Hajo Stotz über das

Internet weiß-blau

„Das Internet ist weiß-blau“, tönte kürzlich Bayerns Heimatminister Markus Söder. Dem hält sein Stuttgarter Kollege Alexander Bonde entgegen, dass Baden-Württemberg bei der digitalen Infrastruktur zusammen mit Nordrhein-Westfalen an der Spitze der Flächenländer liege. Hessens Minister Tarek Al-Wazir oder Thüringens Wolfgang Tiefensee trumpfen dagegen: Bis 2020 bzw. 2018 sei eine flächendeckende Versorgung im jeweiligen Bundesland mit schnellem Internet aufgebaut.

SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz.

Egal was die Politiker als Ziele setzen – der Ausbau hinkt in Deutschland der Zunahme des Datenvolumens um Größenordnungen hinterher. Für einen der führenden Industriestandorte ist die Versorgung mit schnellem Internet völlig unzureichend. Das fängt damit an, dass jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht. Die einen fördern mehr, die anderen weniger. Nur 40 % aller Haushalte in Sachsen-Anhalt haben Zugang zu Internet mit 50 Mbit/s (Hamburg: 94,4; NRW: 75,3; Ba-Wü: 71,3). Das geht weiter mit der Definition. Je nach Bundesland sind 50 Mbit/s, 16 oder mehr als 2 als „schnell“ definiert.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer bieten die kürzlich an Telekom, Telefonica und Vodafone versteigerten Breitbandfrequenzen, die bis spätestens 2017 auf der heutigen DVB-T-Fernseh-Frequenz senden und 98 % der Fläche in Deutschland mit bis zu 10 Mbit/s Mobilfunknetz versorgen sollen.

Doch für Betriebe in der Provinz mit höheren Datenvolumina ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein und klarer Standortnachteil – verglichen mit Metropol-Regionen mit 100 Mbit oder gar Ländern wie Südkorea oder Japan, wo 1.000 Mbit und mehr angeboten werden, wie auch der aktuelle Internet-Report von Akamai aufzeigt: Demzufolge liegt Deutschland abgeschlagen auf Platz 24. Für einen Industriestandort, der Vorreiter beim Thema vernetzte Produktion und Industrie 4.0 sein will, ist das „einfach nur erbärmlich“, wie auch Werner Brühwiler, Geschäftsführer der Sigmatec AG, in seinem Leserbrief feststellt. Damit verglichen ist die Versorgung in seinem Heimatland Schweiz – Akamai-Ranking: Platz 5 – beneidenswert: Seine Firma hat einen 800-Mbyte/s-Glasfaseranschluss symmetrisch – das heißt bei Down- und Upload. Und das für 50 Euro pro Monat.

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Laut Aussage des Statistischen Bundesamtes hat sich das Volumen der monatlichen Datenmenge in Deutschland pro Festnetzanschluss von 2010 mit 11 Gigabyte auf 31,8 in 2015 fast verdreifacht. Geht man von einer ähnlichen Datenzunahme in den nächsten Jahren aus, sind „schnelle“ 50 Mbyte Down- und 10 Mbyte Upload 2020 schon wieder völlig unzureichend. Eine CAD-Zeichnung mit 1 GB Datenvolumen zu versenden, dauert so 16 Minuten.

Zutreffender als Markus Söder beschrieb die Breitbandversorgung hierzulande da doch Kanzlerin Merkel mit ihrer berühmten Aussage: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“

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