die Messgeräte erhalten Sie bei der Energieagentur. Für Unternehmen außerhalb Nordrhein-Westfalens nennen die Duisburger Ansprechpartner.
Danach beginnt die Suche nach den Lecks. Neuralgische Punkte sind hier die Rohrverbindungen. Die sollten bei einem guten Netz ohnehin geklebt, geschweißt oder gelötet sein. Ein Ultraschallgerät hilft bei der Lecksuche im Hauptrohrleitungsnetz. Auf den letzten Metern zu den Abnahmestellen, hier finden sich 70 Prozent der Leckagen, genügt auch schon Seifenlauge oder ein Spezialspray. Nach dem Abdichten haben Sie wieder ein Druckluftnetz, das Ihrer Produktion dient und nicht nur Geld verbläst.
Druckluft ohne Kompressor
Mit einem leistungsfähigen Druckluftnetz reduzieren Sie jedoch nicht nur die Betriebskosten, Sie legen zudem die Grundlage, um auch bei der Drucklufterzeugung einiges einzusparen: Den Kompressor zum Beispiel. Das Druckluftcontracting macht¿s möglich. Dabei kaufen Sie nur die benötigte Druckluft, ohne sich weiterhin um Kompressor, Wartung oder Versorgungssicherheit kümmern zu müssen. So wie sie das von Strom und Gas schon lange gewohnt sind. War Mitte des letzten Jahrhunderts der eigene Stromgenerator im Betrieb vielleicht noch Standard, so kommt heute kein Mensch mehr auf die Idee, mit dem eigenen Elektrizitätswerk Geld sparen zu können. Warum also mit einem Kompressor? Die Vorteile des Druckluftcontractings liegen auf der Hand: Anstatt wertvolles Kapital in eigenen Kompressoren zu binden und Personal zur Wartung abzustellen, bezahlen Sie nur den tatsächlichen Druckluftverbrauch. Die Kubikmeterpauschale umfasst Geräte- und Service-, Energie- und Raumkosten und steht damit als fixe Kalkulationsgröße zur Verfügung. ¿Meist interessieren sich Firmen für das Druckluftcontracting, die zwar in starkem Maße von Druckluft abhängig sind, ihr Know-how und ihre Ressourcen jedoch vorzugsweise auf Ihre Kernkompetenzen konzentrieren oder aber lieber in eine Produktionserweiterung investieren¿, fasst Erwin Ruppelt, Projektingenieur bei Kaeser Kompressoren seine Klientel zusammen. Auch die exakte Kostenrechnung mit genauer Zuordnung der Druckluftkosten sei ein geschätzter Service.
Seit Anfang der neunziger Jahre bietet der Kompressorenhersteller aus Coburg nicht nur Kompressoren und Zubehör, sondern eben auch Druckluft aus der Steckdose an. Ein Kunde der ersten Stunde ist Mohn Media in Gütersloh. Erst kürzlich wurde der Vertrag auf weitere sieben Jahre verlängert. Helmut Buchmann, Leiter der technischen Dienste bei Mohn Media nennt einen ausschlaggebenden Punkt für diese Verlängerung: ¿Die Versorgungssicherheit hat sich bei uns verbessert.¿ Das überrascht im ersten Moment, ist doch die Sorge um die Versorgungssicherheit ein klassischer Einwand gegen das Druckluftcontracting. Als Antwort verweist Buchmann nur auf die Redundanzmaschine in seiner Kompressorstation. Eine Investition, die Eigenbetreiber meist scheuen. Stattdessen tragen sie lieber die hohen Kosten für die Überwachung und die Bereithaltung des Servicepersonals. Doch nach wie vor bleibt das Risiko eines Ausfalls mit den bekannten Konsequenzen: Warten auf Ersatzteile und Servicetechniker. Anders sieht die Rechnung aus, wenn wie beim Druckluftcontracting der Betreiber gleichzeitig Anlagenhersteller ist. Ein zweiter Kompressor kommt den meist billiger als der Mann, der in der Station sitzt und darauf wartet, dass etwas passiert. Hinzu kommt laut Buchmann die starke Identifikation seines Contracting-Partners mit der Anlage. Das und der Zwang zur Zuverlässigkeit sorgt für ständige Verbesserungen. ¿Die sind im Preis enthalten und nicht mein Thema¿, freut er sich. So gab es beispielsweise eine elegante Verrohrung für den Ölwechsel sozusagen gratis.
Druckluft für die Kleinen
Noch lohnt sich das Druckluftcontracting nicht für jeden. Die wirtschaftliche Untergrenze liegt derzeit bei einem Druckluftbedarf von mindestens 20 Kubikmetern pro Stunde. Doch mit dichter werdendem Netz an Anbietern wird das Druckluftcontracting sicher auch bald für kleinere Betriebe sinnvoll. Entweder hängen sie sich an den Druckluft-Contract eines nahen Großunternehmens an oder mehrere kleine Unternehmen schließen sich zusammen und suchen sich einen gemeinsamen Druckluftcontracting Partner. Und vielleicht wird es irgendwann einmal heißen: ¿Wozu Kompressoren? Bei uns kommt die Druckluft aus der Steckdose¿.
Matthias Meier / März 2000
Links: http://www.vdma.org, http://www.ea-nrw.de, http://www.kaeser.com








