Interview mit Rainer Beudert
„Mit Edge Computing sind Verbindungsengpässe kein Thema mehr“
Mit Industrie 4.0 wurde ein grundlegender Wandel in der Fertigungs- und Maschinenbaubranche angestoßen. Rainer Beudert, Marketing Director Machine Solutions von Schneider Electric, spricht im Interview über aktuelle Trends und Entwicklungen und zeigt auf, wie sich das Portfolio des Unternehmens durch diese Herausforderung verändert hat. Beudert begann seine Arbeit bei Schneider Electric 2007 als Leiter des Bereichs für internationale Trainings und Kundenschulungen bei dem inzwischen zu Schneider Electric gehörenden Automatisierungsspezialisten ELAU. Zudem war er als Berater zum Thema Industrial-Ethernet-Netzwerke für Unternehmen wie ArcelorMittal, Audi und BMW tätig.
SCOPE: Herr Beudert, wie sehen die derzeitigen Entwicklungen auf dem Markt aus?
Rainer Beudert: Produzenten stehen zunehmend unter Druck. Die Lebenszyklen von Fertigungs- und Produktionsanlagen werden kürzer und neue Produkte sollen möglichst schnell zur Marktreife entwickelt werden. Maschinen müssen heute effizienter und verlässlicher sein als in der Vergangenheit, um auf dem Weltmarktmarkt konkurrenzfähig zu sein. Seit geraumer Zeit gibt es allerdings ver-schiedene technologiegetriebene Ansätze, die auf die veränderte Situation reagieren. Denken Sie nur an die weltweiten Digitalisierungsinitiativen, die derzeit entstehen.
SCOPE: Und wie wirken sich diese neuen Ansätze auf Schneider und seine Kunden aus?
Beudert: Die beschriebene Entwicklung eröffnet uns und unseren Kunden natürlich viele neue Möglichkeiten. Dank IIoT-Lösungen und Cloud Computing können Maschinendaten jetzt rund um die Uhr erfasst, gespeichert und analysiert werden. Solche Daten liefern uns wertvolle Informationen und schaffen somit entscheidende Mehrwerte für Hersteller und Anwender.
SCOPE: Ist das Erfassen von Maschinendaten der einzige Aspekt von IIoT und Cloud Computing?
Beudert: Nein, Datenerfassung ist lediglich ein Aspekt unter vielen. Fest steht, dass Geschäftsmodelle im Automatisierungsbereich über viele Jahre hinweg statisch geblieben sind. Mittlerweile gibt es allerdings deutlich flexiblere Alternativen. Ein gutes Beispiel sind Leasingmodelle für Maschinen- und Automatisierungskomponenten. Dank Internetanbindung und Fernwartung bekommen diese Modelle eine neue und zukunftssichere Grundlage. Unsere Automatisierungskomponenten zu leasen und standort-unabhängig zu verwalten, wird damit weitaus attraktiver als noch vor einigen Jahren.
SCOPE: Sie haben Hardwarekomponenten erwähnt – was ist mit der Software?
Beudert: Viele Softwarehersteller nehmen mittlerweile Abstand von lizenzbasierten Modellen und setzen vermehrt auf interessante Alternativen wie zum Beispiel SaaS-Lösungen. SaaS-Modelle können in verschiedenen Variationen angeboten werden. Das Angebot reicht hier von Abonnement-Modellen bis zu Hybridkonzepten und kann sowohl „Freemium“-Komponenten, also kostenfrei verfügbare Funktionen, als auch hochwertige Service-Leistungen beinhalten. In Kombination mit flexiblen Preismodellen, zum Beispiel auf Pay-per-Use-Basis, kann dieser Ansatz für Kunden besonders dann reizvoll sein, wenn bestimmte Premiumfeatures nur gelegentlich genutzt werden.
SCOPE: Können Sie uns mit Blick auf die angesprochenen SaaS-Modelle konkrete Beispiele nennen?
