Hajo Stotz fragt
Digitale Dämmerung?
Für Industrienationen wie Deutschland mit seiner demografischen Entwicklung und seinem Fachkräftemangel ist Industrie 4.0 Voraussetzung für die weitere Entwicklung“, so Indiens Premier Narendra Modi auf der Hannover Messe. Die Herausforderung der indischen Industrie aber sei es, „für unsere wachsende Bevölkerung Arbeitsplätze zu schaffen.“
Doch hierzulande beschäftigt das Thema inzwischen nicht nur Politik- und Industriespitzen sowie die Medien, sondern auch Otto Normalwerker. Normalerweise nehmen beispielsweise an den geführten Touren der Hannover Messe meist nur wenige Interessenten teil. Dieses Jahr waren an allen Tagen alle Touren mit 35 Interessenten jeweils ausgebucht. Das Thema? Industrie 4.0.
Denn gleichgültig ob Chef, Abteilungsleiter oder Werker: Industrie 4.0 wird sowohl arbeitsseitige wie auch gesellschaftliche Veränderungen mitbringen.
Zwar behaupten zahlreiche Studien, dass damit Hundertausende von Arbeitsplätzen geschaffen werden – aber genauso klar muss sein, dass die Entwicklung auch Arbeitsplätze abschafft. Wenn das Werkstück der Maschine sagen kann, wie es individuell gefertigt, lackiert, verpackt, gelagert und versandt werden soll, wird der Werker für die Programmierung der Maschinensteuerung ebenso überflüssig wie der Lagerverwalter.
Ob die Technik dann Industrie 4.0 heißt oder IoT (Internet of Things), wird den Betroffenen sicherlich gleichgültig sein – nicht aber der deutschen Industrie.
Denn die droht bei dem Thema den Anschluss zu verlieren – sagt Reinhard Clemens, CEO von T-Systems: „Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen, um uns pragmatisch schnell auf Standards zu einigen. Das IIC kommt pragmatisch voran, dort wird nicht großartig standardisiert, sondern es werden Quasi-Standards gesetzt. Unsere Gründlichkeit könnte zur Bedrohung für uns werden. Am Ende gewinnt vielleicht nicht der Beste, sondern der Schnellste.“
Das US-Konsortium Industrial Internet Consortium (IIC) will auf bestehende Standards wie Google oder Microsoft setzen, während Industrie 4.0 neue gemeinsame Standards schaffen will – und sich nicht nur nach Meinung von Clemens darin verheddert.
Völlig anders sieht das Stefan Hoppe, Vice President der OPC Foundation, der auf einer Pressekonferenz wetterte: „Industrie 4.0 wird von Teilen der Presse kaputtgeschrieben.“ Das OPC habe hinter den Kulissen eine enorme Arbeit geleistet, rund 280 Firmen würden an einem gemeinsamen Standard mitarbeiten, der nun auch zum Greifen nahe sei, während das IIC bisher nur ankündige, aber nichts Konkretes vorweisen könne.
Interessanterweise arbeitet Microsoft in beiden Gremien mit, und ausgerechnet auf der Pressekonferenz des Softwareriesen freute sich Gast-Referent Hoppe, dass der nun eine spezielle Version Windows 10 for Industry entwickelt habe, das als Plattform für Industrie 4.0 angeboten werde.
So ganz daneben scheint Clemens doch nicht zu liegen.










