Editorial

Early Birds

Mitte der 1990er diskutierte ich mit meinem damaligen Chef eine Idee - wir machen nicht nur eine Zeitschrift, sondern ein Komplettpaket mit und zum Thema Internet: Print, Online, Studien und Veranstaltungen rund um eine fokussierte Materie. Die Idee traf bei ihm auf offene Ohren und das Projekt wurde tatsächlich realisiert. Doch nach wenigen Aufbau-Jahren zog die neue Geschäftsführerin den Stecker: Der Content komme im Markt nicht an und online sei sowieso kein Geld zu verdienen. Heute heißt das Thema "Industrie 4.0" und wird vom gesamten Markt diskutiert, Cross-Media ist für die Fachverlage das Zukunftsmodell und Geld lässt sich damit hervorragend verdienen, wie nicht nur der Springer-Verlag zeigt, der sogar einen Großteil seiner Print-Produkte verkauft hat, um sich auf Online-Geschäfte zu konzentrieren. Zwar lautet einer der typischen Beratersprüche der jungen Herren in den schwarzen Gucci-Anzügen, meist bewaffnet mit gigabyte-schweren Powerpoint-Präsentationen: "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen." Das soll heißen: Wer innovationsseitig zu langsam ist, verliert den Anschluss. Klingt gut - und ist aber Blödsinn. Sogenannte Early Birds sind oft nicht in der Lage, die Früchte ihrer Innovation zu ernten, vor allem, wenn es um grundlegend neue Wege geht. Verständlich, denn wahrscheinlich gehen die meisten Menschen lieber den Weg des geringsten Risikos und vertrauen auf Bewährtes ("Never change a running system" - oder "Das haben wir schon immer so gemacht"). Unternehmen, die grundlegend neue Produkte entwickeln, sind deshalb häufig nicht in der Lage, die Früchte ihrer Innovation zu ernten. Das tun oft andere, die die Ideen aufgreifen, weiterentwickeln, verbessern und dann anbieten, wenn der Markt reif dafür ist. Ein gutes Beispiel dafür ist das erfolgreichste Internet-Unternehmen der Welt: Google wurde nicht groß, weil es die Suchmaschine erfunden hat - sondern so anwenderfreundlich verbessert hat, dass Pioniere wie Archie (1990), Gopher (1991), Wanderer (1993) und die ersten kommerziellen Suchmaschinen Lycos (1994) und Altavista (1995) heute schon wieder vergessen sind. Das Erfolgsrezept von Google war es, diese Dienste zum richtigen Zeitpunkt besser anzubieten als alle etablierten Konkurrenten. Mit graduellen Innovationen gelang es den Kaliforniern, sich ab 1998 zum führenden Online-Unternehmen zu entwickeln. Ob Internet-Startup, Industrieunternehmen oder Informationsdienstleister: Die Kunst, ein Produkt erfolgreich zu machen, besteht nicht darin, mit einer Idee der schnellste am Markt zu sein - sondern zum richtigen Zeitpunkt der bessere. Vielleicht ist jetzt ja auch im Verlagsbereich der Markt reif für gute Online-Projekte und ich sollte mal wieder mit dem Chef sprechen - frei nach Victor Hugo: "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist."

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