Beudert: Wir haben zwei wichtige Bereiche identifiziert, in denen SaaS-Modelle zunehmend an Bedeutung gewinnen. Zum Beispiel im Bereich Code Quality Management. Heutzutage wissen Maschinenhersteller und deren Kunden oftmals nicht, ob der verwendete Code überhaupt noch leistungsstark genug ist. Noch schwieriger ist es, festzustellen, ob ein Code sich über die Zeit verbessert hat. Ein servicebasiertes Modell kann hier dazu beitragen, vorhandene Mehrwerte auszuschöpfen und gleichzeitig ein akzeptables Preismodell anzubieten. Der zweite Bereich ist die Datenanalyse in Verbindung mit Serviceleistungen für die Zustandskontrolle – Stichwort präventive Wartung und Event-Management. Eine umfassende Datenanalyse bildet nicht zuletzt auch die Grundlage für automatisierte End-to-End Decisions – einer von mehreren Faktoren, die eine Maschine intelligent macht.
SCOPE: Sie haben intelligente Maschinen angesprochen. Was macht eine intelligente Maschine Ihrer Meinung nach aus?
Beudert: Wir verstehen unter dem Begriff intelligente Maschine oder „Smart Machine“ eine Sammlung intelligenter, vernetzter Produkte, welche die Effizienz durch intuitive Zusammenarbeit mit ihren Anwendern maximiert. Intelligente Maschinen sind in der Lage, sich selbst wahrzunehmen, autonom zu reagieren und gleichzeitig andere Maschinen mit relevanten Echtzeitdaten zu versorgen. Diese Daten können dann sowohl lokal – at the edge – gesichert werden als auch in der Cloud.
SCOPE: Und wie stimmen diese Aspekte mit Ihrem gegenwärtigen Angebot überein?
Beudert: Unser Lösungsangebot zur Automatisierung von Maschinen umfasst ein weites Spektrum an vernetzten Produkten, Edge-Control- und Software-Lösungen. Mit unserer SoMachine-Software können Maschinen beispielsweise in einer einzigen Softwareumgebung konfiguriert und in Betrieb genommen werden, inklusive SPS-Programmierung, Motion Control und HMI-Visualisierung. Auch dedizierte Branchen unterstützen wir mit unserem Know-how im Bereich industrieller und gewerbliche Anwendungen.
SCOPE: Sie haben Edge Control erwähnt. Was hat es damit auf sich?
Beudert: Mit Edge Control hat Schneider Electric ein Konzept aus der Welt der IT in sein industrielles Produktport-folio überführt. Edge Computing zielt darauf ab, Rechen-leistung an die Ränder eines Netzwerks zu verlagern und nicht in einer Cloud oder zentralen Datenbank zu speichern. Auf diese Weise müssen Datenmengen keine großen Distanzen überwinden, wodurch die Latenzzeit und der Bandbreitenbedarf reduziert und die Verfügbarkeit somit deutlich verbessert wird. Potenzielle Verbindungseng- pässe und ein Single Point of Failure sind dann kein Thema mehr. Da die Daten unmittelbar auf dem Gerät verschlüsselt werden, können auch Viren, kompromittierte Daten oder Hackerangriffe effektiver verhindert werden. All die genannten Vorteile gelten auch für Edge Control. Durch Sensoren generierte Daten werden dabei nicht mehr an eine einzelne Steuerung übertragen. Stattdessen wird die Rechenlast über mehrere verteilte Steuerungen in einer dezentralen Architektur verarbeitet. Nur die wirklich relevanten Informationen werden folglich an eine zentrale Verarbeitungsressource weitergeleitet.
SCOPE: Haben Sie denn Kunden, die die Vorteile von Industrie 4.0 bereits nutzen?
Beudert: Ja, zum Beispiel Entrade. Ein Maschinenbauer aus dem Energiesektor, der weltweit Biomasse-Kraftwerke produziert und betreibt. Wir unterstützen das Unternehmen mit passenden Lösungen zur Konfiguration und Überwachung seiner Werks- und Automatisierungskomponenten. Dank unserer Hilfe ist der Kunde in der Lage, über einen OPC-UA-Server, der direkt in die SPS seiner Maschinen eingebettet ist, Daten in kürzester Zeit zu integrieren und zu erfassen. Entrade nutzt dazu ein Maschinen-Gateway, das alle Maschinendaten zusammenfasst und sie mit einer einzelnen OPC-UA-Kommunikationsschnittstelle an die cloudbasierte Schneider Electric Digital Service Platform (DSP) überträgt. Zusätzlich zur DSP können auf Basis der erfassten Maschinendaten auch digitale Services und Anwendungen integriert werden. Der Kunde kann damit sowohl die Effizienz seiner Maschinen überwachen und optimieren als auch die gesammelten Daten in der Cloud abspeichern.









